Verwirrung über den Schuldenstand der Erde
"World Overshoot Day", der Tag, an dem die Menschheit alle von der Natur zur Verfügung gestellten Rohstoffen verbraucht hat, liegt in diesem Jahr gut 5 Wochen später als 2010. Das bedeutet aber nicht, dass es dem Planeten besser geht: Greenpeace-Experte Jürgen Knirsch erklärt im klimaretter.info-Interview, wie die Wissenschaft ihre Berechnungsmethode geändert hat - und welche Konsequenzen das mit sich bringt.
Jürgen Knirsch, Jahrgang 1954, ist Konsum-Experte bei Greenpeace. Der studierte Biologe arbeitet seit 1999 bei der Umweltorganisation.
Herr Knirsch, den "Global Overshoot Day" - den Tag der ökologischen Überschuldung - gab es zweimal in diesem Jahr. Germanwatch hatte am 21. August den Tag vermeldet, die Wissenschafts-Plattform Global Footprint Network datiert ihn auf heute. Was ist los?
Jürgen Knirsch: Ehrlich gesagt, bin ich nicht sehr glücklich über die Verwirrung. 2009 hatte das Footprint-Netzwerk den "World Overshoot Day" auf den 25. September datiert, 2010 war der Tag bereits über einen Monat früher: am 21. August. Ursprünglich hatten wir also erwartet, dass der Tag in diesem Jahr Anfang August sein wird. Der Augustanfang verstrich dann aber und Anfragen aus Deutschland beim Global Footprint Network wurden erst sehr spät beantwortet. Ich vermute, dass Germanwatch eine eigene Berechnung vorgenommen hat.
Der diesjährige "Overshoot Day" liegt demnach mehr als einen Monat hinter dem vorjährigen. Wie kommt es zu der Differenz?
Die Wissenschaftler des Global Footprint Network haben ihre Bewertungsmethode verändert. In die Berechnung gehen zwei Aspekte ein: Die erste Komponente ist die sogenannte Fußabdrucksmethode, die ermittelt, was die Menschen binnen eines Jahres an Rohstoffen verbrauchen. Die zweite Komponente ist die Biokapazität, also das Vermögen der Natur diese Rohstoffe bereit zu stellen. Und da sagen die Wissenschaftler, sie können das heute konkreter berechnen - das heißt, die Produktivität der Fischgründe vor Chile oder das indische Reisfeld im Verhälnis zum deutschen Kartoffelacker.
Das bedeutet, die Wissenschaft war bislang fehlerhaft. Wie können wir denn sicher sein, dass sie es jetzt nicht mehr ist?
100-prozentige wissenschaftliche Gewissheit gibt es bei solchen Rechenmodellen natürlich nie, da partiell Abschätzungen vorgenommen werden müssen. Bis zum 1. November werden die Wissenschaftler des Global Footprint Network ihre neue Bewertungsmethode aber einem wissenschaftlichen Review-Verfahren unterziehen. Andere Experten werden sich den Rechenweg ansehen, ihn kritisieren und bewerten, um dann nach dem 1. November ein Urteil zu fällen. Ja, die neue Methode ist besser - und muss weiter verbessert werden.

In diesem Jahr wird die Menschheit nach Berechnungen des Global Footprint Network 135 Prozent dessen verbrauchen, was eine intakte Erde an Rohstoffen und Platz für Müll inklusive des Atmosphärenmülls zur Verfügung stellen kann. (Abb.: Global Footprint Network)
Klimaskeptiker und andere Kritiker solcher wachstumskritischen Wissenschaft werden jubilieren: Seht her, die haben sich schon wieder verrechnet. Ist der "World Overshoot Day" beschädigt?
Für all jene, die mit dem "World Overshoot Day" zu tun haben, ist das natürlich erstmal ein Fiasko. Wie soll man denn erklären, dass die ökologische Überschuldung 2011 wesentlich später einsetzt als in den Jahren zuvor?
Andererseits hat das aber auch einen Vorteil: Die Wissenschaftler zeigen uns, dass sie sehr gewissenhaft ihre eigene Arbeit auf den Prüfstand stellen. Das schafft mehr Vertrauen in ihre Datenlagen und Aussagen.
Wenn der wissenschaftliche Review-Prozess zu einem positiven Ergebnis kommt, müssen also alle "Overshoot Day" rückwirkend korrigiert werden. Was ist die Folge?
Das Global Footprint Network hat die Daten für die zurückliegenden Jahre bereits geändert. Demnach war die Erde 2010 am 1. Oktober ökologisch überschuldet, im Jahr zuvor war es der 4. Oktober.
In der Konsequenz müssen wir stärker den Symbolgehalt dieses Tages hervorheben. Ich vergleiche das mit dem Tag, an dem die UNO sagt: Am 31. Oktober leben 7 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Das heißt eben nicht, dass am 31. Oktober 23.59 Uhr der sieben milliardenste Mensch geboren wird. Vielleicht kam der schon eine Wochen vorher auf die Welt - so genau weiß das niemand. Aber wir brauchen diesen Tag als Symbol.
Interview: Nick Reimer
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