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Arktiseis auf historischem Minimum

Mit 4,24 Millionen Quadratkilometern hat die arktische Eisfläche eine noch geringere Ausdehnung als im bisherigen schlimmsten Jahr 2007. Damit geht das Eis fast doppelt so schnell zurück wie vom Weltklimarat IPCC prognostiziert. Das hat auch Auswirkungen auf unsere Winter, die immer kälter werden.

Von Hanno Böck und Nick Reimer

Was schon länger befürchtet wurde, ist nun Gewissheit: Mit 4,24 Millionen Quadratkilometern hat die arktische Eisfläche eine noch geringere Ausdehnung als 2007 - dem Zeitpunkt des letzten Rekordes. Das Institut für Umweltphysik an der Universität Bremen untersucht in Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumbehörde ESA permanent die Ausdehnung des Eischildes anhand von Satellitendaten und stellt die Ergebnisse ins Internet.


Die Arktis schmilzt immer schneller. (Foto: Wilderness Society)

"Der Rückgang des sommerlichen Eises beträgt seit 1972 bereits 50 Prozent. Für Kleinlebewesen, die an der Unterseite des Eises leben und gleichzeitig Ausgangspunkt der Nahrungskette auch für uns Menschen sind, bleibt immer weniger Lebensraum", erklärt Georg Heygster vom Institut für Umweltphysik angesichts der jüngsten Ergebnisse.

Der Rückgang des arktischen Eises gilt als eines der alarmierendsten Symptome des Klimawandels. Doch nicht nur das: Der Rückgang  führt auch selbst zu einer Verstärkung der globalen Erwärmung. Die hellen Eismassen reflektieren Sonnenstrahlung zurück in den Weltraum. Schmilzt das Eis, wird verstärkt Sonnenwärme durch das Meer aufgenommen - der sogenannte Eis-Albedo-Rückkopplungseffekt. Auch das Auftauen von Permafrostböden beschleunigt den Treibhauseffekt.

Wissenschaftlern ist dieser Albedo-Effekt natürlich längst bekannt. Allerdings wirkt er offenbar deutlich stärker, als bislang in den Berechnungen der Klimaforscher erwartet wurde. Eine Analyse der Albedo-Rückkopplung innerhalb der letzten 30 Jahre kommt zu dem Schluss, dass das in der Arktis verloren gegangene Reflexionsvermögen tatsächlich doppelt so hoch ist, wie bislang vermutet. Wie US-amerikanische Forscher im Magazin Nature Geoscience schreiben, hat dieser Eisverlust auch negative Auswirkungen auf den Kühlungseffekt der Gesamtheit aller Schnee- und eisbedeckten Flächen der Erde, der so genannten Kryosphäre.

Die Forscher analysierten Messdaten zur arktischen Eisbedeckung zwischen 1979 und 2008 und deren Reflektivität. Diese Werte verglichen sie dann mit jenen Werten, die in die 18 gängigen Klimamodelle eingegangen sind. Die Analyse ergab, dass der mittlere Strahlungsantrieb – die Energiemenge, die vom Eis in die Atmosphäre reflektiert wird – zwischen 4,6 und 2,2 Watt pro Quadratmeter liegt. Tendenz deutlich sinkend. Binnen der vergangenen 30 Jahre sank der Kühlungseffekt der Kryosphäre den Untersuchungen zu Folge um 0,45 Watt pro Quadratmeter, vermutlich zu gleichen Teilen verursacht durch das Schwinden von Schnee und das Schmelzen von Meereis.


Das Abschmelzen in der Arktis: das blaue Band ist die Prognose des Weltklimarates, die rote Kurve zeigt die tatsächlichen Messdaten der Satelliten. (Grafik: Rahmstorf)

"Die tatsächlichen Messdaten zum Schwund in der Arktis zeigen, dass sich der Rückgang der Eismassen wesentlich schneller vollzieht, als vom IPCC prognostiziert", hatte der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung klimaretter.info im Dezember erklärt. Die Forscher glauben nun, mit Ihrer Arbeit die Lücke zwischen Prognose und tatsächlichen Messdaten gefunden zu haben.

Andere Wissenschaftler des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung hatten die Auswirkungen des Abschmelzens auf das mitteleuropäische Wetter untersucht. Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit extrem kalter Winter in Europa und Nordasien verdreifacht sich.

"Harte Winter wie der vergangenen Jahres widersprechen nicht dem Bild globaler Erwärmung, sondern vervollständigen es eher", erklärt der Forscher Vladimir Petouhkov. Die Eisschmelze in der Arktis heizt dort untere Luftschichten auf, was zu Störungen der Luftströmungen führt und so eine Abkühlung des nördlichen Kontinents zur Folge hat.


Darstellung der Arktisschmelze auf Basis von Satellitendaten. (Bild: Universität Bremen)

Die Eisschmelze ermöglicht es, Rohstoffe kommerziell zu fördern, die bislang als unerreichbar galten. Ölkonzerne und die Arktis-Anreinerstaaten streiten sich seit langem um die dadurch ermöglichte Ausbeutung der Arktis. Es gibt also - neben dem physikalischen Rückkopplungs-Effekt - auch noch einen Menschengemachten: Der Rückzug der Arktis erlaubt die Förderung von Öl - welches selbst den Klimawandel weiter anheizt. US-Präsident Barack Obama hat im August erste Bohrungen in der Arktis genehmigt, der schottische Konzern Cairn Energy lieferte sich im Sommer eine Auseinandersetzung mit Greenpeace um die Ölförderung in Grönland.

Ebenfalls wirtschaftliche Bedeutung hat die sogenannte Nordwestpassage. Sie verbindet den atlantischen mit dem pazifischen Ozean nördlich von Amerika. Im Vergangenen Jahr befuhr zum ersten Mal ein Öltanker die Nordwestpassage. Ihre wirtschaftliche Entwicklung wird derzeit massiv vorangetrieben. Eine eisfreie Nordwestpassage - was in Zukunft immer häufiger vorkommen wird - ermöglicht deutlich kürzere Transportwege für den Wagenverkehr, beispielsweise zwischen Westeuropa und dem Osten von Asien.


Die Ölplattform Transocean Arctic - vom selben Hersteller wie die Deepwater Horizon - kann auch in eisigen Umgebungen Öl fördern. (Foto: Marcusroos, Wikimedia Commons)

Die Arktis bezeichnet die Region des nördlichen Polarmeeres und die von Eis bedeckten nördlichen Teile von Europa, Amerika und Asien. Der Nordpol ist - im Gegensatz zum Südpol - nicht von Land bedeckt, sondern ausschließlich von einer Eisschicht.

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