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Sieben Zertifikate für Agrosprit anerkannt

Bis 2020 will die EU den Anteil der erneuerbaren Energien im Verkehrssektor auf zehn Prozent erhöhen. Hierfür soll vor allem mehr Agrosprit in europäische Tanks fließen. Die Kommission hat heute sieben freiwillige Zertifizierungssysteme anerkannt, die garantieren sollen, dass die Herstellung der Treibstoffe keinen Schaden anrichtet.

Von Eva Mahnke

Die Kohlendioxid-Emissionen müssen runter – auch im Verkehrssektor. Denn mit mehr als 20 Prozent trägt dieser Bereich erheblich zum Treibhausgasausstoß in der Europäischen Union bei. Deshalb hat die EU beschlossen, dass bis 2020 im Verkehrssektor zehn Prozent erneuerbare Energien genutzt werden müssen. Erreicht werden soll dies vor allem über die Erhöhung des Anteils der Agrokraftstoffe.


Die Straßen sind zu voll - ein Fünftel der deutschen Kohlendioxidemissionen entstehen im Verkehrssektor. (Foto: flickt/Sindre Wimberger)

Die Kehrseite dieser Strategie: Für die Herstellung von Agrokraftstoffen ist Land notwendig, auf dem die riesigen Mengen an Mais, Zuckerrohr und Palmöl wachsen können. Seit einigen Jahren kritisieren Umwelt- und Entwicklungshilfeorganisationen die negativen Auswirkungen der EU-Politik. Der Anbau von Pflanzen für die Treibstoffproduktion verteuert die Preise für Grundnahrungsmittel und macht sie für die Ärmsten in Entwicklungsländern unerschwinglich. Um Anbauflächen zu gewinnen, werden zudem tropische Wälder gerodet und wertvolle Feuchtgebiete trocken gelegt. In der Gesamtbilanz, so die Kritiker, würde hierdurch mehr Kohlendioxid freigesetzt als durch die Ersetzung fossiler Treibstoffe eingespart würde. Die EU-Politik erweise sich als kontraproduktiv.

Um diesem Problem zu begegnen hat die EU-Kommission vor einem Jahr die Mitgliedsstaaten sowie Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen aufgefordert, freiwillige Zertifizierungssysteme für Agrotreibstoffe zu entwickeln. Diese sollen sicherstellen, dass der Treibstoff, der in den Tanks europäischer Autos landet, "nachhaltig" produziert wurde. Die Kommission hat aus 25 eingereichten Vorschlägen insgesamt sieben Zertifizierungssysteme anerkannt.


Agrotsprit von brasilianischen Zuckerrohrplantagen muss künftig in der EU zertifiziert werden. (Foto: wikipedia)

Die Auswahl ist damit nicht abgeschlossen. Jedes System, das die von der EU vorgegebenen Nachhaltigkeitskriterien erfülle, werde zugelassen, erläuterte Energiekomissar Günther Oettinger am Dienstag in Brüssel. Oberstes Gebot: Die Treibstoffe dürfen nicht aus Rohstoffen hergestellt werden, für die tropische Wälder gerodet, Torfmoore entwässert oder Flächen mit großer biologischer Vielfalt zerstört wurden. Zudem müssen die Agrotreibstoffe in ihrer Gesamtbilanz mindestens 35 Prozent weniger Kohlendioxid emitieren als fossile Kraftstoffe. Dieser Wert soll ab 2018 auf 60 Prozent steigen. Die Zertifizierer dürfen ihr Nachhaltigkeitssiegel nur dann vergeben, wenn unabhängige Prüfer vom Pflanzenanbau über die Produktion bis hin zum Handel für die gesamte Herstellungskette die Einhaltung der Kriterien nachvollziehen können.

"Wir müssen sicherstellen, dass die gesamte Agrokraftstoffherstellungs- und –versorgungskette nachhaltig ist", sagte Oettinger. "Deshalb haben wir die weltweit höchsten Nachhaltigkeitsstandards festgelegt. Die heute auf EU-Ebene anerkannten Systeme sind ein gutes Beispiel für ein transparentes und zuverlässiges System, das dafür sorgt, dass diese hohen Standards erreicht werden."

Die Treibstoffproduzenten und -importeure haben die freie Wahl, von welchem System sie sich überprüfen lassen. Zwar gibt es neben den sieben anerkannten Siegeln auch weitere - in Deutschland zum Beispiel das Zertifizierungssystem REDcert. Nur die EU-zertifizierten Kraftstoffe können aber auf die nationalen Ziele zum Ausbau der erneuerbaren Energien angerechnet werden.

Eines der sieben anerkannten Zertifzierungssysteme ist das ISCC-Siegel. An der Entwicklung des Siegels haben verschiedene Unternehmen der gesamten Herstellungskette, Industrieverbände und Forschungsinstitutionen, aber auch Nichtregierungsorganisationen wie der WWF mitgewirkt. Daneben haben auch staatliche Systeme sowie von der Industrie entwickelte Siegel die Anerkennung durch die EU erhalten.

Die umstrittenen indirekten Landnutzungsänderungen sind bisher noch nicht in die Bewertung der Systeme eingeflossen. Dieses Phänomen tritt auf, wenn zwar der Agrosprit künftig auf zertifizierten Flächen angebaut wird, dafür jedoch Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln oder Ölpflanzen für die Kosmetikindustrie gerodet werden. Nach der Sommerpause will sich die Kommission zwar dieser Frage widmen, so Oettinger. Ob deren Berücksichtigung Einfluss auf die bisherige Anerkennung der Zertifzierungssteme haben werde, ließ er allerdings offen.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte die Kommission dringend auf, hier nachzubessern und die indirekten Landnutzungsänderungen mit aufzunehmen. "Die europäische Gesetzgebung geht an der Realität vorbei", kritisiert die Greenpeace-Waldexpertin Gesche Jürgens. "Jetzt treiben die sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen die Urwaldzerstörung voran. Sie spielen aber in der EU-Nachhaltigkeitsverordnung für Agrotreibstoffe überhaupt keine Rolle." Agrosprit sei der falsche Weg, um den Ausstoß von klimaschädlichem CO2 im Verkehrssektor zu erreichen. "Berücksichtigt man die indirekten Landnutzungsänderungen, sind pflanzliche Treibstoffe klimaschädlicher als fossile Kraftstoffe."

Das Institut für Europäische Umweltpolitik (IEEP) rechnet für die Zukunft damit, dass rund 40 Prozent des europäischen Agrodiesels importiert werden müssen, um den wachsenden Bedarf zu decken. Um das europäische Erneuerbare-Energien-Ziel im Verkehrssektor zu erreichen, wäre eine Fläche in der doppelten Größe Belgiens nötig.

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