Das böse Wort Verzicht
In München tagt das Klima-Bündnis der europäischen Städte. Zum Auftakt hält Mohan Munasinghe, Vizechef des Weltklimarats, eine Gardinenpredigt und fordert "Milleniums-Konsumziele".
Aus München Daniela Becker
Die Anreise von Mohan Munasinghe war beschwerlich: Der Pass ging verloren, er ist im Stress, da er gleich den nächsten Flieger erwischen muss, schon morgen spricht er wieder vor der UN. Aber es ist ihm wichtig, hier in München zu sein und zu der, wie er sagt, "Crème de la Crème der internationalen Klimaschutzcommunity" zu sprechen. Nun steht er hier, der sri-lankische Physiker, Wirtschaftswissenschaftler und stellvertretende Vorsitzender des Weltklimarats (IPCC) im schwarzem Anzug und mit rotem Einstecktüchlein, und stellt auf der Jahrestagung des "Klima-Bündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder", seine Wirtschaftstheorie "Sustainomics" vor, seinen Vorschlag, Armutsbekämpfung und Klimaschutz zu vereinen.

Mohan Munasinghe in München. (Foto: Tobias Hase)
"Der wirklich schwierige Part sind die Machtstrukturen. Diejenigen, die heute regieren, sind nicht diejenigen, die den Preis in der Zukunft zahlen müssen. Es sind die Armen, die am meisten leiden müssen", sagt Munasinghe.
Vier Klimagipfel gab es seit dem letzten IPCC-Report, der von dramatischen Entwicklungen, extreme Wetterereignissen, wie Dürre, Stürme oder Flut, Fischsterben durch Versauerung der Ozeane und der immer schneller ansteigende Meerespiegels berichtete. Der letzte Klimagipfel Ende 2010 in Cancún endete mit dem Minimalziel, das Kyoto-Protokoll bis 2012 fortzusetzen. Ein Folgeabkommen gibt es nicht. Die internationalen Spitzenpolitiker haben versagt.
Hier in München spricht Munasinghe zu Bürgervertretern am anderen Ende der politischen Skala, es sind Bürgermeister, Stadträte, Kommunalvertreter. Sie sehen sich nicht als Verhinderer wirksamer Klimastrategien, sondern vielmehr als Teil der Lösung. Seit Gründung vor 21 Jahren haben sich dem Klima-Bündnis über 1.600 europäische Städte und Gemeinden angeschlossen. Ihr Ziel ist es, den Kohlendioxid-Austoß der Kommunen bis zum Jahr 2030 gegenüber 1990 zu halbieren und die Regenwälder in Zusammenarbeit mit der idigenen Bevölkerung zu schützen.
An den Regenwälder lässt sich ein wesentliches Problem festmachen: "Die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen wird ignoriert, wie auch die Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt – ein zukünftiger großer Kostenfaktor. Wenn man sich nur auf den schnellen Profit stürzt, erliegt man der Illusion, dass alles fortwährend besser wird", sagt Munasinghe. Entwicklung lasse sich aber anders – nachhaltig – gestalten, ist die Auffassung des Professors und Kernthese seiner Wirtschaftstheorie. Er fordert "Millenniums-Konsumziele", mit denen sich die Welt auf eine zukunftsfähige Entwicklung verpflichtet. Das böse Wort vom Verzicht steht also im Raum. "Wir müssen nicht unser gutes Leben aufgeben. Aber: Die 1,4 Milliarden Menschen, die die reichsten 20 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und 80 Prozent der globalen Produktion verbrauchen, müssen ein klein wenig an ihrem Lebensstil ändern, damit auch der Rest der Bevölkerung gut leben kann."
Business as usual nach der Finanzkrise
Bisher setze die Weltgemeinschaft die falschen Prioritäten. "Für die Lösung der Finanzkrise wurden fünf Billionen Dollar ausgegeben, und nun wird business as usual gemacht. Da haben wir leider nicht viel dazu gelernt. Die Ausgaben für den Klimaschutz sind dagegen verschwindend gering." Dabei sei es so einfach. "Bitte hören Sie auf nachhaltige Entwicklung definieren zu wollen. Die Frage ist: Macht die Maßnahme die Situation besser?" Lokal einkaufen, Bäume pflanzen, effizienter produzieren, weniger Energie und Ressourcen verwenden. "Wir haben die Möglichkeiten, das ist keine Raketenwissenschaft", meint er, aber es fehle eben am politischen Willen. "Wir müssen da weiter Druck machen", appelliert er an die Bündnis-Mitglieder, "aber wir müssen nicht auf Entscheidungen von oben warten."

Marburgs Bürgermeister Franz Kahle (Grüne) mit Solaranlage - hier allerdings einer Photovoltaik-Anlage. (Foto: Stadt Marburg)
Dem kann Silvia Hesse, Leiterin der Agenda 21-Büros in Hannover nur zustimmen. Die niedersächsische Landeshauptstadt hat 2009 die Milleniumserklärung der Mitgliedskommunen des Deutschen Städtetags beschlossen. Im EU-geförderte Projekt "aware and fair" arbeitet die Stadt gemeinsam mit ihren Partnerstädten Poznan in Polen, Blantyre in Malawi und Bristol in England an einem nachhaltigen Lebensstil. Ein wesentliches Element: den Markt für fair gehandelte Lebensmittel zu öffnen. In Hannover werden nun für städtische Mitarbeiter, in Schulen und Jugendzentren und bei städtischen Veranstaltungen verstärkt fair gehandelte Produkte angeboten. "Wir betonen den gemeinsamen Aspekt: Nicht wir helfen, sondern wir entwickeln gemeinsam eine Strategie", sagt Silvia Hesse, "das macht Spaß und hilft beiden Seiten."
Auch die Stadt Marburg wollte nicht auf die große Politik warten. Vor drei Jahren wurde eine Solarsatzung beschlossen, die den Einbau solarthermischer Anlagen auf Dächern von Neu- und Altbauten flächendeckend zur Pflicht macht. Das Beispiel zeigt leider, dass Klimaschutz einen langen Atem braucht: Die Satzung verstoße gegen die hessische Bauordnung, so ein Gerichtsurteil. Marburg gibt nicht auf und hat Berufung eingelegt.
Mehr Erfolg in Nürnberg
Mit mehr Erfolg beschieden ist das Nürnberger Energie-Spar-Projekt unter Federführung des Amts für Existenzsicherung und soziale Integration bietet Hilfe zur Selbsthilfe: Über eine intensive, persönliche Beratung durch professionelle Energieberater soll einkommensschwache Haushalte ermöglicht werden, ihren Energieverbrauch nachhaltig zu senken. Die Zusammenarbeit zwischen den Sozialdiensten, der ARGE und dem Energieversorger N-Ergie sei ein voller Erfolg, viele Haushalte konnten durch einfach Maßnahmen ihre Energiekosten erheblich senken, sagen die Beteiligten. "Beeindruckend finde ich, dass die Beratung nicht bei den Haushalten endet, sondern auch mit den Vermietern Gespräche über den Sanierungsbedarf geführt werden", sagt Michael Kopatz vom Wuppertal Institut.
Ein Projekt ganz in Munasinghes Sinne. Er hat seine Vorschläge in die Vorbereitungen zum UN-Gipfel zur nachhaltigen Entwicklung 2012 in Rio eingebracht. Er schlägt Ziele für die "überentwickelten" Länder bis 2020 vor, die deren Lebensstil verändern sollen: Energie- und Wasserverbrauch, Bekämpfung der Fettleibigkeit, Gebäudesanierung, Steuern auf Luxusgütern, bessere Arbeitsbedingungen und reduzierte Arbeitszeiten. Einschränken, aber trotzdem gut leben ist die Devise. Bleibt abzuwarten, ob der nächste internationale Gipfel verbindlicher Vereinbarungen hervorbringt, als der letzte Klimagipfel. "Die Frage ist: Müssen wir erst die Klippe runterfallen oder sind wir klug genug, vorher zu handeln? Ich bin da optimistisch. Wir müssen es weiter versuchen", sagt Munasinghe, "und zwar jeder Einzelne."
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