"Die Shell-Leute erschossen Schwangere"
Nigerianische Umweltorganisationen werfen Erdölkonzernen Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung vor. Sie fordern, die schlimmsten Verschmutzer des Landes zu verweisen. Mal wieder.
Aus Dakar und Lagos Ebrima Sillah und Sam Olukoya (IPS)
Nigerias Umweltaktivisten, allen voran engagierte Frauengruppen, fordern ein Ende der katastrophalen Umweltzerstörung und der anhaltenden Gewalt im ölreichen Nigerdelta. Die Erdölförderung müsse im Dialog mit den betroffenen Gemeinden neu ausgehandelt und die größten Umweltverschmutzer des Landes verwiesen werden.

Alltäglich in Nigeria: Ölverseuchtes Gebiet im Nigerdelta. (Foto: eraction.org)
"Die nigerianische Gesellschaft macht die internationalen Ölkonzerne für die schweren ökologischen Schäden im Nigerdelta verantwortlich", sagt Goodison Jim Dorgu, Leiter der nigerianischen Umweltorganisation Environmental Health and Safety Network. Sie sollen dafür aufkommen und dann, wie Dorgu formuliert, "unverzüglich abziehen". Die Erdölindustrie habe auch die seit Jahrzehnten andauernde Gewalt im Nigerdelta provoziert.
Ein Urteil, dass auch Emem Okon, die Vorsitzende des Women's Development and Resource Centre in Port Harcourt fällt. Okon beschuldigte die Öl-Multis, ihre Sicherheitskräfte hätten sich an Übergriffen auf Frauen beteiligt. "Als Shell im Bundesstaat Akwa-Ibom konzerneigene Sicherheitskräfte etablierte, griffen sie Frauen an und erschossen eine Schwangere", berichtete sie auf dem am Wochenende in Senegals Hauptstadt Dakar zu Ende gegangenen Weltsozialforum.
Doch auch dem nigerianischen Militär warf Okon schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Sie erinnerte an die Rebellenbewegung in Ogoniland, die Mitte der 1990er Jahre brutale Armeeeinsätze zur Folge hatte. "Damals missbrauchten die Mitglieder einer von der Regierung eingesetzten Sicherheitstruppe Frauen als Kriegswaffe. Sie vergewaltigten sie und machten viele junge Mädchen zu Sexsklavinnen."
Agrarland verseucht
"Für Frauen ist die Umwelt Teil ihres Lebens", erklärte auf dem Weltsozialforum Debbie Effiong von der Organisation Gender and Development. Das Ackerland, das sie bewirtschaften, sei durch Erdöl verseucht worden. "Als die Frauen jedoch auf ihr Recht auf Wiedergutmachung bestanden, griff das Militär ein." Wieder waren vor allem Frauen die Leidtragenden.
Erst diese Unterdrückung brachte viele Frauen dazu, sich für ökologische Gerechtigkeit zu engagieren. Doch zahlreiche bewaffnete, kriminelle Banden schadeten dem ökologischen Engagement der Frauen. "Etliche verloren bei den Kämpfen Männer oder Kinder und stellten ihre weitere Beteiligung in Frage", berichtete Effiong.

Der aus dem Nigerdelta stammende Lyriker und Vorsitzende der NGO Friends of the Earth International, Nnimmo Bassey ruft in Kopenhagen zu Klimagerechtigkeit auf. (Foto: Christoffer Askman / FoEI)
2008 hatten niederländische Aktivisten Shell vor Gericht gebracht, 2009 bot die nigerianische Regierung den Rebellen im Nigerdelta Friedensverhandlungen und eine Amnestie an. Dennoch gab es bis Ende 2010 weitere Angriffe auf Pipelines und Förderanlagen. Auch wurden Klagen laut, die Regierung habe Versprechungen nicht eingehalten. Immerhin beteiligen sich derzeit fast 27.000 junge Männer an handwerklichen Förderkursen und an einem Anti-Gewalt-Training.
Erdöl und Erdölprodukte machen 90 Prozent der nigerianischen Exporte aus und sind der wichtigste Devisenbringer des westafrikanischen Landes. 1.000 Barrel Erdöl wurden 2008 täglich exportiert. Bei der Verbrennung eines Barrel Erdöls entstehen etwa eine halbe Tonne Kohlendioxid. Die Erschließung großer Erdgasfelder vor der Küste lockt selbst aus dem fernen China Investoren ins Land.
Frauen wollen in die Politik
Es bleibt abzuwarten, wie sich zehn Jahre Gewalt und Anarchie im Nigerdelta auswirken. "Mit der Aufforderung an die Erdölkonzerne, das Land zu verlassen, hat die Bevölkerung gezeigt, dass sie sich nicht einschüchtern lässt", betonte Effiong. Die Frauen jedenfalls wollten sich stärker in die Politik einmischen - und selbst eine politische Position übernehmen. "Wenn man ihnen bei den Wahlen in diesem Jahr eine Chance gibt, könnte sich am Führungsstil in unserem Land einiges ändern."
Dagegen stellt sich der aus dem Nigerdelta stammende Lyriker und Vorsitzende der NGO Friends of the Earth International, Nnimmo Bassey, auf einen noch lange andauernden Kampf für mehr Umweltgerechtigkeit in seiner Heimat ein. Auf dem Weltsozialforum in Dakar erklärte er: "Wir tun viel für Ausbildung und Mobilisierung von Basisgruppen. Doch die für die Umweltschäden Verantwortlichen sind gut etabliert. Militär und Regierung stärken den Erdölkonzernen den Rücken." Bassey, Träger des Alternativen Nobelpreises, ist dennoch überzeugt: "Vor uns liegt zwar noch viel Arbeit, doch eines Tages, wenn niemand mehr damit rechnet, wird sich das Volk durchsetzen."
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