Die vertuschte Katastrophe
Bis heute wird über die Zahl der Tschernobyl-Toten gestritten. Die offiziellen Angaben der Weltgesundheitsorganisation werden mit der Internationalen Atomenergiebehörde abgestimmt, einer Lobbyorganisation für die Atomkraft. Die Katastrophe zeigt außerdem, dass den Mächtigen ihr Ansehen wichtiger ist als die Gesundheit der Bevölkerung.
Aus Berlin Felix Werdermann
Im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark gab es die ersten Zeichen: Die Geigerzähler knattern ohne Pause. Das sind die Geräte, mit denen Radioaktivität gemessen wird. Die Strahlung ist deutlich höher als normalerweise, und das auch noch einen Kilometer entfernt vom Reaktor. Der Kraftwerksleiter löst Alarm aus, die Bevölkerung wird über Rundfunk informiert. Doch die Gefahr kommt nicht aus dem Kraftwerk in Forsmark. Die Schweden merken an jenem Tag die Folgen einer Atomkatastrophe, wie es sie bis dahin noch nicht gegeben hat: In Tschernobyl, mehrere hundert Kilometer entfernt, war es zwei Tage vorher zum Super-GAU gekommen.
Die Sowjet-Regierung verheimlicht den Unfall
Das Atomkraftwerk Tschernobyl liegt in der Ukraine, nahe der Grenze zu Weißrussland. Das Datum verändert die Welt: Der 26. April 1986 steht für das Versagen der sogenannten zivilen Nutzung der Atomenergie. Bekannt wird das Drama aber erst in den Tagen danach. Nachdem in Forsmark Alarm geschlagen wurde, messen auch andere Orte in Skandinavien erhöhte Werte. Wetterexperten rechnen aus, woher die radioaktive Wolke gekommen sein muss: Aus der damaligen Sowjetunion.

Prypiat, die Stadt der Atomkraftwerker vor der Katstrophe. (Foto: priryat.com)
Dort wird die Katastrophe zunächst vertuscht, erst nach den Vorwürfen aus Westeuropa gibt die autoritär-kommunistische Regierung zu, dass es einen "Unfall" gab. In einer geheimen Sitzung des Zentralkomitee soll Generalsekretär Michail Gorbatschow gesagt haben: "Wenn wir die Öffentlichkeit informieren, sollten wir sagen, dass das Kernkraftwerk gerade renoviert wurde, damit kein schlechtes Licht auf unsere Ausrüstung geworfen wird." Die Bevölkerung wurde auch erst nach mehr als 24 Stunden über den Unfall informiert und aufgefordert, die Stadt zu verlassen.
Radioaktive Wolke stoppt an französischer Grenze
Auch in Frankreich versucht die Regierung, möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Panikstimmung oder Kritik an der Atomenergie sollen gar nicht erst aufkommen, schließlich wird der größte Teil des Stroms aus der Kernspaltung gewonnen. Die angeblich gemessene radioaktive Belastung für Frankreich lässt nur einen Schluss zu: Die radioaktive Wolke ist von Tschernobyl gen Westen gezogen, über Deutschland hinweg, aber an der französischen Grenze hat sie Halt gemacht. Inzwischen hat der damalige französische Umweltminister eingeräumt, die Werte seien um das 1.000fache niedriger angegeben worden als zutreffend. Wie es dazu kam, ist angeblich nicht mehr nachvollziehbar.
Bis heute dürfen in manchen Teilen Bayerns bestimmte Pilze nicht gegessen werden, weil der Boden durch den Regen radioaktiv verseucht wurde. Weltweit ist die Strahlenbelastung durch Tschernobyl angestiegen – der Unfall ist somit heute noch nachweisbar, wenn auch die jährliche Strahlendosis sehr gering ist.
Streit um die Zahl der Todesopfer
Durch die Katastrophe haben Tausende Menschen ihre Heimat verloren. Allein in Weißrussland wurden über 100.000 Menschen umgesiedelt. Wie viele an den gesundheitlichen Folgen gestorben sind, darüber gibt es einen großen Streit. Die Schätzungen reichen von 50 bis zu über 100.000 Toten. Eine genaue Zahl zu ermitteln ist vor allem deshalb schwierig, weil eine Krankheit sich häufig nicht eindeutig auf die höhere Radioaktivität als Ursache zurückführen lässt.

Liquidatoren, angetreten die Katastrophe einzudämmen. Wieviele von ihnen der Strahlung zum Opfer fielen, ist umstritten.
Im Jahr 2005, knapp 20 Jahre nach der Katastrophe, gibt die Weltgesundheitsorganisation WHO zusammen mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) eine Mitteilung heraus. Darin heißt es, bislang lasse sich der Tod von weniger als 50 Menschen auf den Unfall zurückführen. Insgesamt erwarte man etwa 4.000 Tote. Dabei seien in den Jahren 1986 und 1987 etwa 200.000 Rettungs- und Bergungsarbeiter der Strahlung ausgesetzt worden. Damals wurden vor allem junge Soldaten aus der ganzen Sowjetunion zum Reaktor gebracht, damit sie – kaum geschützt – die Reaktortrümmer wegräumen. Oft waren sie der Strahlung nur wenige Minuten ausgesetzt, aber die reichten, um ihr Leben zu verändern. Viele wurden krank oder starben an den Folgen.
Vertrag mit Atomlobbyorganisation
Dass die Weltgesundheitsorganisation WHO solch niedrige Todeszahlen veröffentlicht, könnte auch mit einem Kooperationsvertrag zusammenhängen, der 1959 mit der Atomenergiebehörde IAEA geschlossen wurde. Darin heißt es: "Jedes Mal, wenn eine der Parteien beabsichtigt, ein Programm oder eine Aktivität in einem Bereich zu unternehmen, der von erheblichem Interesse für die andere Partei ist oder sein könnte" - also aus Sicht der WHO jegliche Forschung, die mit Atomenergie zusammenhängt – dann müsse sich die WHO mit der IAEA abstimmen, "um die Frage in gegenseitiger Übereinstimmung zu regeln". Bei Studien über Tschernobyl arbeiten WHO und IAEA dann auch sehr eng zusammen. Und die IAEA wiederum ist nicht so unabhängig, wie sie manchmal gerne dargestellt wird.

Die Strahlung heute in der Todeszone: Rot ist viel, grün bedeutet "normal". (Foto: Reimer)
Sie hat zwei Ziele: Zum einen will sie den unerlaubten Handel mit radioaktivem Material unterbinden, um das Risiko von Atomwaffengebrauch zu senken. Zum anderen fördert sie aber die sogenannten zivile Nutzung der Atomenergie. Im Statut der IAEA heißt es: "Die Behörde versucht den Beitrag von Atomenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand in der Welt zu beschleunigen und auszuweiten."
Politische Folgen von Tschernobyl
Nach der Katastrophe von Tschernobyl entflammt die Debatte um Atomkraft neu. Die Kraftwerksbetreiber betonen immer wieder, dass ein solcher Unfall in einem deutschen Kraftwerk ausgeschlossen sei. Exakt der gleiche Vorgang würde sich tatsächlich wohl nicht wiederholen. Dennoch: Tschernobyl hat gezeigt, dass etwas eintreten kann, das sich zuvor niemand ausmalen konnte oder wollte. Deswegen ist auch die Bezeichnung "Super-GAU" nicht übertrieben. GAU steht für den Größten Anzunehmenden Unfall, bei dem keine große Mengen an Radioaktivität freigesetzt werden. Alles, was darüber hinaus geht, wird mit Super-GAU bezeichnet.
In Deutschland erstarkt nach Tschernobyl die Anti-Atomkraft-Bewegung, die SPD ist nun für den Ausstieg, nachdem sie sich gerade mal zwei Jahre vorher gegen den Neubau von weiteren Reaktoren ausgesprochen hatte. Und in Italien wird das wahr, wovon Umweltschützer weltweit träumen: In einem Volksentscheid beschließt die Bevölkerung die Stilllegung der Atomanlagen, vier Jahre später geht dort der letzte Reaktor vom Netz.
Übrigens: Guter Journalismus kostet...
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto

Die Schlagzeilen um 08 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Kommentar
Die Öko-Energie boomt, aber nicht genugEin neuer UN-Report zeigt: Die Invesitionen in erneuerbare Energien gehen weltweit zurück. Doch der Schein trügt. Weil letztere immer billiger werden, sprießen immer mehr Windkraft-, Solar- und Biomasseanlagen aus dem Boden. Damit die Erneuerbaren aber in näherer Zukunft einen gewichtigen Teil der Energieerzeugung weltweit tragen können, muss der Boom beschleunigt werden. Die Bundesregierung sollte statt auf die Bremse aufs Gaspedal treten.
Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]
Meinungen: Überraschung der Woche
Volkes Begehren, Brüderle und sehr viel WasserKalenderwoche 24: Nach dem Volksentscheid in Berlin: Die Erwartungen, die in der Öffentlichkeit an den Netzrückkauf bei vielen Menschen geweckt werden, sind nicht umzusetzen, sagt Gero Lücking, Vorstand des Ökostrom-Anbieters Lichtblick und Herausgeber von klimaretter.info [mehr...]
Ob Stromkosten, EEG-Reform oder Fracking – Energie- und Klima-Themen bestimmen den Wahlkampf mit. Damit Sie den Überblick behalten, begleiten wir Sie bis zur Bundestagswahl mit Kommentaren, Politiker-Interviews und aktuellen Nachrichten. Außerdem gibts ein paar Überraschungen. [hier gehts zum Wahl-Dossier...]
Die Debatte zur Zukunft des EEG Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch nun ist eine grundlegende Reform (über-)fällig. Die Frage ist nur – wie? klimaretter.info hat Fachleute um ihre Vorschläge gebeten. [mehr...] | Fossile Kraftwerke weltweit kartieren Klimaforscher bauen mit Hilfe der Netz- Gemeinde eine globale Datenbank über fossile Kraftwerke auf. Auch für Deutschland fehlen noch Angaben. Wer internationale Kontakte hat oder im Urlaub ein Kraftwerk sieht, ist ebenfalls gefragt. [mehr...] |
In eigener Sache
Unterstützen Sie guten Journalismus
Unabhängiger Journalismus braucht Förderer. Der Klimawissen e.V. unterstützt die Arbeit des Online-Magazins klimaretter.info. Werden Sie Fördermitglied oder spenden Sie für die Berichterstattung! [hier...]
Deutschlands nobelster Autobauer hat gerade eine neue Anzeigenkampagne gestartet. Mit dieser Darstellung: Na? Geht Ihnen eine Energiesparlampe auf? Nein, das abgebildete Ding ist nicht der neue Stern, der Daimlers Benzen vorne auf den Kühlergrill geschraubt wird. Es handelt sich auch[…]
[mehr...]
Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
EEG 2.0 - Die Debatte zur Zukunft des EEG
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E 10 und das Politikversagen - Wie es nun weitergeht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Die Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen-ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Was Doha wert ist - Meinungen und Analysen
Doha Dezember 2012 - COP18
Doha-Countdown - Die Welt vor Doha
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Durban-Countdown - Die Welt vor Durban
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Cancún-Countdown - Die Welt vor Cancún
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Kopenhagen-Countdown - Vor dem Supergipfel
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznań Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook-Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed



Ein Jahr nach Fukushima: Was ist eigentlich aus jenen Tepco-Mitarbeitern geworden, die nach dem Tsunami tagelang versuchten, die kollabierten Reaktoren wieder unter Kontrolle zu bringen? Ein Besuch bei einem "Helden von Tschernobyl" jedenfalls läßt erahnen, was auf die Männer zukommt.
Die Welt nach Fukushima: In einer kleinen Serie beleuchtet klimaretter.info, welche Auswirkungen das Reaktorunglück auf die Atompläne einzelner Länder hat. Heute: Schweden, das sich selbst gern als Atomtechnik-Vorreiter sieht. Dummerweise weist nun ausgerechnet das "Entsorgungskonzept" grobe Mängel aus.
Abenteuerurlaub am Schrott-Reaktor: Die Ukraine will das Gelände rund um das frühere AKW zum Ort für Besucher machen.
Für 160 Dollar in die Todeszone: Nikolai Fomin führt Touristen durch das Sperrgebiet um den havarierten Reaktor von Tschernobyl. Das US-amerikanische Magazin Forbes hat den Ausflug als "world's unique places to visit" bezeichnet. Aber was macht diesen Tripp so einzigartig?
Deutschland und Frankreich wollen bei Erneuerbaren kooperieren. Französische Studie schätzt Kosten für AKW-Katastrophe ab
Satter Profit durch Nichtstun und Produktionsdrosselung: Der Energiekonzern Vattenfall stellte in Schweden zu Zeiten hoher Energie-Nachfrage seine Atomkraftwerke ab - und macht durch die Verknappung Strom teurer und satte Extragewinne.
Die Bundesregierung lässt untersuchen, ob die deutschen Reaktoren gegen Flugzeugabstürze oder Erdbeben geschützt sind. Andere Risiken werden dabei außer Acht gelassen. Dabei zeigen die schweren Katastrophen der Vergangenheit, dass gerade die unerwarteten Fehler im Kleinen gefährlich werden können – oder auch menschliches Versagen.
Kommt es zur Atomkatastrophe, entstehen Schäden in Billionenhöhe. Die AKW-Betreiber haften in Deutschland und Japan zwar im Prinzip unbegrenzt. Das vorhandene Geld reicht aber nur, um einen Bruchteil der Schäden auszugleichen.
Vier der Reaktoren, die der Anfang der Woche bekannt gewordene AKW-Stresstest der EU als besonders gefährlich einstuft, stehen in Schweden und Finnland. Greenpeace Skandinavien hat nun einen eigenen Bericht zum Zustand der Atomkraftwerke veröffentlicht. Das Ergebnis: Die Reaktoren müssten sofort abgeschaltet werden.
Ein Reaktor im AKW Okarshamn musste heruntergefahren werden
Die Welt nach Fukushima: In einer Serie beleuchtet klimaretter.ino die Auswirkungen auf die Welt. Heute: Frankreich, dass nach den USA weltweit die meisten Atomkraftwerke unterhält. Seit in Japan der GAU droht, haben Atomkraftkritiker in Frankreich wieder eine Stimme. Eine Debatte um ein Ende der Atomkraft wie in Deutschland hatte Frankreich noch nie – doch genau das könnte nun kommen.
Ministerpräsident Naoto Kan will Energiepolitik "von Grund auf" neu aufstellen
Die Welt nach Fukushima: In einer Serie beleuchtet klimaretter.info, welche Auswirkungen das Reaktorunglück auf die Atompläne einzelner Länder hat. Heute: die Ukraine, die fünf Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für die Bewältigung der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aufbringen muss - und dennoch keine Alternative zu neuen AKW sieht.
Schwedens Atomkraftwerke sollen zu mehr als 40 Prozent ausgelastet werden, um die Strompreise gering zu halten
Aus Anlass des 25. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl protestierten bundesweit Zehntausende


