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Shell will im Eis bohren

Der Ölkonzern Shell drängt auf neue Genehmigungen für Öl-Bohrungen in der Arktis. Ein Expertenbericht hingegen warnt vor unkalkulierbaren Risiken.

Aus Stockholm Reinhard Wolff

Nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe im April 2010 stoppte die US-Regierung auch alle Offshore-Bohraktivitäten in der Arktis. Doch der Ölkonzern Shell verstärkt nun seinen Druck, dass dieses Moratorium so schnell wie möglich wieder aufgehoben wird. Über politische Lobby-Kanäle, aber auch in den Medien. "Lets go!" leuchteten in den vergangenen Wochen gelb-rote Side-Ads von Shell auf vielen US-Medienseiten im Internet. Und in ganzseitigen Zeitungs-Anzeigen versprach der Konzern 35.000 neue Arbeitsplätze. Man habe Lehren gezogen aus dem Unglück im Golf von Mexiko, man sei "besser vorbereitet als je".


Bevor das Benzin an der Tankstelle ankommt, hat es einen langen Weg hinter sich. Shell plant neue Bohrungen in der Arktis. (Foto: Blademaster88/Wikipedia)

Beruhigen können solche Versprechungen nicht gerade, liest man eine kürzlich veröffentlichte Studie der US-Umweltstiftung PEW über das Risiko von Offshore-Bohrungen in arktischen Gewässern. Diese bislang umfassendste Untersuchung zum Thema spricht von ungeklärten Risiken, inakzeptablen Konsequenzen und zieht das Fazit, dass jedenfalls in den kommenden Jahren derartige Aktivitäten völlig unverantwortlich wären. Komme es nämlich zu einem unkontrollierbaren Blow-out, könnten extreme Wetterbedingungen mit Winden in Orkanstärke und zehn Meter hohen Wellen, Dunkelheit und die beschwerliche Eissituation dazu führen, dass aus einem solchen Leck mehr als sechs Monate lang Öl in das Meer und unter die Eisschicht verteilt werde, bevor mit einer Bekämpfung und mit Sanierungsmaßnahmen überhaupt erst einmal begonnen werden könne.

Habe die Katastrophe im Golf von Mexiko bereits die Konsequenzen unzureichender Auflagen, mangelhafter Überwachung und ungenügender Kapazitäten zur Bekämpfung einer Ölflut gezeigt, würden sich diese Faktoren in arktischen Gewässern potenzieren. Schließlich gehörten diese Bohrfelder vor den Küsten Alaskas und Kanadas mit zu den entlegensten Gebieten der Erde, warnt der PEW-Bericht. Und nennt als Beispiel die fehlende Infrastruktur im Bereich der Beaufortsee, in der Shell bohren will: Nur eine einzige 675 Kilometer lange Straße führe aus Zentralalaska dorthin. Von der Küste der Tschuktschensee, einem weiteren Gebiet mit Shell-Bohrlizenzen, gebe es gar keine Landverbindung nach Süden. Der nächste größere Hafen sei über 2.000 Kilometer von diesen beiden Bohrfeldern entfernt. Bedingungen, die es extrem erschweren würden, im Fall des Falles überhaupt erst einmal Personal und Ausrüstung heranzuschaffen.

Bis jetzt sei keine Technik zur Bekämpfung von Ölteppichen entwickelt worden, die ihre Wirksamkeit unter arktischen Bedingungen erwiesen hätte, konstatiert PEW. Unklar sei, ob Chemikalien, wie sie bei der Deepwater-Horizon-Katastrophe in großem Umfang zum Einsatz kamen, in den kalten Arktisgewässern wirksam seien und welche Auswirkungen sie auf die dortige besonders empfindliche Umwelt hätten. Die jetzigen Notfallpläne gingen davon aus, dass 90 Prozent der bei einem Ölaustritt freiwerdenden Menge auch wieder eingesammelt werden könnten. Was angesichts der Erfahrungen beim Tankerunglück der "Exxon Valdez" – weniger als acht Prozent – und im Golf von Mexiko – weniger als 20 Prozent – eine völlig illusorische Annahme sei.


Eisbär in der Arktis. (Foto: Wilderness Society)

Peter Slaiby, Vizepräsident von Shell-Alaska, betont, man teile durchaus weite Teile der PEW-Einschätzungen, was die Einzigartigkeit und Besonderheit der Bedingungen in der Arktis angehe. Sei aber überzeugt, dort mit der erforderlichen Sicherheit arbeiten zu können. Bald müsse man wissen, wie es in der Arktis weitergehen soll, sonst sei die Bohrsaison des nächsten Sommers verloren, sagt Slaiby.

US-Innenminister Ken Salazar kündigte kürzlich an, Anträge auf Offshore-Bohrungen vor Alaska würden grundsätzlich erst für den Zeitraum 2012 bis 2017 geprüft. Er schloss aber nicht aus, dass Shell in der Beaufortsee zumindest eine Bohrung im Sommer 2011 niederbringen könne. Hierzu müssten aber noch Anhörungen stattfinden. Lois Epstein von der US-Naturschutzgesellschaft "Wilderness Society" fordert, die Shell-Bohranträge abzulehnen: "Wir können uns da keinen falschen Beschluss leisten. Unser Land muss sich überlegen, ob wir dieses Öl in absehbarer Zeit überhaupt heraufholen wollen. Schließlich werden ja nicht plötzlich die Räder still stehen, wenn wir darauf verzichten."

Shell steht nun vor einer weiteren Herausforderung. Auf Antrag mehrerer Naturschutzorganisationen hat die der US-Umweltbehörde (EPA) unterstehende Umweltbeschwerdekammer die Bohrgenehmigungen für den Ölkonzern in der Arktis untersucht. Das Ergebnis: Die Lufbelastungen durch die Schiffe mit Stickstoffdioxid (NO2) wirken sich erheblich schlimmer auf die Bewohner der Gegend aus als bisher von der EPA angenommen. Die Bohrgenehmigungen werden nun neu geprüft.

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