Industrialisierung gefährdet Amazonas
Nach der Invasion der Rinder: Regenwald im brasilianischen Amazonas-Gebiet gerät durch zunehmende Industrialisierung unter Druck.
Rinder waren lange Zeit das größte Problem für den brasilianischen Amazonas-Urwald. Für riesige Herden mit insgesamt zwölf Millionen Rindern allein im nordwestbrasilianischen Bundesstaat Rondônia mussten große Teile des Regenwalds weichen. Nun fördert Rondônia zunehmend die Industrialisierung der Region und setzt den Amazonas damit weiter unter Druck.

Für den Staudamm Santo Antonio im brasilianischen Bundesstaat Rondônia werden große Teile des Regenwalds abgeholzt. (Foto: Odebrecht)
Die größte Bedrohung für Flora und Fauna sowie für das Klima sind zwei große Wasserkraftwerke, die seit 2008 gebaut werden. Zusammen sollen sie die Stromproduktionskapazität Brasiliens um sechs Prozent steigern. In der Anfangsphase können sie 6.450 Megawatt erzeugen. Diese Menge soll sich erhöhen, sobald eine Erweiterung der ursprünglichen Projekte genehmigt wird.
Die Baumaterialien kommen aus der Gegend: In der Stadt Porto Velho produziert das von dem französischen Konzern Alstom und der brasilianischen Firma Bardella gemeinsam gegründete Unternehmen IMMA Bauteile für die Kraftwerke. Ähnliche Projekte sind in anderen Teilen Brasiliens sowie in Bolivien und Peru geplant. Das bekannteste und umstrittenste Projekt ist der Staudamm Belo Monte im Bundesstaat Pará.
Baustellen, Beton und Stahl für 16 Eiffeltürme
Im vergangenen Jahr hatte das brasilianische Konsortium Votorantim bereits ein Zementwerk in Porto Velho eingeweiht. Die Fabrik soll Nachschub für die Baustellen der Kraftwerke Santo Antonio und Jirau am Rio Madeira, einem der größten Nebenflüsse des Amazonas, liefern. Allein für den Bau von Santo Antonio ist so viel Beton notwendig, dass man damit 36 Mal das weltgrößte Fußballstadion Maracaná in Rio de Janeiro bauen könnte. Wie Eduardo Bezerra von der brasilianischen Baufirma Odebrecht sagte, wird außerdem die Stahlmenge von 16 Eiffeltürmen benötigt.
Naturschützer warnen davor, dass die Projekte den Raubbau am Amazonas-Urwald weiter vorantreiben. Der Regenwald ist außerdem wichtig als Speicher und Senke für das schädliche Klimagas Kohlendioxid. Je mehr Regenwald abgeholzt wird, desto mehr trägt Brasilien zum Klimawandel bei.

Indigene, die im Bundesstaat Rondônia leben, werden durch die Baumaßnahmen für die neuen Staudämme verdrängt. (Foto: Survival International)
Die Menschenrechtsorganisation Survival International kritisiert zudem, dass durch die Staumdammprojekte zahlreiche indigene Völker von ihrem angestammten Land vertrieben werden, darunter auch sogenannte unkontaktierte Indigene.
Hohe Investitionen erwartet Gilberto Baptista, der Vorsitzende des Industriellenverbands von Rondônia, hofft dagegen darauf, dass hohe Investitionen in den rohstoffreichen Bundesstaat fließen, der in dem interozeanischen Korridor zwischen den Pazifikhäfen in Peru und den Atlantikhäfen Brasiliens liegt.
Für die Kraftwerke sind Investitionen von umgerechnet etwa 15 Milliarden US-Dollar nötig. Dies entspricht fast dem doppelten jährlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Rondônia. Rund 30.000 Arbeitsplätze sollen bereits geschaffen worden sein – zwei Drittel aller neuen Jobs in Nordbrasilien allein 2009. Zahlreiche Arbeitsmigranten sind in die Region gezogen, wodurch die Immobilienpreise und Mieten explodiert sind.
Zuwanderung, Industrialisierung und neue Straßen
Verantwortlich für die zunehmende Industrialisierung ist vor allem die Agrarpolitik der Militärregime der Jahre 1964 bis 1985. Die landwirtschaftlich genutzten Flächen dehnten sich damals weit bis in das Innere des Amazonasgebiets aus. Nachdem die Juntas Land verschenkten und vor allem Menschen aus dem Süden Brasiliens mit großen Versprechen nach Rondônia lockten, wuchs die Bevölkerungszahl des Bundesstaates zwischen 1970 und 1991 stark an. Mittlerweile sind 53,8 Prozent der 1,52 Millionen Einwohner des Staates aus anderen Teilen Brasiliens zugewandert.
Mit der Industrialisierung kommen auch neue Straßen – und mit ihnen ein beträchtlicher Wirtschaftsaufschwung, sind sich Experten sicher. Die Straßen, die kreuz und quer durch den Bundesstaat und dem benachbarten Acre bis in die Grenzgebiete nahe Peru und Bolivien führen, sollen neu asphaltiert werden. Unter anderem soll die in den siebziger Jahren gebaute Autobahn BR-319, die derzeit über große Strecken unbefahrbar ist, wieder in Stand gesetzt werden.
Der Bau von Brücken und Kanälen soll ebenfalls dazu beitragen, dass Rondônia ein logistisches Zentrum zwischen Amazonas- und Andenregion wird. Die Kraftwerke Santo Antonio und Jirau haben neben der Stromgewinnung auch die Bedeutung, das Zusammenwachsen der Nachbarstaaten Brasilien, Bolivien und Peru weiter zu fördern. Auf der Strecke bleibt dabei der Klimaschutz.
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