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"Der Wald von Chimki ist eine Metapher"

Mit dem wachsenden gesellschaftlichen Interesse und Engagement für Umweltfragen steigen in Russland auch die Angriffe auf Journalisten und Aktivisten. Die Geschichte des Chimki-Walds ist dafür bestes Beispiel.

Aus St. Petersburg und Moskau Angelina Davydova

Schädelverletzungen, gebrochene Beine, Kiefer und Finger: Der 30-jährige Journalist Oleg Kaschin wurde am vergangenen Wochenende von Unbekannten mit Baseballschlägern überfallen. Kaschin, Redakteur der liberalen Zeitung Kommersant, hatte wiederholt über umstrittene gesellschaftliche Themen berichtet, etwa über Korruption in der regionalen Verwaltungen und entsprechende zivile Proteste. Eines seiner Hauptthemen der letzten Monate war jedoch der Streit über die geplante Autobahn von St. Petersburg nach Moskau, die durch den Wald von Chimki nördlich von Moskau bis zum Sheremetyevo Flughafen führen soll. Sowohl in Moskau als auch in Berlin werden am heutigen Donnerstagabend Mahnwachen für Kaschin abgehalten.


Seit Monaten ein Streitthema: Umweltschützer protestieren gegen die Abholzung des Chimki-Walds für die neue Autobahn. (Fotos: www.ecmo.ru)

Kaschin ist nicht das erste journalistische Opfer der Auseinandersetzung: Bereits im November 2008 war Michail Beketow, Redakteur der Zeitung Chimkinsker Prawda, vor seinem Haus von Unbekannten zum Krüppel geschlagen worden: Beketow hatte über illegale Geschäfte rund um den Chimkinsker Wald berichtet. Durch die Attacke wurde Beketow zum Schwerbehinderten, der seiner Tätigkeit kaum mehr nachgehen kann. In Zusammenhang mit den jüngsten Überfällen ist nun ein Ermittlungsausschuss des Staatsanwalts beauftragt, die Untersuchungen im Fall Beketow noch einmal aufzurollen.

Aktivisten im Chimki-Wald werden von Maskierten überfallen

Zum offenen Ausbruch der Auseinandersetzungen kam es erst im Juli dieses Jahres. Umweltaktivisten stellten sich Bulldozern in den Weg, die zur Rodung des Walds angerückt waren, um mit dem Bau der neuen Autobahn zwischen Moskau und St. Petersburg beginnen zu können. Das Lager der Umweltschützer, das diese im Wald aufgeschlagen hatten, wurde als Reaktion auf die Proteste von einer Gruppe Maskierter überfallen.


Aktivisten stellen sich den Bulldozern in den Weg, prompt rücken maskierte Männer zur "Lösung" der Waldblockade an.

Daraufhin randalierte eine Gruppe junger Antifaschisten am Sitz der Stadtverwaltung in Chimki. Kaschin war der erste, der Interviews mit den Antifaschisten im Kommersant veröffentlichte und auch später über die zwei festgenommenen Aktivisten berichtete.

Ganz unerwartet zog damit der Konflikt um den Chimkinsker Wald die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Die Proteste wurden breiter; zu einem Konzert für den Chimki-Wald Ende August in Moskau gingen schließlich Menschen, die nur vom Hörensagen etwas von der Umweltproblematik wussten. Da es erlaubt ist, Schallverstärker mit auf ein Konzert zu nehmen - die Behörden geben Regeln für Demonstrationen aus, aber nicht für Konzerte - blieben sogar jene Zuhörer mehr als drei Stunden auf dem Puschkin-Platz, die keinen Blick auf die Bühne werfen, aber hören konnten, was gesungen und gesagt wurde. "Der Wald von Chimki ist nur eine Metapher", sagte einer der Redner - "für die gesamte Umweltpolitik und die Zivilbewegung Russlands".


Verhaftet wurden nach dem "Zusammentreffen" von Maskierten und Aktivisten nicht die Maskierten, sondern die Aktivisten.

Ein paar Tage später bekamen die Aktivisten von Chimki unerwartet auch populäre Rückendeckung: Während eines Auftritts der irischen Band U2 ging einer der führenden Rockmusiker Russlands, Juri Schewtschuk, der offen die Verteidiger des Chimkinsker Waldes unterstützt, auf die Bühne, um mit Bono zu singen. Bono selbst bezeichnet sich schon seit Jahren als Umweltschützer.

Regierungspartei spricht sich für den Schutz des Waldes aus

Die Proteste zeigten Erfolg: Am nächsten Tag bekannte sich zunächst die Regierungspartei, Einiges Russland, zum Schutz des Waldes, später sogar Präsident Dmitri Medwedew. Doch die Zukunft des Chimki-Waldes ist im Moment unklar, die Gespräche um den alternativen Weg scheinen endlos weiterzugehen. In der Zwischenzeit wurde etwa der Moskauer Gouverneur Yury Luzhkov, der als Unterstützer des Projekts galt, aus seinen Amt entlassen.


Chimki als Metapher für ein wachsendes Umweltbewußtsein in Russland: Der Protest ist mittlerweile auf breiter Basis angekommen

Attacken gegen Umweltaktivisten geschehen indessen weiterhin: Am 4. November wurde auch der bekannte Chimki-Aktivist Konstantin Fetisov mit Baseballschlägern zusammengeschlagen. Er, Kaschin und Beketow gelten jetzt nicht nur als die Hauptopfer des Streits um den Chimki-Wald, sondern auch als Symbole der Verletzung von Meinungs- und Pressefreiheit in Russland und für das wachsende Bürgerengagement in Land.

Seit Sonntag werden in Moskau Mahnwachen und Demonstrationen zur Unterstützung von Kaschin und anderen abgehalten. Etliche Blogger schreiben über die Überfälle im Internet, bekannte Journalisten kommen genauso wie normale Bürger zur Mahnwache und bringen selbstgemalte Plakate mit. Viele davon demonstrieren zum ersten Mal. Ihre Begründung: "So kann es nicht weitergehen."

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