"Die olympische Idee ist tot"
Am Mittwochabend hat der Münchner Stadtrat den Weg für die Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018 mit großen Mehrheit endgültig frei gemacht. Am 6. Juli 2011 will das IOC über die Vergabe entscheiden, außer München bewerben sich nur noch Pyeongchang (Südkorea) und Annecy (Frankreich). Erst allmählich kommt in Bayern eine Opposition gegen die Spiele ins Rollen, die in München vom Stadtverband der Grünen unterstützt wird. Die grüne Fraktion im Münchner Rathaus unterstützt allerdings die Bewerbung. klimaretter.info sprach mit Nikolaus Hoenning, Vorsitzender der Münchner Grünen.
klimaretter.info: Herr Hoenning, sind Sie ernüchtert nach der gestrigen 90-Prozent-Mehrheit für die Olympischen Winterspiele 2018 im Münchner Stadtrat?
Nein, die meisten grünen Stadträte haben ja auch im Vorfeld schon deutlich gemacht, dass sie für Olympia stimmen werden. Und auch SPD und CSU haben ihr „Ja“ im Vorfeld signalisiert - trotz aller Bedenken, die nicht ausgeräumt werden konnten
Nikolaus Hoenning: Ist es ein Affront, dass die grüne Fraktion dafür gestimmt hat – entgegen einer Aufforderung der Basis, das nicht zu tun?
Nein. Ich war schon immer Gegner des imperativen Mandats. Natürlich müssen die Stadträte sich die Frage gefallen lassen, warum sie das Votum der Basis nicht respektieren. Aber es war wichtig, dass wir als Partei klargestellt haben, warum wir ökologische und andere Kriterien für die Winterspiele nicht als erfüllt ansehen. Wenn das andere Parteien auch noch machen würden, hätten wir damit einen Stein ins Rollen gebracht. Alleine werden wir die Spiele nicht verhindern können.

München 2018 wie es sich bei den Winterspielen in Vancouver präsentierte. (Foto: München 2018)
Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hat sich gestern nach der Abstimmung im Stadtrat gewünscht, dass München nun „mit seiner weltumspannenden, völkerverbindenden Idee der olympischen Spiele wahrgenommen werde“ und nicht „mit dem Genörgel“ daran. Werden Sie ihm den Wunsch erfüllen?
Auf keinen Fall. Wir sehen die Idee der Olympischen Spiele schon lange als tot an. Die Spiele stehen heute für das IOC, ein zutiefst korruptes Entscheidungssystem und eine wahnsinnige Kostenexplosion, die die Allgemeinheit zu tragen hat. Herr Ude konnte noch nicht erklären, was er an positiven olympischen Ideen anbieten kann. Daher werden wir weiter den Finger in die Wunde legen und die Bevölkerung aufklären, dass auf sie immense Kosten zukommen und dass es ein zutiefst sittenwidriger Vertrag sein wird, den München mit dem IOC unterschreibt. Herr Ude hat ihn selbst als eine Zumutung bezeichnet.
Der Vertrag ist in Teilen nicht einmal öffentlich...
Das ist in völligem Gegensatz zu dem, was die Grünen schon seit Jahren fordern, nämlich Transparenz der Verwaltung und der Regierung. Es ist unsere Regierung und es sind unsere Gelder. Deswegen wollen wir auch wissen, was für Verträge abgeschlossen werden.
Weshalb lehnen Sie die Spiele aus umwelt- und klimapolitischen Gründen ab?
Das Hauptproblem ist, dass Garmisch zu niedrig liegt und zu warm ist. Deshalb müssen in eine sehr sensible Region für die Winterspiele Beschneiungsanlagen gebaut werden, die eine unglaublich schlechte Klimabilanz haben. Und der Bergwald wird weiter abgerodet. Es wird uns zwar immer wieder gesagt, es sei schon sehr viel für die Ski-WM 2011, die auch in Garmisch stattfinden wird, gefällt worden. Aber da wäre es die Pflicht, wieder aufzuforsten und nicht zusätzlich für die Olympiade die Berghänge zu gefährden. Ich möchte nicht, wenn in ein paar Jahren der Berghang abrutscht, meinem Sohn erzählen müssen, für ein vierzehntägiges Ereignis haben sie den Bergwald abgerodet - und wir als Grüne waren auch noch dafür.

Bergwaldrodung für die Ski-WM bei Garmisch-Partenkirchen. (Foto: Nolmypia)
Warum ist es so schwer, die Grünen bei der Frage Olympia auf einen Nenner zu bekommen? Landesverband und Landtagsfraktion sind ebenso wie der Stadtverband München dagegen, die Stadtratsfraktion dafür. Und die Bundesvorsitzende Claudia Roth sitzt im Kuratorium der Spiele.
Claudia Roth hat ja gesagt, ihre Mitarbeit im Kuratorium sei kein Feigenblatt für Olympia, sondern sie sehe ihre Beteiligung als Möglichkeit, auch mit Fragen zu nerven. Allerdings muss ich mich schon fragen: Wo hat sie das gemacht? Wo hat sie was herausverhandeln können? Und dann erwarte ich auch, dass sie das nach außen kommuniziert. Uns wird ihre Beteiligung immer wieder als Zustimmung ausgelegt, vor allem von Oberbürgermeister Ude. Der Spagat ist in der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln.
Letztendlich ist die Stadtratsfraktion aber das einzige Gremium bei den Grünen, dass sich für Olympia ausspricht. Warum? Die Stadträte begründen das oft mit dem Koalitionszwang. Aber in der Koalitionsvereinbarung steht lediglich, „die olympischen Spiele 2018 in München, Garmisch-Partenkirchen und Berchtesgaden müssen als ökologische und nachhaltige Winterspiele geplant werden.“ Es steht aber nicht explizit drinnen, welche konkreten Kriterien dafür eingehalten werden müssen. Ein Dissens in der Frage, ob diese Spiele ökologisch sein werden, kann beim besten Willen keinen Bruch einer erfolgreichen Koalition begründen.
Ist Olympia in München für Christian Ude ein Prestigeprojekt, um sich in München ein Denkmal zu setzen?
Anders kann ich mir sein vehementes Eintreten dafür nicht erklären. Auch sein Umgang mit den Gegnern spricht dafür, dass es für ihn eine Herzensangelegenheit ist, eine emotionale Sache.
Die Gegner werden als Querulanten dargestellt ...
Mit den Landwirten in Garmisch, die ihre Grundstücke nicht für Olympia hergeben wollen, wurde nicht fair umgegangen. Man hat ihnen unterstellt, nur den Preis für ihre Grundstücke nach oben treiben zu wollen. Da kann ich nur sagen: Man kennt die Mentalität der Menschen vor Ort nicht - denen geht es um ihren Boden, ihre Heimat.
Wie groß ist der Druck, nicht auszuscheren? Dem IOC reichen bei der Vergabe der Spiele 50 Prozent-Mehrheiten in der Bevölkerung ja nicht aus, sondern es verlangt möglichst große Geschlossenheit.
Der Druck der ausgeübt wird, ist schon immens und mir ist auch nicht klar, warum viele Leute diesen Druck auf sich ausüben lassen und warum sie ihn weitergeben. Das ist mir auch ein bisschen unheimlich.
Wen meinen Sie damit konkret?
Da möchte ich keine Namen nennen.

Kunstschneetransport zur Kandahar-Abfahrt bei Garmisch-Partenkirchen (Foto: Nolympia)
Warum haben Sie keine Volksabstimmung gegen die Winterspiele in München eingeleitet?
In Garmisch laufen ja die Prozesse für ein Bürgerbegehren. München ist ein ganz anderes Kaliber. Hier die Quoren für eine Volksabstimmung zu erreichen, ist eine schwierige Aufgabe. Aber ich denke, es wird darauf hinauslaufen. Wir hatten bislang auch darauf gehofft, dass in den Gremien Einsicht herrscht und man sich auf sachlicher Ebene vielleicht einigen kann.
Wie geht der Protest in den nächsten Wochen weiter?
In Garmisch steht jetzt das Bürgerbegehren an, das Bündnis Nolympia wird in München weiter aufklären. Die Diskussion bei uns Grünen war ein sehr wertvoller Schritt, weil sich jetzt auch andere Parteien und andere Verbände für die Gegenargumente interessieren. Und ich bin mir sicher, wenn in der SPD ergebnisoffen diskutiert würde, gäbe es auch dort eine Mehrheit gegen Olympia. Bisher ist es nur so, dass ein Gremium nach dem anderen aus Loyalitätskonflikten oder wegen bestehender Verträge die Debatte nicht zulässt. So war das mit unserer Stadtratsfraktion, so wird das in der SPD und der CSU sein. Aber es gibt auch in der CSU Mitglieder, die als Jäger wissen, was es für den Bergwald für Folgen hat, wenn dort abgerodet wird.
Interview: Martin Reeh
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