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Eins auf die Ohren

Windkraft contra Wale: Wenn Offshoreanlagen in den Meeresboden gerammt werden, können die Tiere verletzt werden. Schlimmstenfalls ist das Schalldruck so stark, dass Wale sterben. Und mit dem Klimawandel steigen die Gefahren der maritimen Geräuschautobahn.

Aus Berlin Ricarda Schuller

Bei Walen läuft alles über den Schall: Ob Kommunikation mit Artgenossen, Futtersuche oder das Finden eines geeigneten Sexualpartners, die Tiere kommunizieren über ihre Gesänge. Wenn die Ohren der Säugetiere beschädigt werden, sind sie nicht länger überlebensfähig und sterben.

Laut Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS), einer Organisation zum Schutz von Delphinen und Walen, kann der Bau von Windkraftanlagen im Meer dazu führen, dass die Tiere ertauben. Mit ihrer Kampagne "Sonar sucks" möchte die Organisation darauf aufmerksam machen, welche Geräusche den Meeressäugern zusetzen. In einem Film, den WDCS dazu zusammen mit der deutschen Punkrock-Band Itchy Poopzkid gedreht hat, platzt einem Wal deshalb im wahrsten Sinne des Wortes der Kopf - die Tierschützer haben für den Videodreh den Kopf eines toten Schweinswals mit Sprengstoff versehen und in die Luft gejagt.

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Gesprengter Walkopf: Damit will die WDCS auf den Lärmpegel im Meer aufmerksam machen. (Foto: Jens Kramer)   

Bei Offshore-Windkraftanlagen ist der Aufbau für die Meeressäuger problematisch. Die Türme der Offshore-Anlagen werden an Röhren befestigt, die wiederum in den Boden gerammt werden. "Ein einziger Schlag verursacht schätzungweise einen Pegel von 200 Dezibel", sagt Karsten Brensing, Meeresbiologe beim WDCS. Zulässig ist nach aktueller Genehmigungspraxis nur ein Grenzwert von 160 Dezibel, und zwar 750 Meter von der Schallquelle entfernt. Da allerdings bis zu 1.000 solcher Schläge für den Aufbau einer Offshore-Anlage benötigt würden, addiere sich die Schallenergie und überschreite damit um ein Vielfaches den Grenzwert.

So zuletzt geschehen beim Bau der Offshore-Anlage "Alpha Ventus" nördlich von Borkum - laut Bundesregierung wurde hier der zulässige Grenzwert "fast kontinuierlich überschritten". Die Schläge, die Brensing auch als "laute Knallgeräusche" bezeichnet, können je nach Entfernung der Wale unterschiedlich schlimme Folgen haben. "Wenn sich die Wale nur wenige Meter von der Windkraftanlage entfernt befinden, können sie sogar sterben", sagt er. "Viel häufiger kommt aber vor, dass die Tiere einen Gehörschaden bekommen oder sogar taub werden." Für Wale, die auf ihr Gehör zum Überleben angewiesen sind, bedeutet dies das Todesurteil.

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Beim Bau wurden die zulässigen Dezibelgrenzen überschritten: Offshore-Anlange "Alpha Ventus". (Foto: Alpha Ventus)

Auch könnten die Tiere verwirrt werden. "In der Nähe des Offshore-Windpark 'Baltic 1' sind dieses Jahr viele Schweinswale an der Ostseeküste gestrandet. Dieses ungewöhnliche Ereignis könnte mit dem Bau der Fundamente zusammenhängen", mutmaßt der Meeresbiologe. Der WDCS fordert allerdings nicht den Verzicht auf Offshore-Windanlagen, sondern den Einsatz neuer Technologien. Demnach sollten die Verantwortlichen statt auf "Rammen" lieber auf das Einbohren der Türme setzten oder die Türme im Boden verankern, so wie es bei schwimmenden Ölplattformen üblich ist.

Steffen Schleicher, Projektleiter im Bereich Offshore bei der Windenergie Agentur Bremerhaven/Bremen kennt die Geräuschproblematik. Die Behebung dieses Problems sei aber nicht so einfach. "Einen Turm in den Boden zu bohren, wurde bisher nie erprobt, weil es sich aufgrund der dabei entstehenden Masse an Bohrstaub als schwierig erweist", sagt Schleicher. Auch das Verankern von Windkraftanlagen sei problematisch - die Nordsee beispielsweise sei mit einer Tiefe von 40 Metern dafür zu flach. "Die einzige Offshore-Anlage, die bisher so aufgestellt wurde, befindet sich bei Norwegen, wo das Meer 200 Meter tief ist. Allerdings war das ein Pilotprojekt und mit Kosten von 40 Millionen Euro total unwirtschaftlich", sagt er.

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Schweinswale leben unter anderem in der Ost- und Nordsee, wo derzeit viele Offshore-Anlagen entstehen (Foto: wikipedia

Die Branche setzt laut Schleicher derzeit lieber auf Strategien, nach denen die Wale vor dem Beginn des Fundamentbaus vertrieben werden, beispielsweise durch bestimmte Geräusche oder anfängliches, zögerliches "Rammen" der Rohre. Auch an Techniken, um den Rammschall zu dämmen, wie etwa einer Luftblasenvorhang-Technologie, werde gearbeitet. "Allerdings ist hier die Serienproduktion das Problem, denn nach den Zielen der Bundesregierung müsste eigentlich eine Anlage pro Tag aufgestellt werden, um auf 25.000 Megawatt bis 2030 zu kommen", sagt Schleicher. Sein Fazit: Es muss noch viel geforscht werden.

Allerdings würden nicht nur Offshore-Windkraftanlagen Lärm ins Meer bringen, sondern auch Technologien zur Erschließung nicht erneuerbarer Energiequellen. Als sehr problematisch für die Meeressäuger schätzt der WDCS seismische Verfahren, die bei der Erschließung neuer Erdöl- und Erdgaslager angewendet werden. Dabei verursachten so genannte "Airguns", also mit komprimierter Luft gefüllte Metallzylinder, laute Explosionen. Das Schallecho soll  Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Bodens geben. Auch sind laut Brensing die zunehmende Schifffahrt und militärische Sonargeräte zur Ortung von U-Booten ein großer Lärmfaktor in Meeresgewässern. Damit ist klar: Die Geräusche in der Welt der Meeressäuger werden lauter werden - auch dank Klimawandel. "Wasser nimmt Kohlendioxid hervorragend auf, wird aber dabei immer saurer. Der ph-Wert sinkt", sagt Meeresbiologe Brensing. Das habe dann zur Folge, dass Geräusche leichter weitergeleitet werden. Auch die Flucht in die noch relativ ruhige Arktis wird den Walen dann nicht helfen - der Wettlauf um die fossilen Energiequellen der Zukunft beginnt bereits.  

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