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Yasuní: "Das Modell ist zukunftsweisend"

Martinez-Alier-Bahlo_12Mit über einer halben Milliarde Dollar will sich Deutschland an dem Yasuní-Klimaschutzprojekt in Ecuador beteiligen, damit das Land seine Ölreserven im Urwald nicht ausbeutet. Das sei ein Vorbild für den Rest der Welt, sagt der Ökonom Joan Martinez-Alier

Joan Martinez-Alier, 71, ist Professor für Wirtschaft und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Barcelona. Sein Werk "Environmentalism of the Poor" gilt als grundlegend für die Bemühungen um die Vereinbarkeit von Umweltschutz und Verteilungsgerechtigkeit. Alier ist einer der Vordenker des Yasuní-Klimaschutzprojektes in Ecuador. Im August wurde er in vom Bremer artec-Forschungszentrum Nachhaltigkeit für sein Lebenswerk geehrt.

klimaretter.info: In diesen Tagen beginnen die letzten Verhandlungen über die deutsche Beteiligung am Yasuní-Klimaschutzprojekt in Ecuador. Das Land will ein Fünftel seiner Erdölreserven im Boden lassen, wenn es dafür Ausgleichszahlungen erhält. Die Regierung spricht vom "Einstieg in das Post-Öl-Zeitalter“ und einer "neuen globalen Ethik". Hat sie Recht?

Juan Martinez-Aliez: Das Modell ist zukunftsweisend, ich hoffe sehr, dass es funktioniert. In den nächsten dreizehn Jahren soll Ecuador insgesamt 3,6 Milliarden Dollar bekommen. Dafür wird das ITT-Ölfeld im Yasuní-Nationalpark nicht erschlossen. Die Industrienationen zahlen hier erstmals für ihre ökologischen Schulden.

Aber sie zahlen nur einen Bruchteil. Das Öl im ITT-Feld ist doppelt so viel wert. Ecuador, das zweitärmste Land Südamerikas, trägt die Hauptlast. Ist das fair?

Das ist fairer als die Welt sonst ist. Die Industrienationen zahlen sonst gar keine Reparationszahlungen für die von ihnen verursachten Umweltschäden. Gleichzeitig sperren sie sich gegen eine Reduktion ihres eigenen CO2-Ausstoßes. In Europa gibt es keinerlei Sanktionen gegen Länder wie Spanien, die ihre Verpflichtungen zur CO2-Reduktion nicht erfüllen. US-Präsident Obama macht den Chinesen Vorwürfe, während sein Klimabeauftragter Todd Stern in Kopenhagen sagte, dass er 'jede Vorstellung von so etwas wie ökologischen Schulden komplett ablehnt.' Das ist die unfaire Welt. Was Ecuador vorschlägt, ist viel weniger unfair.

Im ITT-Feld liegen nur rund 0,7 Promille der weltweiten Ölreserven. Seit Jahren wird verhandelt und noch immer ist völlig unklar, ob die geforderte Summe je zusammen kommt. Kann man den Klimawandel in diesem Tempo bekämpfen?

Es handelt sich um etwa 850 Millionen Barrel, soviel wie weltweit innerhalb von zehn Tagen verbraucht wird. Das klingt wenig, aber stellen Sie sich eine Erde vor, die zehn Tage ohne Öl auskommt. Die Förderung des ITT-Öls würde zu einem CO2-Ausstoß von 400 Millionen Tonnen führen – soviel wie der Frankreichs in einem ganzen Jahr. Wir kommen langsam an den Oil-Peak, das Fördermaximum. Was noch in der Erde liegt, wird immer schwerer auszubeuten. Dies durch "yasunizing" – das Wort gibt es schon im Englischen – zu verhindern, ist absolut sinnvoll.

Ecuador will dafür auf rund 3 Milliarden Euro verzichten – ein Viertel seines jährlichen Staatsbudgets. Was sagt die Bevölkerung dazu?

Laut Meinungsumfragen sind 75 Prozent der Ecuadorianer dafür – auch wenn die Öllobby das immer wieder anders hinstellt. Das Land trägt keine historische Verantwortung für den Klimawandel, wie eigentlich der ganze Süden der Erde. Der Norden schon. Trotzdem ist es nun ein Land des Südens, das ganz neue Wege, um die Erderwärmung einzudämmen. Darauf sind viele Menschen dort stolz.

Wie kam es, dass die Regierung des hochverschuldeten Landes diesen teuren Vorstoß überhaupt unternahm?

Die Initiative kam aus der Zivilgesellschaft, aus Aktivismus ist hier offizielle Politik geworden. Die ecuadorianische Umweltschutzorganisation „Acción Ecológica" hat sich mit Bewohnern des Niger-Deltas in Nigeria zusammengetan. Auf dem Gegengipfel in Kyoto, während der Klimarunde 1997 forderten sie, Öl in der Erde zu lassen, um das Klima zu schützen. Aber dies überall zu verlangen, wäre illusorisch. Saudi-Arabien würde sich niemals auf so ein Geschäft einlassen. Die Energiewende muss schnell kommen, aber sie wird nicht nächste Woche da sein. Also, so sagte man, fängt man mit dem Förderstop am besten dort an, wo die Förderung Menschenrechte verletzt und die Biodiversität besonders gefährdet.

Wie in Nigeria und Ecuador.

Ja. Im Niger-Delta ging die Abacha-Diktatur brutal gegen die dort lebenden Ijaw vor. Und in Ecuador hinterließ Texaco ökologische Schäden in geschätzter Höhe von 20 Milliarden Dollar, nachdem sie zwei Jahrzehnte lang die Ölfelder im Amazonasgebiet ausgebeutet hatten. Ein Schadenerstazprozess läuft schon seit 2003, bisher ohne Ergebnis. Man wollte unbedingt verhindern, dass so etwas wieder passiert. Yasuní ist wegen seiner Biodiversität besonders schützenswert. Außerdem leben dort Indígenas, die bisher keinen Kontakt zur Zivilisation hatten. Die Ölförderung wäre für sie tödlich. Nach dem Wahlsieg der linken „Acción Pais“ 2007 wurden die Vorstellungen von Accíon Ecologica Staatsziel.

Yasuni-Dilger
Die Yasuni-Initiative soll zur Abwechslung mal Klimamillionen statt Ölmilliarden bringen. (Foto: Gerhard Dilger)

Die Geberstaaten...

..schreiben Sie das bloß nicht!

Wieso nicht?

Der Präsident mag diese Vokabel überhaupt nicht. Nicht nur er hält sie für kolonialistisch. Man sieht das so, dass Ecuador zwar wirtschaftliche Schulden hat, aber ein ökologischer Gläubiger ist. Denn das Land leidet, ohne für ihn verantwortlich zu sein, bereits heute unter dem Klimawandel, etwa durch schmlezende Gletscher. Deshalb spricht man lieber von "Beitragszahlern", die sich an der der Finanzierung eines öffentlichen Gutes, dem Klimaschutz, beteiligen.

Also, die möglichen Beitragszahler trauen der Sache offenbar noch nicht. Anders ist kaum zu erklären, dass es bisher nur überaus lose Zusagen über knapp eine Milliarde Dollar gibt. Ist ausgeschlossen, dass Ecuador heute das Geld nimmt und eine andere Regierung in zwanzig Jahren das Öl dann doch fördert?

Es gibt internationale Verträge, die sind natürlich bindend und Ecuador müsste das Geld zurückzahlen, wenn es sie brechen sollte. Eigentlich sollte der Vertrag schon beim Kopenhagener Klimagipfel im Dezember unterschrieben werden. Doch es wurde lange über die Verwaltung des Geldes nachverhandelt, bevor am 3. August der ‚Yasuní ITT Trust Fund‘ eingerichtet wurde.

Und wie wird das Geld nun verwaltet?

Der Fonds ist beim UN-Entwicklungsprogramm UNDP angesiedelt. Der sammelt das Geld ein. Über die Verwendung entscheidet ein sechsköpfiges Gremium: Drei ecuadorianische Regierungsvertreter, zwei Vertreter der Beitragszahler und eine ecuadorianische Vertreterin der Zivilgesellschaft.

Es fließt also nicht direkt in den ecuadorianischen Staatshaushalt?

Nein. Mit den Mitteln sollen ökologische Zwecke wie Windkraft- und Solarenenergie oder die Wiederaufforstung von Mangroven bezahlt werden, aber auch Bildung und das Gesundheitswesen.

Soll auch Schuldenerlaß für den Förderverzicht zählen?

Spanien will sich auf diese Weise an dem Fonds beteiligen. Das wird aber sehr kontrovers diskutiert und in Ecuador kritisch gesehen. Das Land würde davon ja kaum profitieren.

Wer kann in den Fonds einzahlen?

Jeder. Auch Firmen, NGOs oder Privatpersonen. Der WWF will sich zum Beispiel beteiligen. Die würden auch Geld von „Greenwashern“ nehmen. Deutschland hat schon 2008 beschlossen, einen signifikanten Beitrag zu leisten. Die Rede ist von bis zu 700 Millionen Euro, gestreckt auf zehn Jahre. Das hatte auch damit zu tun hatte, dass deutsche Bundestagsabgeordnete durch Proteste darauf aufmerksam wurden, dass die Westdeutsche Landesbank erst vorhatte Öl-Pipeline aus dem ecuadorianischen Amazonas-Gebiet finanzieren wollte. Das wurde zum Glück gestoppt.

Es ist die Rede davon, dass der Fonds später „zusätzlich“ CO2-Zertifikate, also Verschmutzungsrechte verkaufen wolle, wenn diese von der Energiebörse EEX akzeptiert werden.

Das würde dem Geist des Projekts zuwiderlaufen. Es macht nur Sinn, wenn insgesamt weniger emittiert wird.

Das Interview führte Christian Jakob
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