Ausrotten wie die Weltmeister
Trotz guter Vorsätze geht das Ausrotten von Tier- und Pflanzenarten ungebremst weiter. Dadurch gefährdet die Menschheit wichtige Leistungen der Natur wie Frischwasser oder Nahrungsmittel. Nur massive Investitionen in diese Umweltinfrastrukturen können den Trend stoppen.
Aus Bangkok Christian Mihatsch
Der Kampf gegen den Klimawandel ist ein riesiger Erfolg – zumindest wenn man ihn mit dem Schutz der Artenvielfalt vergleicht. Für den Klimaschutz gibt es ein von den Regierungen eingesetztes Forschergremium, das IPCC; einen verbindlichen Vertrag, das Kyoto-Protokoll; Investitionen in Milliardenhöhe und viel öffentliches Interesse. Anders beim Artenschutz: Hier gibt es eine Absichtserklärung aus dem Jahr 2002 und das Eingeständnis des Scheiterns: Eigentlich hätte bis dieses Jahr der Verlust an Tier- und Pflanzenarten gestoppt oder merklich verlangsamt werden sollen.

Die Zauneidechse ist vom Aussterben bedroht. (Foto: Wikipedia)
Stattdessen geht das Ausrotten munter weiter, beschleunigt sich sogar: Mittlerweile gelten 70 Prozent der Pflanzen, 21 Prozent der Säugetiere, 12 Prozent der Vögel, 28 Prozent der Reptilien und 37 Prozent der Süsswasserfische als bedroht, sagt die Weltnaturschutzunion IUCN. Insgesamt sind von 1970 bis 2005 nach Angaben der Naturschutzorganisation WWF mehr als ein Viertel der biologischen Vielfalt verloren gegangen. Der Verlust an Tier- und Pflanzenarten ist damit die grösste Gefahr für die Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts auf unserem Planeten.
Breites Anlagenportfolio auch im Ökosystem
Um die Bedeutung von einzelnen Arten für ein Ökosystem zu erklären, greifen Experten auf die Wirtschaftswissenschaften zurück, genauer auf den Portfolioansatz. So bietet ein breitgestreutes Anlagenportfolio einen besseren Schutz vor Verlusten als der Kauf einer einzelnen Aktie. Ähnlich ist es beim Artenschutz: Je mehr verschiedene Arten in einem Ökosystem zuhause sind, desto besser kann es mit externen Störungen umgehen. Es ist widerstandsfähiger. Auch beim Schutz von ganzen Ökosystemen hoffen die Wissenschaftler durch einen Rückgriff auf die Ökonomie die Verantwortlichen für die Dringlichkeit des Problems sensibilisieren zu können.
Sie fordern nicht, dass Ökosysteme um ihrer selbst willen erhalten werden, sondern weil diese wertvolle Dienstleistungen bereitstellen, wie ein stabiles Klima, frisches Wasser, Nahrungsmittel oder den Schutz vor Überflutungen. Den Wert dieser Ökosystem-Dienstleistungen abzuschätzen ist schwierig und die ersten Ergebnisse sprengen das Vorstellungsvermögen: Allein durch die Abholzung der Wälder entsteht Jahr für Jahr ein Verlust von zwei bis fünf Billionen Dollar (5.000.000.000.000) oder rund 10 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung, schätzt eine Studie namens The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB).

Neun Prozesse, die durch die Störung des Menschen zu katastrophalen Umweltveränderungen führen können: Klimawandel, Ozeanversauerung, Ozonloch, Stickstoff- und Phosphorkreislauf, Frischwasserverbrauch, Landverbrauch, Luftverschmutzung, Chemikalienbelastung, Artenvielfalt. (Grafik: Nature)
Was viele geahnt haben, lässt sich also auch ökonomisch untermauern: Die Menschheit lebt von der Substanz ihres Ökosystems. Doch diesen Trend umzukehren ist noch schwieriger als ihn zu messen. So ist einer der wichtigsten Faktoren für den Artenverlust der Ausstoß von Kohlendioxid, der zum Klimawandel und zur Versauerung der Meere führt. Noch bedeutender aber ist das Wachstum der Weltbevölkerung, die in den nächsten 40 Jahren auf rund neun Milliarden Menschen anwachsen wird. Und diese vielen Menschen brauchen Platz, was für immer mehr Planzen und Tiere zum Verlust ihres Lebensraums führt.
Neues Wissenschaftlergremium für den Artenschutz
Wie der Trend dennoch gestoppt werden kann, soll an einer internationalen Konferenz im Oktober in Japan diskutiert werden. Dort wird voraussichtlich die Schaffung eines internationalen Wissenschaftlergremiums beschlossen, welches das Problem analysieren und Politikempfehlungen entwickeln soll. Ähnlich wie das Vorbild IPCC dürfte auch die neue Organisation unter einem besonders unhandlichen Namen firmieren: Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, kurz IPBES.
Aber der Schutz der Artenvielfalt hat noch eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Klimaschutz: Letzlich geht es um Geld. Den Menschen muss ein finanzieller Anreiz geboten werden, um die Natur zu schützen. Wer der Artenvielfalt zuliebe etwa ein Ölfeld unangetastet lässt, will dafür kompensiert werden. Oder anders gesagt: Wenn die Menschheit weiter wie bisher von den Ökosystem-Dienstleistungen unseres Planeten profitieren will, muss sie in diese investieren, ähnlich wie sie auch in Strassen, Stromnetze und andere Infrastrukturen investiert. Sonst wächst sich ein Schlagloch schnell zum Krater aus.
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