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Nach der Flut: Unbelehrbar in Sachsen

Die zweite Flut binnen einer Woche: Die Menschen in der Sächsischen Schweiz sind fassungslos und verzweifelt. Gerade hatten sie die Verwüstung nach dem ersten Hochwasser notdürftig beseitigt, als sie in der Nacht zu Montag die zweite Flutwelle traf. Vom Klimawandel allerdings erfahren sie nichts.

 Aus Bad Schandau und Umgebung NICK REIMER

Stefan Gernert könnte heulen. Am Sonntag, den 7. August war die Flut in seine Buschmühle im Kirnitzschtal gestürzt, hatte die Scheune unterspült, die Mühle verwüstet, den Gastraum mit Schutt zugeschüttet. "Eigentlich wollte ich nicht mehr", sagt der Wirt, der eine unter Wanderern sehr beliebte Einkehr unterhält. Die waren dann auch schnell zur Stelle, um mit Gummistiefeln und Schubkarre den gröbsten Schaden zu beseitigen.Und tatsächlich keimte ob dieser Hilfsbereitschaft bei Stefan Gernert neue Hoffnung.

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Normalerweise liegt der Kirnitzschpegel bei 30 Zentimetern. Am Montag aber holte sich das Flüsschen diese Brücke. (Fotos: Reimer)

Allein: Das nutzte nichts. Eine Woche später stürzte die Kirnitzsch am Montag wieder durch Stefan Gernerts Wohnzimmer. "Dort, wo wir bereits aufgeräumt hatten, war wieder alles voller Schlamm und Wasser", sagt der Buschmühlenwirt. Diesmal allerdings ist es schlimmer: Gernert muss nun prüfen lassen, inwieweit die Gebäudemauern beschädigt sind. Da der Mühlgraben noch immer über 1,30 Meter hoch im Wasser steht, staut sich das auch im Hofbereich.

Kirnitzsch - das ist in den Ohren vieler Wanderer und Kletterer eigentlich ein romantischer Begriff. Das kleine, forellenreiche Flüsschen ist prägend für die Sächsische Schweiz. Normalerweise misst der Pegel hier 30 Zentimeter. Dann brach aber am 7. August eine Fünf-B-Wetterlage mit nie gekannten Regenmengen über die Sächsische Schweiz herein. Bis auf knapp zwei Meter stieg der Pegel der Kirnitzsch - das Flüsschen schleifte Bäume mit sich, unterspülte die Straße, fällte elektrische Strommasten der Kirnitzschtalbahn - einer historischen Straßenbahn - wie Streichhölzer. Das Wasser wütete derart, dass seitdem hier jeder der Lieblichkeit des Flüsschens misstraut.

Mit Recht. "Ich muss schon wieder von vorne anfangen", sagt Hüttenwirt Gernert. Und er nimmt das Wort "aufgeben" in den Mund. Zwar war der Regen am Montagmorgen nicht ganz so rekordverdächtig wie der vor Wochenfrist: Der Deutsche Wetterdienst registrierte damals stellenweise 100 Liter Regen pro Quadratmeter. Dieses Mal aber war der Waldboden aber noch derart wassergetränkt, dass ein geringerer Regenertrag mindestens gleiche Schäden anrichtete.

Erneutes Aufräumen also in der Buschmühle. Tobias Passek ist gekommen, dem Buschmühlenwirt zu helfen. "Er darf einfach nicht aufgeben", sagt der Kletterfreund. "Heute Ruhetag", steht am Gasthaus am Lichtenhainer Wasserfall. Das steht da schon seit einer Woche. Gastwirt Rainer König war gerade fertig damit geworden, seinen Gastraum vom Schlamm zu befreien, als die zweite Flut der Kirnitzsch über sein Parkett stürzte.

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Nichts bleibt, wie es davor war: Die Kurklinik in Bad Schandau war so voller Schlamm und Wasser, dass das gesamte Interieur erneuert werden muss.

Weiter unten hat der Bach längst sein zerstörerisches Werk vollendet: In Bad Schandau ist die Kurklinik komplett zerstört. Dort, wo früher Kurpark war, hat sich die Kirnitzsch ein neues Flussbett gesucht. Und bei all den kleinen katastrophenheischenden Flüsschen hat die Elbe natürlich auch wieder einiges an "retrospektivem Hochwasserflair" aufgenommen.

Mit Großgerät versuchen Helfer das Chaos im Flussbett zu ordnen, Feuerwehrleute zersägen die Straße blockierende Stämme. "Das Wichtigste ist, dass der Fluss bereinigt wird, denn es kommt neuer Regen", erklärt Campingplatzbetreiber Christoph Hasse. 60 Prozent der Stellplätze an seiner Ostrauer Mühle sind beschädigt oder kaputt, zwei Wohnwagen hat der Fluss mit sich gerissen, ebenso wie 80 Meter Mauer und ein Brückenteil. Vor Wochenfrist hatte hier der Hubschrauber Urlauber aus den Fluten retten müssen. Das immerhin blieb Hasse diesmal erspart - Urlaub kann hier absehbar erst einmal keiner mehr machen.

Nicht nur in den Bergen hat die Regenfront zugeschlagen. In Wehlen, einem beliebten Touristenort elbabwärts, hat sich eine Schlammlawine ins Tal ergossen und das Haus der Familie Wolf zerstört. Bis zu Tischtennisball großer Hagel hinterließ schwere Schäden in den sächsischen Weinlagen. Das Meißener Weingut Prinz zur Lippe rechnet mit Umsatzverlusten in Millionenhöhe. Das Radebeuler Staatsweingut beklagt ebenfalls erhebliche Schäden, knapp die Hälfte der Anbaufläche sei verloren.

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Wo einst der Kurpark war, hat sich in Bad Schandau die Kirnitzsch ein neues Flussbett gesucht: ihr angestammtes altes von vor über 200 Jahren.

Fröhlichkeit immerhin legt der Deutsche Wetterdienst zu Tage. Alle Modelle zeigten ab Wochenmitte Besserung und kurzfristig mehr Sonne. Dass sich danach erneut eine solch verhängnisvolle Wetterlage bilde, sei aber durchaus möglich.

Und damit zum eigentlichen Skandal: Vom Klimawandel, der die ganze Chose antreibt, ist in Sachsen nirgendwo die Rede. Erwärmte Luft ist in der Lage, mehr Wasser zu speichern als kalte. Entsprechend häufen werden sich bei anhaltender Erderwärmung derartige Sturzfluten. Das auch als Fünf-B-Wetterlage berüchtigte Tiefdruckgebiet hatte im August 2002 zur ersten Elbe-Flut geführt, die zweite im April 2006 heraufbeschworen und vor Wochenfrist die Fluten an Neiße und Spree und in der Sächsichen Schweiz ausgelöst.

In den örtlichen Medien findet sich lediglich in der Sächsischen Zeitung der Vermerk, dass sächsische Klimastudien belegen, solche  "Trogwetterlagen haben seit 1990 extrem zugenommen und damit die Gefahr von Überschwemmungen". Die Betroffenen aber sprechen von "Schicksal", und nicht vom Einfluss des Menschen. "Dass es uns gleich zweimal in einem Monat trifft ist schon ein schwerer Schicksalsschlag", sagt der Wirt, der an der Schmilkaer Fährer Bier und Würstchen anpreist.

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Ein kleines charmantes Flüsschen hat dieses Mal riesige Baumstämme mit sich gerissen.

Die Münchner Rück, eine der großen Rückversicherungen, sieht jedenfalls einen deutlichen Trend hin zu immer mehr Extremwettern mit starken Niederschlägen in Deutschland. Die Schäden gerade durch Hochwasser stiegen stark an. "Betroffen davon sind nicht nur Menschen, die an Flüssen leben. Das kann jeden treffen", sagt Peter Höppe, Chef der Abteilung Geo-Risikoforschung der Sächsischen Zeitung.


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