Wieder V-B: Zehn Tote in Mitteleuropa
Sommerhochwasser in Sachsen mit schweren Verwüstungen und Toten - das ist im Jahr 2010 mittlerweile Normalität. So genannte Vb-Wetterlagen bringen in kürzester Zeit derartig viel Niederschlag, dass eine Katastrophe folgen muss. An diesem Wochenende traf es besonders die Sächsische Schweiz und das Zittauer Gebirge.
Von Matthias Rietschel (Dresden) und Nick Reimer (Berlin)
Starkregen hat in der Sächsischen Schweiz am Wochenende kleine Flüsse zu reißenden Strömen gemacht. Orten wie Sebnitz, Neustadt, Bad Schandau oder Königstein wurden von den Wassermassen regelrecht "geschliffen": Nach Informationen der Feuerwehr sind zahlreiche Brücken beschädigt, wo einst Gehwege waren, klaffen Krater, Autos hat es gegen Hauswände und Brückenpfeiler gedrückt.

In Bad Schandau kann man sich derzeit nur mit einem Schiff bewegen.
In Bad Schandau wurde der dortige Campingplatz dem Erdboden gleich gemacht, über 200 Gäste mussten mit Hubschraubern evakuiert werden. Wohnwagen zerschellten an der Brücke, alles bewegliche Hab und Gut wurde Opfer der Fluten. In Bad Schandau, wo die Folgen der Elbe-Fluten aus den Jahren 2002 und 2006 in diesem Jahr gerade erst beseitigt waren, wurde der Marktplatz schon wieder verwüstet.
Besonders dramatisch zeigte sich die Lage in den Ausläufern des Zittauer Gebirges: In der Nacht zum Sonntag stieg die Neiße - eigentlich ein kleines Grenzflüsschen - nach einem Dammbruch in Polen rasend schnell an. Binnen drei Stunden kletterte der Pegel in Görlitz um vier Meter auf einen Pegel von sieben Metern. Solch einen Wert hatte es bis dato noch nie gegeben. Entlang der Neiße, aber auch im Gebirge, mussten über tausend Menschen ihre Häuser verlassen. Allein in Zittau mussten 800 Anwohner teilweise mit Schlauchbooten in Sicherheit gebracht werden.
Die genaue Zahl der Betroffenen war am Morgen des Sonntags noch unklar, zumal die Evakuierungen flussaufwärts Richtung Brandenburg weitergingen. So musste in Rothenburg im Landkreis Görlitz eine Einrichtung geräumt werden, in der etwa 280 behinderte Menschen leben. Sie kamen in einer Polizeischule unter. Und am Sonntagabend betraf es Menschen weiter abwärts der Neiße - etwa im UNESCO-Weltkulturerbe Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau.
Wie das Landeshochwasserzentrum in Dresden mitteilte, wurde für den Vormittag der Hochwasserscheitel vom Oberlauf der Neiße erwartet. In Teilen des Landkreises Görlitz und der Sächsischen Schweiz war bereits am Samstag Katastrophenalarm ausgerufen worden.

Wegen Hochwassers an der Elbe wurde der Zugverkehr zwischen Sachsen und Tschechien unterbrochen. In Polen wurde die Stadt Bogatynia an der Grenze zu Sachsen fast vollständig überflutet. Ein Mensch sei dabei ums Leben gekommen, sagte der Sprecher der
polnischen Feuerwehr, Pawel Fratczak, der Nachrichtenagentur PAP.
Im sächsischen Neukirchen waren am Samstag beim Auspumpen eines Kellers die Leichen von zwei Männern und einer Frau im Alter zwischen 63 und 74 Jahren gefunden worden. Sie hatten offenbar versucht, Hab und Gut vor den eindringenden Wassermassen zu retten. In Tschechien ertranken vier Männer. Drei weitere Hochwassertote sind in Polen zu beklagen. Beim Elbe-Hochwasser 2002 fielen den Wassermassen 21 Menschenleben zum Opfer.
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) registrierte extreme Niederschlägen bis zu 160 Liter pro Quadratmeter. "Vollgesogen mit feuchter Luft aus dem Mittelmeerraum bildeten sich an einer Luftmassengrenze, die sehr warme Luft im Osten und recht kühle Luft in Westeuropa trennt, zahlreiche Schauer und Gewitter", so der Meteorologe Robert Scholz. Das von Norditalien über die Alpen gezogene Tief "Viola" hat den Angaben zufolge zuerst Bayern und den Alpenrand betroffen, am Freitag und Samstag dann Sachsen mit unwetterartigen Regenfällen heimgesucht, wo es dann am Samstag zu der Hochwasserkatastrophe kam.

Wenn aus kleinen Bächen reißende Flüsse werden: Sachsen im Sommer. (Fotos: M. Rietschel)
Die höchsten Niederschläge wurden laut DWD an der Station Bertsdorf-Hörnitz im Zittauer Gebirge gemessen. In den vergangenen 48 Stunden sei dort eine Rekordniederschlagsmenge von 160 Litern pro Quadratmeter gefallen. Etwas weiter im Nordosten in Sohland an der Spree fielen den Angaben zufolge 105 Liter, in Bautzen 95 Liter. In der Region um Chemnitz wurden 84 Liter pro Quadratmeter registriert. In Brandenburg kamen vor allem in den östlichen Landesteilen hohe Regenmengen bis zu 73 Liter zusammen.
Klimatologen vermuten, dass sich aufgrund der Erderwärmung die Fünf-B-Wetterlagen im Sommer häufen werden. Wenn sich dazu noch die prognostizierte Tendenz der heißen Sommer im Mittelmeer einstellt, werden wir häufiger mit Stark- und Dauerregen im mittleren Osteuropa rechnen müssen.
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