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Grönland wird die Ölsuche nicht stoppen

Wissenschaftler warnen vor "dieser Idiotie", aber Grönland hält an ehrgeizigen Öl-Plänen fest: Ab Juli soll von zwei Plattformen aus in einer Wassertiefe von 300 bis 400 Metern mit Bohrungen zu den in zwei Kilometer unter dem Meeresboden vermuteten Vorkommen vorgestoßen werden. Dabei werden Risiken radikal unterschätzt, kritisiert der Umweltstiftung WWF.  

Aus Stockholm REINHARD WOLFF

Trotz aller Kritik von Umweltschutz- und Inuit-Organisationen und auch nachdem die USA und Norwegen die Ölprospektierung in vergleichbaren Gewässern erst einmal mindestens bis zum kommenden Jahr gestoppt haben: In den arktischen Gewässern vor Westgrönland soll in diesem Sommer neu nach Öl gebohrt werden.

Antarktis

Vorgesehen sind Öl- und Gas-Prospektierungsbohrungen durch die schottische "Cairn Energy PLC" in einem Meeresgebiet zwischen dem grönländischen Festland in Höhe der Disko-Bucht und der kanadischen Baffin-Insel. Es ist geplant ab Anfang Juli bis Mitte September von zwei Plattformen aus in einer Wassertiefe von 300 bis 400 Metern Bohrungen zu den in zwei Kilometer unter dem Meeresboden vermuteten Vorkommen vorzunehmen.

Auf einer Umweltministerkonferenz der Länder des "Arktischen Rats" im grönländischen Ilulissat war klar geworden, dass die grönländische Selbstverwaltungsregierung nicht beabsichtigt, ihre entsprechenden Pläne aufzuschieben.  Das einzige Zugeständnis Grönlands: Nachdem Kanadas Regierung in Ottawa Bedenken geltend gemacht hatte – die Bohraktivitäten finden in unmittelbarer Nähe zur Grenze der kanadischen Territorialgewässer statt – wird nun ein Inspekteur des kanadischen "National Energy Board" vor Ort in Grönland stationiert werden, um die dortigen Behörden in Sicherheitsfragen "zu beraten".

Peter Wadhams, Professor für Ozeanographie an der Universität Cambridge bezeichnet es in der schottischen Zeitung "The Herald" als "Idiotie", die Bohrpläne umzusetzen, solange die bestehenden Sicherheitsbedenken nicht ausgeräumt seien. Rasmus Hansson, Generalsekretär von WWF-Norwegen: "Die Ölkonzerne haben die Risiken, die mit Bohrungen vor Grönland verbunden sind, bisher unzulässig heruntergespielt." In der "Davis-Strait", in der gebohrt werden soll, wimmele es auch im Sommer von Eisbergen. Und sein WWF-Kollege Craig Stewart fragt sich, wie sorgfältig die noch unerfahrenen grönländischen Behörden eigentlich bei der rekordschnellen Erteilung der Bohrgenehmigungen hätten arbeiten können.

Jørn Skov Nielsen, Direktor des grönländischen Rohstoffdirektorats weist solche Kritik zurück und hebt die wirtschaftliche Bedeutung der Bohrungen für das Land hervor: "Wenn wir Glück haben, ist die Produktion in 10 Jahren im Gang." Die unter dem Meeresboden vor der Küste Nordwest- und Nordostgrönlands vermuteten Gas- und Ölvorkommen würden auf 50 Milliarden Barrel – mehr als die von großen Ölländern wie Nigeria oder Libyen -  geschätzt.

Laut dem Leiter des grönländischen Rohstoffdirektorats wurden 13 Bohrlizenzen vergeben, die ein 130 000 Quadratkilometer großes Meeresgebiet vor der Westküste der größten Insel der Welt umfassen. Das entspricht der dreifachen Größe Dänemarks. "Wenn wir Glück haben, können wir in zehn Jahren mit der Produktion beginnen", erklärte Nielsen gegenüber US-Journalisten.  "Wir brauchen eine stärkere Wirtschaft und wir müssen die Möglichkeiten, welche das Öl uns bringen kann, ausnutzen", erklärte der grönländische Premierminister Kuupik Kleist kürzlich gegenüber "National Geographic".

Nach der seit dem vergangenen Jahr geltenden erweiterten Autonomie gehört die Ausbeutung der Rohstoffe zu den Selbstverwaltungsaufgaben der Inselregierung, in die sich das dänische Mutterland nicht mehr einmischen kann. "Wir können allenfalls noch Ratschläge geben", sagt die dänische Umweltministerin Karen Ellemann: "Und wir empfehlen der Regierung in Nuuk, sich das Wissen und die Erfahrungen anderer Länder nutzbar zu machen." Vom Vorsichtigkeitsprinzip, von dem sich die Regierungen in Oslo und Washington leiten lassen, hält man aber auch in Kopenhagen offenbar nichts: Bevor die Untersuchungen über den Blow-Out im mexikanischen Golf nicht abgeschlossen seien, brauche man sich über neue Sicherheitsbestimmungen noch nicht den Kopf zu zerbrechen, meint die Ministerin.

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Trügerische Idyll? Eisbär auf Grönland. (Foto: wwf/ Fritz Pölking)

Die einzigen speziellen Sicherheitsvorschriften, die Grönland für die "Davis-Strait" aufgestellt hat: Es soll gleichzeitig von zwei Plattformen, der "Stena Don" und der "Stena Tay" aus gebohrt werden. Gebe es bei einer einen Blow-Out, könne die zweite umgehend mit einer Entlastungsbohrung beginnen. Sollte ein Blow-out zum Ende der sommerlichen Bohrsaison eintreffen, würde das freilich auch nichts helfen. Für eine Entlastungsbohrung bräuchte man mindestens einen Monat. Legt sich erst einmal das Eis, kann man aber nicht mehr bohren. Professor Wadham: "Ein Blow-Out wäre dann bis zum nächsten Sommer nicht in den Griff zu bekommen."

"Wir brauchen erst einmal eine Denkpause", kritisiert Jimmy Stotts, Präsident des "Inuit Circumpolar Council", der Interessenorganisation der indigenen Inuit aus Nordamerika, Grönland und Russland die grönländische Eile: "Und wir brauchen die Pause jetzt."

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