Die EU legt Agrosprit-Regeln vor
Ab Dezember sollen in der Europäischen Union nur noch Agrotreibstoffe mit Öko-Siegel in den Tank kommen: Um zur Zertifizierung zu "ermutigen", hat die Kommission am Donnerstag entsprechende Kriterien vorgestellt. Umweltorganisationen geht der Vorschlag aus Brüssel nicht weit genug, um Entwaldung und Treibhausgas-Ausstoß einzudämmen
Von JOHANNA TREBLIN
Künftig sollen in der Europäischen Union nur noch Agrotreibstoffe mit Öko-Siegel in den Tank kommen: Gemeint ist damit Agrosprit, der nicht aus Rohstoffen hergestellt wurde, die aus tropischen Wäldern oder von vor kurzem entwaldeten Flächen, entwässerten Torfmooren, Feuchtgebieten oder Flächen mit großer biologischer Vielfalt stammen. Damit will die EU an die Erneuerbare-Energien-Richtlinie anknüpfen, die im Dezember in Kraft treten wird und das explizit macht, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Agrotreibstoffe müssen zur Senkung von Treibhausgasemissionen beitragen.

Urwaldrodung für die Agrotreibstoffproduktion soll es nach dem Willen von EU-Kommissar Oettinger künftig nicht mehr geben.(Foto: Greenpeace Schweiz)
Als ökologisch nachhaltig gelten künftig Agrotreibstoffe, die eine Treibhausgaseinsparung von mindestens 35 Prozent gegenüber fossilen Kraftstoffen erreichen. Bis 2017 steigt dieser Prozentsatz auf 50 Prozent und 2018 für Agrosprit aus neuen Anlagen auf 60 Prozent. Der gesamte Herstellungsprozess muss nach dem EU-Beschluss durch unabhängige Gutachter überprüft werden.
"Unser Zertifizierungssystem ist das weltweit strengste und wird dafür sorgen, dass unsere Biokraftstoffe die höchsten Umweltstandards erfüllen", sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Donnerstag in Brüssel. Die Anforderungen an Agrotreibstoffe sollen auch für importierte Kraftstoffe gelten. Deshalb werde der Beschluss auch positive Effekte auf andere Regionen haben. Das klingt zwar entschieden: Im Wortlaut "ermutigt" die Kommission jedoch "Wirtschaft, Regierungen und Nichtregierungsorganisation, "freiwillige Regelungen" für die Zertifizierung der Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen einzuführen". Damit ist zum einen kein EU-weit einheitliches Bio-Siegel geplant. Zum anderen kann theoretisch weiterhin Biosprit ohne Zertifizierung getankt werden.

"Tatort" Indonesien: Urwald muss für Palmölplantagen weichen. (Foto: Greenpeace EU)
Im Rahmen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie müssen die EU-Mitgliedsstaaten bis 2020 zehn Prozent des Verkehrs auf Sprit aus erneuerbaren Energien umgestellt haben. Nur Biokraftstoffe, die die EU-Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen, können auf diese Quote angerechnet werden. "In Deutschland wird es für Biokraftstoffe ohne Siegel außerdem keine Steuererleichterungen geben", sagt Frank Brühning vom deutschen Biokraftstoffverband VDB mit Blick auf die Nachhaltigkeitsverordnung vom August 2009. Deshalb fänden Produzenten nicht zertifizierter Kraftstoffe "garantiert keine Abnehmer".
In Deutschland sollte Agrotreibstoff eigentlich bereits zum 1. Juli zertifizierungspflichtig sein. Allerdings konnten offenbar so schnell nicht genug Zertifizierungsstellen eingerichtet werden: Zur Vermeidung "kurzfristiger Markt-Engpässe" war der Starttermin auf 1. Januar 2011 verschoben worden.
Dass Umweltanforderungen in den Richtlinien der EU-Zertifizierung durch die Umwandlung von Wald in Palmölplantagen nicht mehr - wie ursprünglich geplant - erfüllt werden, halten Umweltorganisationen wie Greenpeace für einen großen Erfolg. Insgesamt geht der Beschluss der Europäischen Union Umweltschützern jedoch nicht annähernd weit genug: Noch immer gebe es Schlupflöcher, um Wälder in Plantagen umzuwandeln, kritisiert etwa Greenpeace-Waldexperte Sebastien Risso. Darüber hinaus verhindere der Beschluss nicht die dramatische Zunahme der Regenwaldabholzung und der Treibhausgasemissionen: "So, wie das System jetzt ausgestaltet ist, bringen die Biokraftstoffe mehr Probleme als sie lösen. Biosprit ist teilweise umweltschädlicher als Öl".
"Günther Oettingers Vorschlag für die Anwendung der Nachhaltigkeitskriterien für Agro-Treibstoffe ist alles andere als nachhaltig", kritisierte auch die Grünen-Fraktionsvorsitzende des EU-Parlaments die Kommissions-Richtlinien: Durch das Offenlassen von Schlupflöchern und Rechentricks sei die EU-Zeritifizierung ein "Öko-Schwindel".
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 19 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Seit Januar haben Tankstellen den Agrosprit E10 im Angebot: Die Nachfrage ist allerdings gering, Politik, Autolobby und Mineralölverbände machen sich gegenseitig Vorwürfe. Über das Image von E10 und dessen Klimabilanz sprach klimaretter.info mit Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie.
Regenwald-Zerstörung über die Tankstelle: Für die Herstellung von Agrodiesel werden in Indonesien und Argentinien Urwälder gerodet
Der Ausbau der Ethanol-Produktion aus Zuckerrohr drängt die Rinderzucht weiter in den Amazonas-Regenwald und treibt indirekt die Entwaldungs-Emissionen in die Höhe. Experten fordern deshalb Nachhaltigkeitskriterien auch für die Landwirtschaft. Doch was sollten die nutzen, wenn es zu wenige Zertifizierer - wie im Falle der Agrotreibstoffe gibt?
Der BUND Sachsen ruft zum Boykott des neuen Agro-Treibstoffs E10 auf. Zwölf Prozent der landwirtschaftlichen Flächen würden mittlerweile für den Biomasseanbau genutzt.
Die Biokraftstoffbranche trifft sich zu ihrer Jahrestagung in Berlin - und formuliert scharfe Kritik an der Bundesregierung und der EU. Die Diskussion über eine Einbeziehung der sogenannten indirekten Landnutzungsänderung bei der Treibhausgasbilanz gefährde die Ziele für erneuerbare Mobilität.
Die internationale Luftfahrtorganisation der Vereinten Nationen ICAO hat ein Klimaschutzabkommen verabschiedet. Für die "Roadmap" hagelt es nun Kritik
Die Erderwärmung zwingt immer mehr Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen: Bis 2050 rechnet die Internationale Organisation für Migration mit bis zu einer Milliarde Menschen, die umweltbedingt auf der Flucht sein werden. Die reichen Länder müssen ihnen besseren Schutz bieten, sagt Michael Lindenbauer, Vertreter des UN-Flüchtlingskommissariats für Deutschland
Robin Wood hält Palmölsiegel RSPO für gescheitert
Die EU-Umweltminister haben in Brüssel über die Langfrist-Strategie der Gemeinschaft beim Klimaschutz beraten. Eigentlich sind sich alle einig - nur Polen blockiert. klimaretter.info hat mit Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam darüber gesprochen, wie Warschau doch noch ins Boot geholt werden kann.
Mit dem Eintreffen der Umweltminister beginnt in Mexiko die zweite und entscheidende Verhandlungswoche: Der große Wurf wird in Mexiko kaum gelingen, sagt Christoph Bals von Germanwatch: Die EU habe jedoch aus ihrem "Tunnelblick" in Kopenhagen gelernt. Interview: Christian Mihatsch
Bilanz: Klimakommissarin Hedegaard kritisiert "überzählige Zertifikate"
EU-Verkehrs-Kommissar Siim Kallas stellt Ende März "White Paper" vor
In Luxemburg entscheiden die Umweltminister der 27 EU-Länder: Vor dem Klimagipfel in Mexiko ist in Sachen EU-Klimaziel nichts Neues zu entscheiden. Erst nach Cancún steht "die Option" einer ambitionierteren Zielmarke wieder auf der Europa-Agenda.
Studie zeigt auf, wie ein nachhaltiges Ressourcenmanagement für Neodym, Terbium, Lanthan und Co. aussehen kann
Nach einem Gerichtsurteil musste die Bundesregierung die Liste mit den Subventionsempfängern wieder öffentlich machen. Hauptsächlich profitieren große Konzerne. Der BUND fordert eine EU-Agrarreform. 


