Leben und Sterben auf den Nomadeninseln
Gibt es in Europa ein Hochwasser, dann ist das schlimm. Gibt es in Bangladesh eines, dann ist es eine Katastrophe. Ganze Inseln versinken dort in den Fluten. Die Bewohner, die Ärmsten der Armen, verlieren all ihr Besitz und oft auch ihre Familie. Zwei Millionen Menschen leben dort buchstäblich auf den Flüssen, und weitere drei Millionen an den Ufern. Der Klimawandel macht ihr Leben noch unsicherer, als es ohnehin ist. Ein Auszug aus dem Buch Die Zukunft des Wassers
Von ERIK ORSENNA
"Überschwemmung" ist nicht das richtige Wort. "Überschwemmung" ist ein Ausdruck für gemäßigte Länder. Ich weiß wohl, dass einige unserer Überschwemmungen heftig sind. Vor allem, seitdem man alle unsere Böden makadamisiert und den darunterliegenden Schichten das Wasser entzogen hat. Aber unsere Flüsse begnügen sich meist damit, ihr Bett zu verlassen, unsere Keller zu überfluten und manchmal die Gefrierschränke zu beschädigen, deren Vorräte verderben.
Flut, dieses Wort hat die notwendige Kürze. Flut klingt wie ein Alarm. Flut ist einfach, Flut ist schwarz, wie Blut rot ist. Das Schwarz erobert zuerst den Himmel. Der Horizont zieht sich zu, eine Mauer rückt heran: Das ist die Welle Nr. 1. Dann fällt ein Vorhang herunter, kaum weniger schwarz, der Regen, die Welle Nr. 2, vertikal. Dann kommt die Welle Nr. 3, die Welle, die tötet: der wütende Fluss.
Danach bedeckt das Wasser alles, das Wasser triumphiert über die Schöpfung. Auf der Erde und von der Erde existieren nur noch die Wipfel der Bäume. Das Wasser und der Himmel sehen sich in die Augen, zufrieden mit ihrer Untat. Vielleicht haben sie dieselbe grau-blaue Farbe, weil sie sich zulächeln.
Danach zählen sich die Männer, die Frauen, und sie zählen ihre Kinder, dann die Tiere, die übrig geblieben sind. Dann fließt das Wasser ab. Wenn es überhaupt etwas empfindet, dann Bedauern. Vielleicht ist das Getöse, das ungeheure Geriesel des ablaufenden Wassers der Ausdruck seines Bedauerns. Die Verzweiflung der Menschen ist stumm.
Schließlich beginnt, wie jedesmal, der Wiederaufbau von Bangladesch. Der Wiederaufbau ist der einzige Lärm, den sich die Menschen erlauben. Man hört Äxte auf Holz, Hämmer auf Nägeln, Schaufeln und Hacken in dem aufgeweichten Boden.

Im fragilen Wechselspiel von Erde und Wasser versuchen die Menschen in Bangladesh, ihr Leben zu führen. Der Klimawandel macht dies künftig noch schwieriger (Foto: Orjan F. Ellingvag/Corbis/C.H.Beck)
Die Chars sind Inseln, aber instabile Inseln, Inseln, die nur aus Sand bestehen, Inseln, die der Monsun oder die Zyklone ertränken, die Fluss oder Meer wegtragen, Inseln, die verschwinden, Nomadeninseln, von denen die meisten nicht wieder auftauchen werden. Es gibt Meer-Chars wie den Char Kukri-Mukri oder den Char Maryabali, in jenem Mangrovenarchipel, den man die Sundabarans nennt, im äußersten Süden des Landes. Und es gibt Fluss-Chars. Von diesen Nomadeninseln gibt es Hunderte, sechshundert, sagt man. Ihre bewegliche Heimat ist der Brahmaputra im äußersten Norden Bangladeschs. Warum nennt man sie Nomaden? Sie bleiben nicht auf der Stelle, die Strömung trägt sie fort, oder die Flut setzt sie unter Wasser.
Anfang Juni kommt der Monsun.
Die Sintflut, die alles bedeckt und fast alles wegträgt, beginnt
Männer, Frauen und Kinder leben auf diesen Inseln. Wie groß mag die Zahl jener völlig Hilflosen sein, jener von allen, und vor allem von Dhaka, im Stich Gelassenen? Vielleicht zwei Millionen auf den Inseln selbst und drei weitere an den Ufern, die alle ebenfalls ständig bedroht sind. (...)
Von Dezember bis März ruht sich der Brahmaputra aus. Er bummelt, er mäandert. Niemand würde seine vergangene Gewalttätigkeit für möglich halten. Die Flussanwohner nutzen die Zeit, um langsam wieder auf die Beine zu kommen. Aber Anfang April erwacht er wieder: Die Schmelze der Himalayagletscher ruft ihn fröhlich ins Leben zurück. Anfang Juni kommt der Monsun. Die Sintflut, die alles bedeckt und fast alles wegträgt, beginnt.
Diesmal haben wir den schwimmenden Krankenwagen genommen, einen Katamaran, entworfen von dem großen Schiffsarchitekten Marc Van Petegen. Nach drei Stunden Slalom zwischen den Sandbänken und einigen Huldigungen an die hier seltenen Vögel sind wir am Fuß eines kleinen, ganz kleinen Hügelchens gelandet. "Willkommen auf der Char Khamar Jami!"
Horizontale Linien, soweit der Blickt reicht. Die einzige Vertikale sind Bäume, sie bewahren einen davor, verrückt zu werden
Der Boden ist eben. Die Welt ist flach. Der Himmel regiert uneingeschränkt, er hat den ganzen Raum erobert. Langsam bewegt sich das Auge über das blau-graue Wasser. Die Stunden vergehen. Das Auge, das sich angesichts dieses leeren Wassers langweilt, muss weiter in die Ferne blicken. Seine einzige Unterhaltung besteht darin, eine winzige, blassgelbe Stufe zu erklimmen. Das ist der Sand. Von Zeit zu Zeit unterbrochen von zartgrünen Flächen: Das ist der Reis.
In noch größerer Entfernung verlaufen zwei Linien von einem anderen Grün. Die eine ist mannshoch. Man erklärt mir: Das ist der Mais für das Vieh. Die andere Linie, die einzige Vertikale, ist die der Bäume. Der Bäume zum Bauen, der Bäume, die einen davor bewahren, verrückt zu werden, der Bäume, die dem Blick Erholung von der schwindelerregenden Horizontalen bieten. Darüber kratzen Schatten ein wenig am allmächtigen Himmel: die Berge Indiens. Man könnte meinen, sie verriegelten den Horizont. Indien spricht Bangladesch das Recht auf jegliche Erhebung ab.
Als der Fluss sich in Arme teilt, als sich das Fahrwasser verengt, müssen wir den schwimmenden Krankenwagen verlassen und auf eine Piroge umsteigen. Sie fährt häufig so nahe an den Uferböschungen entlang, dass sie sie fast berührt. Dann sieht man, wie der Boden der Nomadeninseln verwittert, wie er sich auflöst oder plötzlich in ganzen Tafeln mitsamt der Bepflanzung herunterfällt. Diese Abtragung des Bodens ist wie eine sanfte Sanduhr. Sie kündigt die kommenden Stürme an. Ich begreife, dass das Wasser die Zeit nicht nur misst. Es beschleunigt sie. Das Wasser hat Anfälle von Wut und Ungeduld, die die Zeit nicht hat. Das Wasser führt die Grausamkeit der Zeit mit sich. (...)
Die Armut auf den Nomadeninseln ist der Bodensatz,
der Bodensatz des Bodensatzes der Armut
Die Armut kennt keine Grenzen: Man findet immer einen, der noch ärmer ist als die Armen. Aber die Armut auf den Chars ist der Bodensatz, der Bodensatz des Bodensatzes der Armut. Brauchen Sie Beweise?
Hier ist einer: dem Pirogenschiffer nicht mehr den Fahrpreis von der Insel zum Ufer bezahlen zu können. Höhe: fünf bis zehn Tekas, fünf bis zehn Eurocent.
Hier ein anderer: alles zu verlieren, wenn die Überschwemmung kommt, das wenige, was man hat, seine Kuh zu verlieren, seine Ziegen zu verlieren, direkt vor der Ernte den Boden zu verlieren, den man bebaut hat, sein Haus zu verlieren, eine Mutter, ein Kind, zwei Kinder zu verlieren, die nicht schwimmen können, die nicht mehr die Zeit und die Kraft haben, sich an einem Baum festzuklammern, alles zu verlieren, kaum dass man es wiederaufgebaut hat.
Reicht Ihnen das noch nicht? Was sagen Sie zu der folgenden Situation: nicht zu wissen, wann, an welchem Tag im August oder September die Welle wiederkehren wird, die erneut alles mit sich nimmt.
Die Inseln in Bangladesch haben geringe, sehr geringe Lebenserwartungen. Zwischen zehn und fünfzehn Jahre im Süden und zwischen zwei und drei Jahre im Norden. Aber aufgrund der Erwärmung der Erde und der zunehmenden Klimastörungen werden sich diese Erwartungen immer weiter verringern.
Erik Orsenna (63) ist Schriftsteller, Ökonom und Mitglied der Académie Francaise.
Für sein poetisches Sachbuch Die Zukunft des Wassers hat er zwei Jahre lang die Welt bereist
Wir danken dem Verlag C.H. Beck für die freundliche Genehmigung zum Abdruck
Weitere Informationen HIER oder auf Orsennas (französischsprachigem) Blog
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