"Das Holz besser im Wald lassen"
Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, war zwei Jahrzehnte Beamter in der Landesforstverwaltung Rheinland-Pfalz. Weil die klassische Forstwirtschaft die Wälder nicht schütze, sondern sie ausbeute, so Wohlleben, habe er seine Lebenszeitstelle gekündigt.
Heute versucht er sanfte Wege der Waldnutzung – sein kommunales Revier ist eines der wenigen in Deutschland, die konsequent den Weg zurück zu urwaldähnlichen Laubwäldern beschreiten: Pferde statt Holzerntemaschinen, Buchen statt Fichten, völliger Verzicht auf Chemieeinsatz. Daneben veranstaltet Wohlleben Waldführungen und Survival-Trainings – sein Buch "Holzrausch" beschreibt die negativen Seiten des Bioenergie-Booms.
klimaretter.info: Heizen mit Holz ist seit einigen Jahren schwer in Mode. Die Hersteller von Holzpellets nennen ihren Brennstoff "Kohlendioxid-neutral". Wie klimafreundlich ist der Pellet-Boom?
Peter Wohlleben: Grundsätzlich stimmt es natürlich, dass in Bäumen Kohlendioxid gebunden wird. Interessant ist aber, dass Wälder, die nicht forstwirtschaftlich genutzt werden, deutlich mehr von dem Klimagas speichern als wenn das Holz geerntet und verbrannt wird. Das hat eine mehrjährige und aufwändige Untersuchung von Carbo Europe belegt, einem Zusammenschluss von Forschungsinstituten aus Deutschland und Europa.
Landläufig wird ja angenommen, das CO2, das beim Wachsen der Bäume eingelagert wurde, werde bei deren Verrottung wieder frei. Dies widerlegt die Studie. Selbst uralte Wälder, von denen man immer angenommen hat, dass sie in einen ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen übergehen, speichern beim Verrotten der Bäume nennenswerte Anteile der erzeugten Biomasse dauerhaft weg! Lange Rede kurzer Sinn: Der Brennstoff Holz ist eben nicht CO2-neutral!
Eine ganz andere Geschichte ist die Erzeugung von Pellets aus Resten der Sägeindustrie. Das sind Abfallstoffe, die sowieso anfallen. Wenn man sie nicht verwendet, dann enden sie als Müll und gasen ungenutzt ihr Kohlendioxid aus. Dann kann man auch Pellets daraus pressen und Heizöl damit ersetzen. Wenn allerdings Pellets aus eigens dafür herangezogenem oder aus dem Wald eingeschlagenem Holz hergestellt werden, dann hat das gerade klimapolitisch überhaupt keinen Sinn. Dieses lebendige Holz würde man tatsächlich viel besser im Wald stehen lassen.
Welches Holz benutzt die Pelletindustrie am meisten?
Die Situation in Deutschland ist paradox. Die hiesigen Holzproduzenten sind stark vom US-Markt abhängig, der bekannterweise eingebrochen ist. Daher fallen hier weniger Holzspäne an – weshalb die Pellethersteller, die bisher auf den Abfallstoff gesetzt haben, nun auch auf frisches Holz umsteigen müssen, einfach um genügend Rohstoffe für die Produktion zu haben.
Ein zunehmender Teil der Pellets kommt aber schon aus dem Ausland, zum Beispiel aus der Ukraine oder Russland, wo teilweise unter sehr fragwürdigen ökologischen Standards produziert wird. Man kann nicht grundsätzlich sagen: „Öl ist böse, Pellets sind gut“. Man muss, wie bei allen anderen Rohstoffen auch, genau gucken, wo sie herkommen.
Pellethersteller behaupten, es gebe genügend Abfallhölzer, sie könnte sogar noch um das Zehnfache wachsen.
Momentan verzeichnet die deutsche Pelletbranche unterm Strich einen Exportüberschuss, beispielsweise beliefert sie Heizkraftwerke in Holland. Doch Deutschland kann sich schon heute nicht mehr allein mit Holz versorgen. In diesem Sinne gibt es keine Reste, die nicht bisher anderswo industriell verwertet worden wären. Aus Sägespänen kann man beispielsweise auch Spanplatten machen. Wenn jetzt Pelletshersteller auf Abfallholz zugreifen, dann muss ein Spanplattenhersteller sich eben seinen Rohstoff anderweitig besorgen.
Deutschland benötigt pro Jahr ca. 115 Millionen Kubikmeter frisches Holz in Form von Stämmen – kann selbst aktuell aber nur 69 Millionen Kubikmeter erzeugen. Selbst wenn man alles zusammenkratzt – auch aus den nicht bewirtschafteten Ecken –, dann kann man noch neun Millionen drauflegen. Doch gegenüber dem Bedarf von 115 Millionen Kubikmetern bleibt eine große Lücke. Wenn auf dem Markt dann auch noch weitere Mitspieler auftauchen, klafft die Schere noch weiter auseinander. Die Differenz kommt aus dem Ausland, und dort sind die Ökostandards oft deutlich geringer als in Deutschland.
Wie stark kann die Nutzung von Holz in Deutschland noch vertretbar wachsen?
Es kann meiner Meinung nach kein erhebliches Wachstum mehr stattfinden. Man sollte sich auf eine sinnvolle Resteverwertung beschränken. Im ländlichen Raum, wo man große Wälder, wenig Bevölkerung und kurze Wege hat, da ist Heizen mit Holz durchaus sinnvoll. Wenn jedoch Stromkonzerne große Biomassekraftwerke bauen, wenn dann dafür die Wälder ausgefegt und verheerende ökologische Schäden angerichtet werden, ohne dass das Ganze großartig zum Klimaschutz beiträgt – dann ist die Grenze überschritten.

Ich möchte nicht den einzelnen Häuslebauer kritisieren, der für seinen kleinen Ofen Pellets von einem Hersteller bezieht, der tatsächlich Reststoffe verwertet. Aber wenn die Bundesregierung anpeilt, dass von den maximal möglichen 78 Millionen Kubikmeter Jahreseinschlag in Deutschland, bis zum Jahr 2020 knapp 50 Millionen verbrannt werden sollen, dann hat das nichts mehr mit Umweltschutz zu tun. Die Fördergelder, die da fließen, sollte man besser in Energiesparmaßnahmen oder die Gebäudesanierungen investieren. Mit dem Wechsel des Energieträgers ist der Fokus völlig falsch gesetzt. Es sollte nicht so stark darum gehen, WAS wir verbrennen, sondern WIEVIEL wir verbrennen.
Dazu vielleicht eine Zahl: Laut Umweltbundesamt könnte bis 2020 ein Viertel des Primärenergieverbrauchs eingespart werden, und zwar ohne Komforteinbußen. Wollte man diese 25 Prozent nicht einsparen, sondern durch Bioenergie ersetzen, müsste man den gesamten Holzeinschlag Europas dafür verheizen! Das Potenzial von Biomasse wird allgemein überschätzt. Sie kann ein kleiner und sinnvoller Beitrag in einem Energiesystem sein, aber wenn man sie ohne Rücksicht auf die Rohstoffquelle fördert, führt das zu einer Ausplünderung unserer Landschaft.
Wie sieht das dann praktisch aus?
Es gibt einen regelrechten Ansturm auf Holz. Relativ neu sind zum Beispiel die sogenannten Reisigbündler, große Maschinen, die mit einem Kran Äste, Reisig, Nadeln hinten auf eine Bündelmaschine aufpacken und zu großen Rollen pressen. Diese Rollen sind ungefähr drei Meter lang und einen halben Meter dick. Sie werden am Wegrand zum Trocknen gestapelt und irgendwann im nächsten Kraftwerk verheizt. Mit dieser Rohstoffgewinnung wird der gesamte Wald quasi ausgefegt. Der Boden blutet regelrecht aus, weil er die Nährstoffe verliert, so dass folgende Baumgenerationen viel kümmerlicher wachsen.
Es geht aber noch schärfer, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Dort gibt es etliche Flächen, wo vor drei Jahren der Sturm Kyrill etliche Fichtenplantagen umgelegt hat. Dort läuft ein sogenannter Woodcracker darüber, der selbst die Baumwurzeln noch rausreißt. Diese werden aufgestapelt, getrocknet und unter anderem an ein RWE-Heizkraftwerk verkauft. 
Und man kann noch eine Stufe drauf setzen. Aktuell werden auf einigen dieser Flächen anschließend Schnellwuchsplantagen anlegt. Da werden Pappelklone gepflanzt, also genetisch völlig gleiche Bäume, die dann nach fünf oder sieben Jahren mit einer Maschine, ähnlich einem Maisernter geschreddert, auf einem Hänger geblasen und ins nächste Kraftwerk gefahren werden.
Das fordert Herbizid- und Insektizideinsätze. Die Böden sind vollständig von diesem schweren Gerät befahren und zwar mehrfach, so dass der Waldboden hinterher einem zusammengedrückten Schwamm gleicht. Er verliert dadurch viele ökologische Funktionen, unter anderem ein Großteil seiner Wasserspeicherfähigkeit – und das kann nicht einfach rückgängig gemacht werden. Alles nur, um kurzfristig große Massen an Bioenergie bereitstellen zu können.
Wie heizen Sie eigentlich bei sich daheim?
Unser persönliches Ziel ist es, unseren Haushalt CO2-neutral zu bekommen. Wir haben Strom von GreenpeaceEnergy und die ganzen anderen Geschichten. Als nächstes wollen wir mit einer Gebäudesanierung den Gesamtenergieverbrauch drosseln.
Ja, auch wir heizen mit Holz – mir selbst war die ganze Problematik vor einem Jahr überhaupt noch nicht klar. Da gab es diese Studie noch nicht, und auch ich bin auf der Welle geritten: 'Holz ist CO2-neutral'. Aber wir haben selbst ein Stück Wald, so dass wir versuchen, möglichst viel auf Stückholz umzustellen, weil ich da persönlich Einfluss auf die Art der Waldbehandlung nehmen kann.
Interview von LUCIANO IBARRA
(Fotos: Sarah Messina)
Das Interview ist eine Produktion von Radio Dreyeckland für
"Dynamo Effect - Die Radiokampagne für eine klimagerechte Gesellschaft"
Für eine ausführliche Hör-Fassung klicken Sie hier links auf das Dreieck:
video
Weitere Informationen: www.peter-wohlleben.de
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