Naher Osten: Der leise Krieg ums Wasser
Der Klimawandel verändert unser Wetter und bringt den globalen Wasserhaushalt durcheinander. Durch mehr Trockenperioden und steigendem Verbrauch schrumpfen die weltweiten Süßwasservorräte, warnen Experten seit Jahrzehnten. Den heutigen Weltwassertag hat die UN schon 1993 ausgerufen, um auf den Kampf um das lebenswichtige Nass vor allem in armen Ländern aufmerksam zu machen. Eine Region, wo die Wasserkrise schon lange begonnen hat, ist der Nahe Osten. Dort versiegen Quellen, schrumpfen Trinkwasserreserven und trocknen einst reißende Flüsse aus – mit fatalen Folgen für die politisch instabile Region
Unsauberes Trinkwasser, fehlende sanitäre Anlagen und rationiertes, teueres Wasser sind der Alltag für Millionen Menschen. Die Wasserversorgung ist deshalb eines der wichtigsten UN-Millenniumsziele zur Halbierung der weltweiten Armut. Auch wenn in vielen Regionen die Versorgungssysteme für Trinkwasser ausgebaut werden, gleichen diese Anstrengungen einer Sisyphosarbeit. Denn die Weltbevölkerung wird bis 2050 um mindestens drei Milliarden Menschen wachsen - die große Mehrheit davon in Entwicklungsländern - während gleichzeitig die Trinkwasservorräte immer knapper werden. Der letzte UN-Weltwasserbericht hat vor einem Jahr konstatiert, dass 80 Prozent der Krankheiten in armen Ländern mit Wasser zusammenhängen.
Der Klimawandel könnte die globale Wasserkrise in noch ungeahnten Ausmaßen verschärfen. Wissenschaftler forschen deshalb schon seit Jahren an den Folgen veränderter Niederschlagsperioden, Auswirkungen von der Erwärmung von Gewässern und zunehmenden Trockenperioden. Dabei geht es nicht nur um Entwicklungsländer, sondern auch um die Wassersituation in Europa und Deutschland.
Das IPCC ging schon 2001 in seinem Bericht darauf ein, dass es sehr wahrscheinlich zu intensiveren Niederschlägen und mehr Sommertrockenheiten kommen werde. Es wird geschätzt, dass bei einer Erwärmung der Erde um durchschnittlich zwei Grad in Teilen Afrikas und am Mittelmeer 20 bis 30 Prozent weniger Wasser zur Verfügung stehen wird. Durch mehr Dürren werden überall auf der Welt Ackerfächen vernichtet sowie Erosion und Wüstenbildung gefördert.
Schon 1999 warnt auch das Hadley Centre for Climate Prediction and Research vor der Austrocknung von Flüssen und anderen Trinkwasserreservaten durch längere Trockenperioden. Vor allem in Australien, Indien, Afrika, Südamerika, Europa und auch dem Mittleren Osten.
Beispiel Naher Osten: Der stille Krieg ums Wasser
In der Region Israel, Palästina und Jordanien hat der Kampf um das lebenswichtige Nass schon begonnen. In den letzen fünf Jahren gab es in der Region immer weniger Regenfälle und sehr lange Trockenperioden. Wie in vielen betroffenen Regionen verstärken sich die negativen Vorzeichen gegenseitig: Umweltverschmutzung, Wasserverschwendung und Verteilungskonflikte belasten die ohnehin gebeutelte Region. Die Folgen der israelischen Politik, die die Hoheit über die Wasserreserven in der Region besitzt, sind offensichtlich: Im Westjordanland sieht man kaum grüne Flecken oder gar Gewächshäuser, die auf Landwirtschaft hindeuten. Die Gegend ist kahl, bedeckt mit weißem Gestein und einigen verdorrten Olivenbäumen. Kommt man ins israelische Kernland wechselt das Bild schlagartig: Rechts und links der Straße liegen Felder wie grüne Teppiche in der Landschaft, voluminöse Gewächshäuser, Dattel- und Bananenplantagen erstrecken sich, so weit das Auge reicht.

Trockenheit auf ehemalig bewässerten Feldern in Ouja in der Nähe von Jericho
Laut UNESCO steigt der Wasserverbrauch weltweit dramatisch an und der Hauptgrund ist der Wasserhunger der Landwirtschaft: In den letzten 50 Jahren hat sich die Wasserentnahme aus Flüssen, Seen und Grundwasserreserven verdreifacht. Der größte Teil, an die 70 Prozent des Wassers werden in der Landwirtschaft verwendet. Gewächshäuser brauchen zudem viel mehr Wasser als beim Freilandanbau. Wer im Nahen Osten das Sagen hat, sieht man schon daran, bei wem die meisten Gewächshäuser stehen. Doch auch in Israel fängt man an zu sparen. Und das zuerst bei den Bauern. Denn die israelische Landwirtschaft macht nur rund drei Prozent des nationalen Einkommens aus. Der See Genezareth, Israels größtes Trinkwasserreservoir, hat durch den fehlenden Winterregen immer weniger Wasser. Oberhalb des Sees, in den Golanhöhen, durch die zahlreiche Zuflüsse des Jordans verlaufen, klagen die Einwohner über versiegende Quellen und staatlich rationierte Wassermengen. Farmer berichten, dass die subventionierten Wasserpreise gedeckelt werden sollen.
Westjordanland: Gekappte Leitungen und versiegende Brunnen
Palästinensischen Bauern sind zu 100 Prozent auf die Zuteilungen der palästinensischen und diese wiederum auf die israelische Wasserbehörde angewiesen. Palästinensern ist es untersagt, Brunnen zu bohren. Deshalb ist die Abhängigkeit von natürlichen Quellen groß. Besonders hart trifft es abgelegene Gebiete, die nicht an das Leitungssystem angeschlossen sind. Ein Beispiel ist das einst fruchtbare Jordantal. Dort gab es laut den Einheimischen noch vor der jüdischen Besetzung unzählige Felder, auf denen Obst, Gemüse und Kräuter angebaut wurden.

Hochgesicherte Wasserpumpstation in der Westbank: Israel verwaltet das Wasser in der Region
Doch damit ist schon lange Schluss. Eine der ersten Handlungen der israelischen Armee nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 sei die Kappung der Wasserpipelines vom Jordan zu den Feldern gewesen, erklärt der palästinensische Wasseringenieur Nader Al-Khateeb. Derzeit werde nur noch ein Bruchteil der ehemals bewässerten Flächen bewirtschaftet. Der Jordan liegt heute in der Westbank in einer mit Minen und Stacheldraht gesicherten militärischen Zone. Sein Wasser ist aber nicht mehr als eine Kloake, da seine Zuflüsse so gut wie trocken sind und auch aus dem See Genezareth, durch den der Jordan fließt, Millionen Liter ins israelische Versorgungssystem abgepumpt werden. In den Jordan werden vor allem Abwässer eingeleitet.
Wasserknappheit verschärft die politischen Konflikte
Durch die Dürre versiegen nun auch noch die natürlichen Quellen. So geschehen in der Gemeinde Ouja bei Jericho, unweit des Jordans. Die meisten Haushalte der Gegend sind nicht einmal an das Leitungssystem angeschlossen, so wie rund ein Drittel aller palästinensischen Dörfer. Die Einwohner von Ouja können nur noch hoffen, dass es regelmäßig regnet. Einzige Alternative ist, sich Tankwagen mit teurem Wasser kommen zu lassen. Der Kubikmeter kostet dann mehr als das Fünffache des durchschnittlichen Wasserpreises. Dafür müssen Palästinenser lange arbeiten – oft als Tagelöhner in israelischen Siedlungen. Diese Situation wiederum heizt die ohnehin unruhige Lage in dem Gebiet noch an.
Deshalb sprechen Experten wie der deutsche Hydrogeologe Clemens Messerschmidt, der seit 12 Jahren in Ramallah lebt auch vom „leisen Konflikt“ um das wertvolle Nass. Seit Jahren verschärfe sich der Verteilungsstreit um das knapper werdende Süßwasser. Die Palästinenser klagen, dass ihnen viel mehr Wasser zustehen würde, als derzeit ausgeteilt. So wird die Region zu einem Exempel, wie die Folgen des Klimawandels für politischen Sprengstoff sorgen und die ohnehin schwierige Ausgangslage weiter verschärfen. Clemens Messerschmidt ist sich sicher, dass dies erst der Anfang ist und aus dem leisen, hintergründigen Konflikt schon bald ein lauter werden könnte.
(Fotos: Götze)
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