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Die Lage der Welt in Plastik verpackt

Die Heinrich Böll-Stiftung und Germanwatch legen Bericht "Zur Lage der Welt 2010" vor. Tenor: Würden alle so leben wie wir, müssten zwei Drittel der Menschheit weg. Dumm nur, dass die Verpackung des Buches die hehren Aussagen ihre Herausgeber als Plattitüden entlarvt: Das Buch wird in Plastikfolie verpackt vertrieben, was seinen ökologischen Fußabdruck deutlich - und vor allem unnötig - in die Höhe treibt.

Aus Berlin NICK REIMER

5 Prozent der Weltbevölkerung sind für 32 Prozent des weltweiten Konsums verantwortlich. Das geht aus dem Bericht "Zur Lage der Welt 2010" hervor, den das renommierte Washingtoner Worldwatch Institut erarbeitet hat. In Berlin wurde am Donnerstag die 300-Seiten starke deutsche Fassung vorgestellt, die die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit Germanwatch ausgearbeitet hat. Tenor: Würden alle Menschen so leben wie wir, böten die sich selbst erneuernden Ressourcen der Erde gerade einmal Platz für 2,1 Milliarde Menschen. Aktuell leben aber bereits knapp 7 Milliarden auf dem Planeten.

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Ein ökologisch verwerflicher Gutmenschen-Strip: Die Böll-Stiftung und Germanwatch kritisieren in ihrem Buch "Einfach besser leben" den Ressoursenverbrauch...


"Wenn wir den Zusammenbruch der Zivilisation verhindern wollen, brauchen wir nichts Geringeres als eine Umwälzung der herrschenden kulturellen Muster", erklärte Erik Assadourian, einer der Direktoren des Worldwatch Instituts gestern in Berlin. Es bräuchte mittlerweile "1,3 Erdbälle", um den derzeitigen Welt-Konsum auszugleichen. Raubbau müsse man dies nennen, doch habe sich dieser unter dem Begriff Konsum inzwischen fast auf der ganzen Welt als allgemeines kulturelles Leitbild etabliert. Motto: "Ich konsumiere, also bin ich."

Der Bericht "Zur Lage der Welt 2010" will dem die individuelle Kraft entgegen setzen. Die Menschen suchten "Sinn, Zufriedenheit und gesellschaftliche Akzeptanz in dem, was sie konsumieren", erklärte Worldwatch-Direktor Erik Assadourian. Er ist Hauptautor des Berichts, an dem rund 60 weitere Wissenschaftler mitgearbeitet haben.

Von Ernährungsgewohnheiten bis zu ökologischen Siedlungen - der Bericht listet 26 Beispiele auf, wie es besser gehen könnte. Böll-Vorstand Ralf Fücks: "Wir alle können dazu beitragen, umweltfreundliche Produkte und fairen Handel zu fördern." Am Abend wurden die Beispiele auf einem Symposium in Berlin erläutert.

Mit Verlaub: Diese Beispiele wären 1993 revolutionär gewesen. Heute entlocken sie allenfalls ein müdes Lächeln: Gutmenschentum, das im Kampf der Lebensentwürfe an den gesellschaftlichen Realitäten gescheitert ist. Nichts Neues also seit 38 Jahren: 1972 hatte bereits der Bericht "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome bereits beschrieben: Warum es nicht so weiter gehen darf, wie es weiter geht. Und trotzdem geht es immer weiter: Jedes Jahr steigt die "Fieberkurve des Planeten", wie Fücks den jährlichen Bericht "Zur Lage der Welt" bezeichnet.

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...verpackt diese Kritik dann aber 3000fach in völlig unnötige Plastefolie...

1987 überschritt der ökologische Fußabdruck der Menschheit erstmals die Kapazität der Erde. Am 19. Dezember hatten die Menschen all das verbraucht, was ihnen die Natur binnen eines Jahres zur Verfügung stellt: Holz, sauberes Wasser, Nahrung oder Platz, um den Müll zu entsorgen; auch den Klimamüll. 1995 erreichte die Menschheit diesen Tag am 21. November. Im vergangenen Jahr waren die Ressourcen schon am 24. September verbraucht. Es muss also etwas geschehen.

Alljährlich rätseln die Eliten, (und jene, die sich dafür halten) was wohl zu tun sei. "Die Photovoltaik kürzen", erklärte gestern auf dem Podium in Berlin Gerd Billen. "Wir brauchen mehr Effizienz im Strombereich", so der Chef der Verbraucherzentralen. An anderer Stelle hatte Billen argumentiert, die Solarförderung müsse gekürzt werden, damit der Strompreis für die Verbrauchen bezahlbar bleibe. Die Katze beißt sich in den Schwanz: Bezahlbarer Strom wird eben verhindern, dass sich stromeffiziente Geräte auf dem Markt durchsetzen.

Die Lage der Welt 2010 sieht also ziemlich übel aus: Den Vordenkern und Thinktanks der Weltenrettung fällt seit 38 Jahren weder Neues ein, noch scheinen sie bereit, in neue Richtungen zu denken. Eben weil Ressourcen- und Klimakrise kollektive Probleme sind, kann auch nur das Kollektiv sie lösen. Sich die kapitalistische Welt schön zu kaufen - wie seit Jahrzehnten von den ökologisch korrekten Konsumfans propagiert - hat nicht dazu geführt, dass sich wenigstens die Beschleunigung der Selbstzerstörung abbremst. Leute, die mit atmosfair nach Amerika jetten sind nicht die besseren Konsumenten - sie können es sich nur leisten.

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...um dann hinterher zu erklären, dass dieser Ressourcenverbrauch ja biologisch abbaubar ist. Super! (Fotos: Reimer)

"Wir haben die Chance, als Verbraucher ein Zeichen zu setzen", empfiehlt Hendrik Vygen, Vorstand von Germanwatch. Und merkt dabei überhaupt nicht, wie plattitüd und profan die Herausgeber selbst just mit jener Aufgabe umgehen, die sie von "uns" - jedenfalls "den anderen" - erwarten: Der Bericht "Zur Lage der Welt 2010" wird aktuell eingeschweißt in Plaste-Folie vertrieben. "Wir kompensieren jedes anfallende Treibhausgas", erklärt Co-Herausgeber Ralf Fücks von der Böll-Stiftung dazu. Als ob das bedeuten würde, dass für die Plastehülle - Buch-Auflage 3.000 - keinerlei Ressourcen verbraucht worden sind. Immerhin: Der Verpackungsmüll muss nicht auch noch recyclet werden.


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