Kein Erdöl für viel Geld
AUS PORTO ALEGRE Gerhard Dilger
„Der gordische Knoten ist durchschlagen“, ist sich Ute Koczy sicher. Seit zwei Jahren wirbt die grüne Bundestagsabgeordnete für den Vorschlag Ecuadors, auf die Erdölförderung in einem artenreichen Gebiet des Amazonas-Regenwaldes zu verzichten – wenn die internationale Gemeinschaft im Gegenzug für einen Teil der zu erwartenden Ölmillionen aufkommt.
In der Tat: Nach der zweitägigen Visite des ecuadorianischen Außenministers Fander Falconí in Berlin scheint der Durchbruch für die so genannte Yasuní-ITT-Initiative zum Greifen nahe. Deutschland wolle den „ersten bedeutenden Beitrag“ für einen noch zu schaffenden internationalen Treuhandfonds leisten, erklärte das Außenministerium in Quito. Dies habe Erich Stather, Staatssekretär im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, zugesichert. Einzelheiten werden offiziell noch nicht genannt, doch nach Informationen aus der ecuadorianischen Delegation drängte Stather, Ecuador solle den Fonds innerhalb eines Monats einrichten. Dann werde Deutschland jährlich 50 Millionen Dollar in den bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank oder der UNO angesiedelten Fonds einzahlen.
Das größte unerschlossene Ölvorkommen von Ecuador im Gebiet Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT) wird auf 846 Millionen Barrel Rohöl (1 Barrel = 159 Liter) geschätzt. In dieser Gegend am Río Yasuní, der kurz vor der ecuadorianisch-peruanischen Grenze in den Río Napo mündet, einen Nebenfluss des Amazonas, liegt der Yasuní-Nationalpark.Auf peruanischer Seite der Grenze werden die Vorkommen bereits ausgebeutet. Die drei indigenen Völker sind auch auf ecuadorianischer Seite von der illegalen Holzmafia bedroht. Bei einer Ausbeutung der Ölvorkommen wären sie sehr wahrscheinlich zum Untergang verurteilt.
Überall dort, wo Ölgesellschaften im Regenwald arbeiten, entstehen schwere Schädigungen für das Ökosystem. Foto: oilwatchmesoamerica.org
Im Juni 2008 beschloss der Deutsche Bundestag einstimmig die Annahme eines fraktionsübergreifenden Antrages zur Yasuní-ITT-Initiative Ecuadors. Die Bundesregierung wird darin aufgefordert, die Initiative zu unterstützen. Seither erarbeitete die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) drei Studien. In einer von ihnen wird Wert des zu vermeidenden Kohlendioxid-Ausstoßes deutlich niedriger beziffert, doch diese Details seien im Moment „nicht so zentral“, meint Ute Koczy. Die letzte Version der Yasuní-ITT-Initiative sei „präziser und vorwärtsgewandter“ denn je, freut sich die Abgeordnete.
Ein Jahr zuvor - im Juni 2007 - hatte Präsident Rafael Correa vorgeschlagen, auf die Ölförderung im ITT-Gebiet zu verzichten, sollte die Hälfte der zu erwartenden Einkünfte andersweitig aufgebracht werden. Für die 410 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Emissionen, die vermieden würden, erhofft sich Ecuador über einen Zeitraum von 20 Jahren einen Beitrag von 7 Milliarden Dollar.
Erdöl ist Ecuadors wichtigstes Exportprodukt, rund ein Drittel des Staatshaushalts wird aus den Öleinkünften bestritten. Unter der Regie der Staatsfirma Petroecuador wird gut die Hälfte von täglich 500.000 Barrel gefördert.
In Berlin sagte Außenminister Falconí, der Vorschlag Ecuadors gehe über die „rigiden Marktinstrumente“ hinaus, die bislang von der internationalen Gemeinschaft zur Bekämpfung der Treibhausemissionen akzeptiert würden, inbesondere die Parameter des Kyoto-Protokolls. „Jede wegweisende Initiative durchbricht die konventionellen Schemata“, erklärte Falconí selbstbewusst. In seiner neuen Entwicklungsstrategie unterscheide Ecuador klar zwischen Wirtschaftswachstum und menschlicher Entwicklung. Das derzeitige „komplexe Klimawandel-Szenario“ sei das Ergebnis einer „egozentrischen Etappe des westlichen Denkens“.
Sein lesenswerter Kirchentagsvortrag „Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“ ist hier zu finden.
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