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Gülle-Notstand im Norden

In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern drohen die Gülle-Fässer überzulaufen. Die Überdüngung wegen der boomenden Massentierhaltung ist ein Haupt-Umweltproblem der Intensivlandwirtschaft – neben der stagnierenden Treibhausgas-Reduktion und der negativen Folgen für die Artenvielfalt.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Die Sache stinkt zum Himmel – buchstäblich. In Schleswig-Holstein herrscht der Gülle-Notstand, weil auf vielen Bauerhöfen die Tanks überzulaufen drohen, in denen die Landwirte die Fäkalien aus der Viehzucht sammeln. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Lage ähnlich dramatisch.

BildDer Gülleüberschuss ist nur eines der Probleme der industriellen Landwirtschaft, aber ein großes. (Foto: Schulze von Glaßer)

Auslöser der Krise ist das nasse Wetter, denn der regenreiche Herbst hat Äcker und Wiesen vor allem im Norden der Republik in Morast verwandelt. Die Bauern konnten Gülle und Gärreste aus Biogas-Anlagen nicht wie sonst üblich auf den Böden abladen, die Traktoren wären steckengeblieben. Und inzwischen hat die Winter-Sperrfrist begonnen – nach dem Ende der Wachstumsperiode darf der Dünger nicht mehr ausgebracht werden.

Die Überdüngung wegen der boomenden Massentierhaltung ist neben der etwa seit dem Jahr 2000 stagnierenden Treibhausgas-Reduktion und der negativen Folgen für die Artenvielfalt eines der Haupt-Umweltprobleme der Intensivlandwirtschaft.

Güllebehälter könnten überlaufen

Der Kieler Umweltminister Robert Habeck (Grüne) hat den Bauern nun erlaubt, provisorische Jauchegruben auszuheben, in denen die stinkende Brühe zwischengelagert werden kann – per "Notfallgenehmigung". Sie schreibt vor, dass die Gruben mit Spezialfolie abzudichten sind und später wieder rückgebaut werden müssen. Habeck attestiert den Bauern, in einer "Ausnahmesituation" zu sein. Er befürchtet, dass Oberflächengewässer und Grundwasser geschädigt werden, falls die Güllebehälter überlaufen.

Habecks Kollege im Nachbar-Bundesland Meck-Pomm, Till Backhaus (SPD), rechnet ebenfalls damit, dass die vorhandenen Lager nicht ausreichen. Er befürchtet sogar, dass die Fäkalienentsorgung auf den Äckern nach dem Ende der Sperrfrist Anfang Februar wegen mit Nässe gesättigter Böden noch nicht wieder normal anlaufen kann. Der Minister empfahl Bauern und Biogasanlagen-Betreibern, zusätzliche Behälter aufzustellen, und wies darauf hin, dass das Land den Neubau von Güllelagern fördere.

Nitrat-Grenzwert an jeder dritten Messstelle überschritten

Der Grüne Habeck geht die Sache freilich grundsätzlicher an. Er sieht die Gülle-Krise als das, was sie ist: eine Folge der Intensiv-Viehhaltung. "Wir haben dort zu viel Gülle und Gärrückstände auf zu wenig Fläche." Er warnt davor, dass der Überschuss an Nährstoffen auf den Äckern immer größer wird, weil die Pflanzen die aufgebrachten Mengen nicht mehr komplett aufnehmen können. Das wiederum hat Folgen für das Grundwasser, in dem die Nitratwerte vielfach bereits kritische Werte erreichen. Hinzu kommen Gülle-Importe aus Nachbarländern Deutschlands, in denen strengere Düngegesetze gelten.

Das Problem ist längst nicht auf die beiden Nord-Länder beschränkt. Bundesweit weist laut Nitratbericht der Bundesregierung fast ein Drittel der Messstellen mehr als die zulässigen 50 Milligramm Nitrat pro Liter auf; die Grundwasserdatenbank, die unter anderem vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) geführt wird, kommt gar zu Spitzenwerten von bis zu 400 Milligramm. Neben dem Norden sind vor allem Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern betroffen.

Das billige Schnitzel kommt teuer

Den Wasserwerkern macht das zunehmend Sorgen. Um trotzdem noch normgerechtes Trinkwasser zu liefern, müssen sie belastetes Grundwasser mit unbelastetem verschneiden – oder sogar teure Denitrifikationsanlagen bauen. Die Wasserkosten könnten deswegen in einigen Regionen um bis zu 62 Prozent ansteigen, warnt der Verband.

Das billige Schnitzel aus dem Massenviehstall kommt also ziemlich teuer. Habeck jedenfalls fordert eine neue Agrarpolitik, die den Bauern ein gutes Einkommen sichert, ohne sie zu immer größeren Ställen zu zwingen. In dieselbe Richtung zielt eine Online-Petition, die vom BDEW, der Gewerkschaft Verdi und Umweltverbänden getragen wird – "guelleverschmutzung-stoppen.de".

BildEin Bauer bringt Gülle aus. Im Winter ist das nicht erlaubt, weil die Pflanzen dann weniger Nährstoffe aufnehmen können. (Foto: Myriam/​Pixabay)

Der ungewöhnliche Zusammenschluss fordert, die nächste Bundesregierung müsse "endlich eine Kehrtwende in der Landwirtschaftspolitik einleiten". Dazu gehörten ein sofortiger Dünge-Stopp in belasteten Gebieten, verpflichtende Stoffstrom-Bilanzen für die Agrarbetriebe, eine Eindämmung des Gülle-Tourismus und eine Agrarwende. "Die Milliarden-Subventionen für die großindustrielle Agrarwirtschaft müssen sofort zugunsten einer gewässer- und umweltverträglichen Bewirtschaftung der Flächen umgeschichtet werden", heißt es in dem Aufruf.

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