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"Wir brauchen eine neue Aufklärung"

BildDie Marktwirtschaft braucht eine Balance zwischen Staat und Markt. Die Staaten müssen daher feste Regeln setzen und durchsetzen, sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ko-Präsident des Club of Rome, und beschreibt damit den politischen Kern des neuen 400-Seiten-Berichts "Wir sind dran" des internationalen Thinktanks. Seit Jahrzehnten drängt der renommierte Naturwissenschaftler und SPD-Politiker auf mehr Umwelt- und Klimaschutz und auf die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie.

klimaretter.info: Herr von Weizsäcker, Ihr neuer Report "Wir sind dran" warnt vor einer fehlgesteuerten Globalisierung, die die Übernutzung der Umweltkapazitäten und Vernichtung von Jobs vorantreibt. Hat US-Präsident Trump als Kritiker des Freihandels also doch recht?

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Trump ist gnadenloser Materialist ohne jede Bremse bei der Übernutzung der Umwelt. Seine Kritik an der Globalisierung setzt nur dort an, wo die USA sich in eine miese Wettbewerbsfähigkeit hineinmanövriert haben. Protektionismus à la Trump bedeutet, legitime Wettbewerbsvorteile, etwa von Mexiko gegenüber den USA, wegzubremsen – deshalb die absurde Idee einer Mauer, die Mexiko auch noch bezahlen soll. Das arrogant gewordene Kapital lässt er dagegen ungeschoren.

Kann das kapitalistische Wirtschaftssystem überhaupt so gesteuert werden, dass es die ökologischen Grenzen nicht überschreitet? Und wenn ja, wie?

Wo nur das Finanzkapital regiert, sind Kollapse vorprogrammiert, nicht nur ökologische, sondern auch finanzielle. Die Marktwirtschaft braucht eine Balance zwischen Staat und Markt. Der Staat und die Staatengemeinschaft müssen daher feste Regeln setzen und durchsetzen. Das ist der politische Kern der von uns postulierten Balance-orientierten "neuen Aufklärung".

Ihr Bericht endet mit positiven Ausblicken – eine Sammlung von lauter Erfolgsgeschichten, von der Energiewende über das Divestment bei der Kohle bis zum indischen "Power-Webstuhl". Glauben Sie wirklich, dass dadurch der Kollaps noch zu verhindern ist?

Die positiven Beispiele machen Mut, allerdings verhindern sie alleine nicht den Kollaps. Deswegen ist dieser ausführliche dritte Teil des Buches auch voll von politischen Strategien und Rezepten für Staat, Investoren und Zivilgesellschaft zu seiner Abwendung. Außerdem braucht es in der Tat ein Umdenken von der Größenordnung einer neuen Aufklärung, denn sonst bleiben all die Vorschläge am Ende doch blanke Illusion.

BildDie Erde retten – ein beliebtes Credo, solange es plakativ und unverbindlich daherkommt: Graffito an der Berliner East Side Gallery. (Foto: Schulze von Glaßer; Porträtfoto Ernst Ulrich von Weizsäcker: Heinrich-Böll-Stiftung/​Wikimedia Commons)

Interview: Joachim Wille

[Erklärung]  
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