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Die Natur bekommt einen Chefbuchhalter

Leistungen der Natur wie saubere Luft und sauberes Wasser werden im Bruttoinlandsprodukt nicht berücksichtigt. Daher zehrt die Menschheit ihr Naturkapital auf, ohne es zu merken. Diese politische Fehlsteuerung will der WWF stärker ins Visier nehmen. Die Naturschutzstiftung macht einen Ex-Banker und Wirtschaftswissenschaftler zu ihrem neuen Präsidenten.

Aus Chiang Mai Christian Mihatsch

Sigmar Gabriel brauchte jemanden, der etwas von Geld und Umweltschutz verstand. Bei einem Treffen der G8-Umweltminister im Jahr 2007 in Potsdam hatten diese festgestellt, dass der Wert der Artenvielfalt unbekannt war. Diese Lücke sollte geschlossen werden. Daher ließ Gabriel, damals Bundesumweltminister, nach einem geeigneten Chefautor für eine mehrjährige Studie suchen.

BildNeuer WWF-Chef: Pavan Sukhdev. (Foto: Stephan Röhl/​Heinrich-Böll-Stiftung/​Flickr)

Fündig wurde er schließlich bei der Deutschen Bank. Dort arbeitete Pavan Sukhdev, der für einige indische Bundesstaaten eine "grüne Buchhaltung" entwickelt hatte, die Politiker davon überzeugen soll, dass sich Naturschutz rechnet.

Sukhdev, Jahrgang 1960, wuchs in Delhi als Sohn eines Sicherheitsbeamten auf. Nach einem Physik- und Ökonomie-Studium arbeitete er zunächst als Investmentbanker für die australische ANZ, bevor er 1994 zur Deutschen Bank kam. Dort brachte er es an die Spitze der Wertpapierhandelssparte in Indien.

2008 verließ er die Bank, um sich ganz seinem besonderen Faible zu widmen: der Umwelt. Er wurde Sonderberater des UN-Umweltprogramms Unep und gründete eine Initiative, die Konzerne dazu bringen soll, im Sinne der nachhaltigen Entwicklung Buch zu führen.

Sowohl in Indien als auch global ist das Grundproblem das gleiche: "Leider benutzen wir in allen Ländern ein System der nationalen Buchhaltung, das den Wert der Ökosystem-Dienstleistungen nicht widerspiegelt", sagt Sukhdev. Denn die Natur stellt ja Leistungen wie saubere Luft, sauberes Wasser oder fruchtbare Böden "kostenlos" zur Verfügung. 

Mit fatalen Konsequenzen: "Die Buchhaltung berücksichtigt den Wertverlust nicht, wenn wir Wälder verlieren, wenn wir Feuchtgebiete verlieren und wenn wir die Vielfalt der Natur verlieren." Oder anders: Ein Baum im Wald ist "wertlos" und findet erst dann Eingang ins Bruttoinlandsprodukt (BIP), wenn er gefällt und verkauft wird.

Naturschutz soll sich rechnen

Die Studie mit dem Namen "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB) – übersetzt: "Die wirtschaftlichen Aspekte von Ökosystemen und Artenvielfalt" – kam denn auch zum erwarteten Resultat. Wirtschaftliche Entwicklung wird oft mit Raubbau am Naturkapital erkauft.

Die TEEB-Studie schätzt, dass allein durch Waldverlust jedes Jahr Naturkapital im Wert von 2.000 bis 4.500 Milliarden US-Dollar zerstört wird. Das sind heute zwischen 2,6 und sechs Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Beim derzeitigen Wachstum der Weltwirtschaft von 3,5 Prozent wird im schlechtesten Fall also Wert vernichtet statt geschaffen.

Das geht vor allem zulasten der Ärmsten. "Artenvielfalt ist kein Luxus für die Reichen, sondern eine Lebensnotwendigkeit für die Armen", erklärt Sukhdev.

Umgekehrt hielt TEEB aber auch eine gute Nachricht bereit: Mit jährlichen Investitionen von 45 Milliarden Dollar in Schutzgebiete lassen sich Ökosystem-Dienstleistungen im Wert von 5.000 Milliarden Dollar erzielen. Naturschutz rechnet sich.

Diese Sprache verstehen auch Politiker. Das will sich nun die Naturschutzstiftung WWF zunutze machen. Der WWF hat Pavan Sukhdev diese Woche zu ihrem nächsten Präsidenten erkoren. "Sukhdevs Kenntnis der Wechselwirkung von wirtschaftlichen und ökologischen Systemen verbindet sich perfekt mit dem WWF-Anspruch, Wirkung zu entfalten", sagt WWF-Geschäftsführer Marco Lambertini.

BildFatal: So lange er nicht gefällt und verkauft wird, ist der Wald "wertlos". (Foto: Yannik S/​Flickr)

Sukhdev denkt dabei nicht klein. Es gehe darum, "das Verhältnis der Menschheit zu ihrem Planeten neu zu definieren". Dass sich dieses neue Verhältnis in der Buchhaltung versteckt, mag manchen erstaunen. Der Natur ist es letztlich aber egal, warum die Menschheit beschließt, den Raubbau zu beenden. Wichtig ist nur, dass sie es tut.

[Erklärung]  
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