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Moore, Orchideen und Paludikultur

BildMoore werden nicht nur von Autobahnbauern unterschätzt, sondern auch im weltweiten Klimaschutz. Wie schwierig dieser Schatz zu hüten und als effiziente CO2-Senke zu heben ist, zeigte sich beim Bonner Weltklimagipfel.

Aus Bonn Jörg Staude

Moore bergen Überraschungen. Das mussten jüngst die Verwalter der Ostseeautobahn A 20 erfahren, als ein ganzer vierspuriger Abschnitt mitten in Mecklenburg-Vorpommern langsam, aber unaufhaltsam im Untergrund versank. Seit Ende Oktober sind die Fahrbahnen gesperrt. Ursachen? Unbekannt. Bauzeit und -kosten zur Wiederherstellung? Unbekannt.

BildTreibhausgas-Emissionen aus Mooren nach Ländern (in Millionen Tonnen CO2-Äquivalent): Die Karte (vergrößern) zeigt, welche Staaten hier am meisten beitragen und wo die Wiedervernässung von Mooren am dringendsten ist. (Grafik: Greifswald Moor Centrum)

Die A 20 führt dort über das Grenztalmoor, das ab Mitte des 18. Jahrhunderts großflächig entwässert und seit dem Jahr 2000 im Zuge von Moorschutzprojekten wiedervernässt wurde. Dass das zum Absacken der Fahrbahn führt, wird vermutet – das Vernässen wollen die Planer beim Bau aber berücksichtigt haben.

Das Verhalten von Mooren birgt Überraschungen, auch klimapolitisch. Sie gelten zu Lande als das effektivste Ökosystem, um Kohlenstoff zu binden, und ihre Wiedervernässung gilt als probates Mittel, CO2 dauerhaft der Atmosphäre zu entziehen.

Weltweit gibt es nach Angaben des Moorzentrums Greifswald noch vier Millionen Quadratkilometer Moore. Das sind drei Prozent der gesamten Landfläche der Erde. Diese binden aber schätzungsweise 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, doppelt so viel wie die gesamte Waldmasse unseres Planeten. Besondes viele Moore – mehr als acht Prozent der Landesfläche – weisen große Staaten wie Russland, Kanada und Indonesien auf (Karte oben). Lebendige Moore gelten als klimaneutral, sie binden so viel CO2, wie sie Methan emittieren.

Trockenlegung schädigt Klima noch stärker als gedacht

Wo sich Moore befinden, ist oft nicht einmal den Ländern bekannt, in denen sie liegen, berichtet Franziska Tanneberger vom Greifswalder Moorzentrum bei einer Debatte auf dem Bonner Klimagipfel. 2006 bei der Klimakonferenz in Nairobi habe sie von Verantwortlichen in Kenia zu hören bekommen, dass es in dem Land gar keine Moore gebe. Sie musste dann mit den Leuten aus Nairobi herausfahren, um sie zu überzeugen, dass sich keine zehn Kilometer vor der kenianischen Hauptstadt ein Moor befand.

In Grasland umgewandelte Moore setzen nach den Angaben der Greifswalder Experten jedes Jahr pro Hektar 29 Tonnen CO2 frei. Weltweit soll das zunehmende Verschwinden der Moore jedes Jahr mehr als zwei Milliarden Tonnen CO2 "erzeugen", fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen.

Die Zahlen sind Klimaschützern seit Jahren bekannt, aber dennoch mit Vorsicht zu genießen. So wirkt sich das Trockenlegen der Moore klimatisch vemutlich noch viel stärker aus. Bis dato werden die Klima-Emissionen gemessen, indem man über ein Stück Moor praktisch eine Art "Haube" legt und den Ausstoß von CO2, Lachgas und Methan misst, erläutert in Bonn Tom Kirschey vom internationalen Moorschutzprojekt beim Naturschutzbund Nabu.

Moore sind nicht immer Orte hoher Artenvielfalt

Hauptproblem ist dabei laut Kirschey, dass sich auf diese Weise nicht alle Emissionen bestimmen lassen, weil entwässerte Moore auch eine Menge gelöster organischer Kohlenstoffe absondern. "Deswegen ist das Wasser in den Entwässerungsgräben braun bis tiefschwarz", erklärt Kirschey. Dieser Kohlenstoff verlässt das Moor und wird irgendwo zu CO2 oxidiert. "Das können dann aber bis zu 80 oder 90 Prozent des Kohlenstoffs sein, der aus einem Moor herausgeht." Das sei eine relevante Größe.

"Moore sind in ihrer Klimabedeutung bisher unterschätzt worden", befindet der Nabu-Experte und plädiert für "saubere Definitionen". So gelten in Deutschland 95 Prozent der einst vorhandenen Moore als degradiert. "Wir haben aber gar keine Indizien oder Hinweise, wie stark der Torf degradiert ist. Alles, was wir wissen, ist: Wenn der Prozess so weitergeht, wird irgendwann die gesamte Torfbasis ausgezehrt sein und sich in die Atmosphäre verabschiedet haben."

Ein Grund für die Unklarheiten liegt auch darin, dass Moore durch die üblichen Naturschutzkategorien fallen und deswegen bisher nicht systematisch erfasst wurden, wie Kirschey weiter erläutert. "Die bekannten Hotspots der Biodiversiät sind nicht deckungsgleich mit den Mooren." So werden Moore in nördlichen Breitengraden von nur zehn bis 15 Pflanzenarten dominiert, während die bewaldeten Moore in Südostasien zu den artenreichsten Biotopen der Welt gehören.

Auch die für Moore so kennzeichnenden Orchideen führten mitunter die Irre. "In Mitteleuropa kommen die meisten Orchideen in 'gestörten' Mooren vor," sagt Kirschey. "Als Flaggschiffe für den Moorschutz sind sie nicht so geeignet."

BildDas Torfmoos-Knabenkraut, eine heimische Orchideenart, wächst oft in wiedervernässten Torfstichen. (Foto: Frank Vassen/​Flickr)

Trockengelegte Moore können klimapolitisch einen doppelt verheerenden Effekt haben, weil sich sich leichter entzünden – oder sich leichter in Brand stecken lassen. In Indonesien startete deshalb nach den großen Moorbränden 2015, bei denen 875.000 Hektar Moore in Flammen aufgingen und die Milliarden-Schäden anrichteten, zunächst ein staatliches Programm zur Erfassung der Moorflächen und dann zu ihrer Wiederherstellung.

Hunderttausende leben in degradierten Moorgebieten

Budi Satyawan Wardhana, Chef der dafür zuständigen Badan Restorasi Gambut, berichtet in Bonn, dass man zunächst erstmal Kriterien dafür aufstellen musste, was überhaupt als Moorgebiet gelten kann. "Diese Kartierung ist wirklich wichtig."

Mittlerweile sind fast 13 Millionen Hektar in Indonesien als Moore identifiziert, weniger als die Hälfte davon ist noch von Primärwald bedeckt und etwas mehr als die Hälfte verfügt noch über einen intakten Torfkörper. Drei Millionen Hektar liegen in geschützten Gebieten. Das Moor "an sich" gibt es also gar nicht.

Knapp 2,5 Millionen Hektar degradierten Moorlandes sollen in Indonesien zunächst wiederhergestellt werden. Auf rund 30 Prozent dieser Flächen befinden sich wiederum rund 1.200 Orte – was die Probleme andeutet, die mit der "restoration" einstiges Moorlandes verbunden sind.

Klimaschützerisch ist die Wiedervernässung nicht nur von der CO2-Bilanz her vorteilhaft. Das lokale Klima wird gekühlt, Staubemissionen und Drainagekosten sinken. Den klimainteressierten Moorschützern ist allerdings auch klar, dass man – um die Ernährung der Bevölkerung in Indonesien und anderswo zu sichern – nicht alle degradierten Moore rückverwandeln kann.

Um Zustimmung für die Wiedervernässung zu erreichen, plädieren sowohl Wardhana als auch UN-Expertin Juliette Biao Koudenoukpo in Bonn für ein Vorgehen, bei dem die lokale Bevölkerung ebenfalls einen Nutzen hat. Der Moor-Klimaschutz und die Bedürfnisse der Menschen müssten zusammengebracht werden, fordert Koudenoukpo, die für das UN-Umweltprogramm Unep arbeitet. 

Paludikultur so real wie der Weihnachtsmann

Wardhana hält dabei Einkommens-Kompensationen für unabdingbar. Diese benötigten allein schon Hunderttausende von Menschen, die heute auf trockengelegten Moorflächen vom Palmölanbau lebten.

Das große Zauberwort heißt hier "Paludikultur", eine Agrarwirtschaft auf nassen Mooren. Das ist ein so junger Landwirtschaftszweig, dass er weltweit nur auf wenigen hundert Hektar betrieben wird. Genutzt werden kann vor allem das Schilf, das in den Mooren wachsen kann.

Franziska Tanneberger hat nach Bonn Proben von Pellets mitgebracht, die aus Moorschilf hergestellt wurden und die als Biomasse unter anderem zur lokalen Energieerzeugung genutzt werden können. Das würde allerdings, verglichen mit "naturbelassenen" Mooren, den Klima-Effekt vermindern, wenn die Moor-Biomasse nicht luftdicht abgeschlossen bleibt, sondern letztlich verbrannt wird.

Im Vergleich zur Landwirtschaft auf entwässertem Moorboden hält Tanneberger den Klimaeffekt von Paludikultur aber für  "hervorragend", denn der Torf werde gerade durch den hohen Wasserstand "luftdicht" gehalten. Und da nur die oberirdische Biomasse geerntet und Torf überwiegend aus unterirdischer Biomasse gebildet werde, könne sich sogar neuer Torf bilden. 

Mit der Paludikultur sei es allerdings eher so wie mit dem Weihnachtsmann, meint Tanneberger: Jeder glaube an ihn, obwohl er nicht wirklich existiere.

Ausgezeichnete Moor-Wiederherstellung in Russland

Budi Wardhana wie auch andere Experten sprechen sich deswegen für ein genaues Monitoring der Kohlenstoff-Einsparungen durch den Moorschutz aus. Ihre Hoffnung geht dahin, dass dessen CO2-Effekte Ländern beim Erreichen ihrer nationalen Klimaziele verbindlich angerechnet werden.

Das Potenzial ist erheblich: In 25 Ländern erreicht der Ausstoß von Treibhausgasen aus degradierten Mooren mehr als 50 Prozent der Emissionen, die in den Staaten durch fossile Energien und die Zementherstellung frei werden, sagen Zahlen des Greifswalder Moorschutzzentrums.

Als eines von 19 sogenannten Leuchtturm-Projekten der UN-Klimarahmenkonvention UNFCCC wurde in Bonn übrigens die "Moor-Wiederherstellung in Russland" ausgezeichnet. An dem Vorhaben sind neben dem Greifswalder Moorzentrum die Michael-Succow-Stiftung und die Naturschutzorganisation Wetlands International beteiligt.

BildTreibhausgas-Emissionen aus Mooren im Vergleich zur Landesfläche (in Tonnen CO2-Äquivalent pro Quadratkilometer): Die Karte (vergrößern) zeigt, in welchen Staaten die Moor-Emissionen besonders wichtig für die Landnutzungspolitik sind – Deutschland ist auch dabei. (Grafik: Greifswald Moor Centrum)

Mit dem Projekt sind bisher 35.000 Hektar Moor wiederhergestellt worden, weitere 10.000 sollen hinzukommen. Die geschätzte Menge an CO2, die eingespart wird, schwankt zwischen 175.000 bis 220.000 Tonnen im Jahr, reichte aber, um die Emissionen einer russischen Großstadt auszugleichen.

Wie gesagt, Moore bergen jede Menge Überraschungen.

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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