Der Bonn-Erfolg

BildKlimaschutz kann einfach und billig sein – etwa durch Investitionen in Wälder. Dennoch steht dafür nur wenig Geld zur Verfügung. Dabei gibt es Waldprojekte, die sich sofort realisieren lassen.

Aus Bonn Christian Mihatsch

Khyber Pakhtunkhwa galt als waldreichste Provinz Pakistans – bis die Taliban kamen. Um ihre Terroranschläge zu finanzieren, haben sie einen Großteil der Pinien- und Zedernwälder in der Region abgeholzt. Einst bewaldete Hügel sind nun kahl, Stümpfe ragen aus dem Boden.

BildBrandrodung: Zerstörerische Eingriffe in Waldgebiete wie hier in Kolumbien zu verhindern ist sogar noch billiger als Aufforstung. (Foto: Matt Zimmerman/​Wikimedia Commons)

2014 hat sich die Provinzregierung deshalb vorgenommen, eine Milliarde Bäume zu pflanzen. Dazu wurden Tausende private Baumschulen gegründet und Setzlinge an Einheimische verteilt. Arbeitslose Jugendliche und Frauen kamen in Arbeit. Die Ufer des Indus, des Kunhar und des Swat wurden mit den Neupflanzungen stabilisiert. Bei den Überschwemmungen 2010 – verursacht durch starken Monsunregen – waren Straßen und Brücken zerstört und Häuser fortgespült worden.

Die Nordprovinz Pakistans ist nur ein Beispiel von vielen für ein wahres Erfolgsprojekt: Klimaschutz durch Aufforstung. Eine entsprechende Initiative, die sich "Bonn Challenge" nennt (etwa "Bonner Herausforderung"), wurde vor sechs Jahren gestartet. Das Ziel: Bis zum Jahr 2020 mehr als viermal die Fläche Deutschlands, 1,5 Millionen Quadratkilometer, an geschädigtem oder gänzlich zerstörtem Wald wiederherzustellen.

"Als wir die Bonn Challenge lanciert haben, wussten wir nicht, ob wir dieses Ziel erreichen würden", sagte Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Umweltministerium, während der Weltklimakonferenz in Bonn, wo eine erste Bilanz gezogen wurde. Doch drei Jahre vor Ablauf der Frist ist das Ziel bereits erreicht. "Vielleicht hatten wir Glück, vielleicht haben wir aber auch ein Projekt präsentiert, mit dem sich die Menschen identifizieren konnten", sagt Flasbarth.

"Der nächste logische Schritt"

Die 1,5 Millionen Quadratkilometer werden von 44 Ländern, einem privaten Naturschutzgebiet in Guatemala und dem indonesischen Papierkonzern Asia Pulp & Paper (APP) wieder aufgeforstet. In diesen Wäldern werden 15 Milliarden Tonnen CO2 gebunden, mehr als ein Viertel der globalen Treibhausgasemissionen eines Jahres. Außerdem werden wirtschaftliche Aktivitäten im Umfang von 47 Milliarden US-Dollar durch die Bonn Challenge angestoßen. Das entspricht der Wirtschaftsleistung von Tansania, einem Land mit 55 Millionen Einwohnern.

Der Erfolg kam auch den Vereinten Nationen zu Ohren, die im Jahr 2014 den "logischen nächsten Schritt" (Flasbarth) ins Rollen brachte: die "New York Declaration on Forests" (NYDF). Die "Wald-Erklärung" hat zum Ziel, den Verlust der Wälder bis zum Jahr 2030 zu stoppen und weitere zwei Millionen Quadratkilometer ehemaligen Wald wiederaufzuforsten.

Um das zu erreichen, wurde nun bei der Bonner Klimakonferenz mit deutscher Unterstützung eine Aktionsplattform unter dem Dach des UN-Entwicklungsprogramms UNDP etabliert. Wie schon bei der Bonn Challenge können auch bei der NYDF Unternehmen und Organisationen der Zivilgesellschaft Beiträge leisten.

So hat etwa die belgische Umweltorganisation Weforest diese Woche die Wiederherstellung von 1.000 Quadratkilometern Wald zugesagt. Dabei geht es nicht nur ums Bäumepflanzen, wie Weforest-Mitgründerin Marie-Noëlle Keijzer erklärt: "Es geht darum, dass die Bäume nicht einfach nach ein paar Jahren wieder gefällt werden, sondern Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte stehen bleiben."

Waldschutz rechnet sich schnell

Das ist aber nicht die einzige Herausforderung bei derart großflächigen Aufforstungsprojekten. "Landschaften erfüllen viele Funktionen", sagt Stewart Maginnis von der halbstaatlichen Weltnaturschutzunion IUCN. "Deshalb brauchen wir eine abgestimmte Politik."

Diese Erfahrung hat auch Iván Valencia vom kolumbianischen Umweltministerium gemacht. "In unserem Ministerium kennen wir alle die Bedeutung von Wäldern." Wenn es um Tausende Quadratkilometer geht, kämen aber auch andere Ministerien ins Spiel. "In den Debatten mit dem Wirtschaftsministerium mussten wir erst deren Sprache lernen mit Wörtern wie 'Produktivität' und 'Wettbewerbsfähigkeit'".

Ein weiteres Problem ist Geld. "Die für Wälder zur Verfügung stehenden Mittel stehen in keinem Verhältnis zu ihrem Klimaschutzpotenzial", sagt Franziska Haupt von der niederländischen Beratungsfirma Climate Focus. Geld für Wälder mache nur ein Prozent der globalen Klimaschutzinvestitionen aus, dabei hätten Wälder das Potenzial, ein Drittel der Emissionsreduktionen zu leisten, die zur Erfüllung des Pariser Klimaabkommens nötig sind.

BildGünstiger Klimaschutz: Amazonas-Regenwald in Brasilien. (Foto: Lubasi/​Flickr)

Warum Waldprojekte unterfinanziert sind, weiß auch Jamison Ervin vom UNDP nicht: "Investitionen in Wälder sind nicht nur die bei Weitem billigste Klimaschutzmaßnahme, sie sind auch sofort umsetzbar", sagt die Leiterin für Naturressourcen. Die Klimadiplomaten in Bonn sollten daher die "Bonner Herausforderung" annehmen: Klimaschutz, der schnell wirkt und billig ist.

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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