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"Resignation ist doch keine Option"

BildHuber Weiger ist seit 2007 Vorsitzender des Umweltverbandes BUND. Am Sonntag hat ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet – als einen der "Wegbereiter des 'Grünen Bandes' als erstes und größtes gesamtdeutsches Naturschutzprojekt". Der Forstwirt und Hochschullehrer spricht über die Erfolge von vier Jahrzehnten Öko-Aktivismus, seine Erwartungen an eine Jamaika-Koalition und die Chancen einer "Umweltbewegung 2.0".

klimaretter.info: Herr Weiger, Sie sind fast seit einem halben Jahrhundert im Umwelt- und Naturschutz aktiv, nun haben Sie dafür vom Bundesspräsidenten die hohe Auszeichnung des Deutschen Umweltpreises erhalten. Wie macht man das, trotz der sich zuspitzenden Umwelt- und Klimakrise nicht in Resignation zu verfallen?

Hubert Weiger: Resignation ist doch keine Option. Natürlich gibt es immer mal wieder Phasen, in denen man Tiefschläge wegstecken muss. Zum Beispiel, wenn die Politiker Entscheidungen wider alle Vernunft treffen, nur um das Gesicht zu wahren.

Etwa, als 1982 der Ausbau des Rhein-Main-Donau-Kanal beschlossen wurde, der im bayerischen Altmühltal eine wunderschöne Naturlandschaft zerstörte und ökonomisch gar keinen Sinn macht. Damals habe ich einige Wochen gebraucht, um wieder zu alter Kampfeskraft zurückzufinden. Aber in der Gefahr zu resignieren stand ich deswegen nie ...

Was für ein Öko-Wunderelixier nehmen Sie dafür?

Kein Elixier, jedenfalls keins, das man trinken kann.

Sondern?

Mir hilft der enge Kontakt zur Basis des BUND, den Verbandsmitgliedern, von denen es über 500.000 gibt. Wenn man erlebt, wie Menschen mit großem Idealismus und hohem Engagement sich ehrenamtlich für den Umwelt- und Naturschutz vor Ort einsetzen, gibt das die Kraft weiterzumachen. Wenn sie nicht aufgeben, dann kann ich es auch nicht. Sie sind meine Vorbilder.

Aber, nüchtern betrachtet, ist die Lage beim "Öko-Weltmeister" Deutschland doch erschreckend. Der CO2-Ausstoß steigt sogar wieder an, pro Tag werden immer noch über 60 Hektar Boden für Bauen und Verkehr versiegelt, jüngst lief die erschreckende Nachricht, wonach die Zahl der Insekten binnen einer Generation um zwei Drittel zurückgegangen ist. Wenig Grund für Optimismus, oder?

Optimistisch bin ich trotzdem, weil es gleichzeitig eine starke Gegenbewegung gibt, die schon Entscheidendes erreicht hat. Zum Beispiel beim Biolandbau. In den 1970er Jahren gab es nur eine kleine Gruppe alternativer Landwirte, die ökologisch arbeiteten. Heute ist es eine stattliche Zahl, im "Musterland" Hessen sind schon fast zehn Prozent Biobauern. Heute kriegen Sie überall Ökoprodukte, selbst beim Discounter.

Oder Stichwort Atomkraft. Vier Jahrzehnte Kampf waren am Ende erfolgreich, zuerst aus scheinbar aussichtsloser Position gegen die in den 70er Jahren SPD-geführte Bundesregierung, die jedes Jahr ein neues AKW ans Netz nehmen wollte. Unter einer ebenfalls SPD-geführten Bundesregierung wurde dann im Jahr 2000 der erste Atomausstieg auf den Weg gebracht. Und heute haben wir dank Erneuerbare-Energien-Gesetz einen Ökostrom-Anteil von fast 35 Prozent.

Und wir hätten noch mehr, wenn die Große Koalition den Ausbau der Erneuerbaren nicht stark gedrosselt hätte. Nun geht es darum, die Energiewende gegen die Interessen des großen Kapitals wieder flott zu machen – und zwar mit demokratischen Prozessen.

Wie soll das funktionieren? Die Politiker wissen doch fast alle, was auf dem Spiel steht, trotzdem verschleppen sie die ökologische Wende, und die Zeit läuft davon ...

Ja, die Zeit läuft der Regierung davon, Das macht mir große Sorgen. Man hört von den Politikern: "Wir haben doch gute Ziele beschlossen. Bürger, beruhige dich." Aber die Umsetzung dieser Ziele wird auf die lange Bank geschoben. Paradebeispiel ist der überfällige Kohleausstieg.

Wir haben es im Umwelt- und Klimaschutz aber mit Naturgesetzen zu tun, und die lassen sich nicht austricksen. Der Job der Umweltbewegung ist es in dieser Situation, den gesellschaftlichen Druck so groß werden zu lassen, dass Taten erfolgen – wie nach Fukushima, als Kanzlerin Merkel wegen der vielen Demos wieder auf den Atomausstieg umschwenkte.

Dringend notwendig ist eine echte ökologische Wende. Eine Energiewende, die alle Sektoren einbezieht, eine Agrarwende, eine Verkehrswende – also eine große Transformation. Dazu braucht es gewaltige Kräfte. Ich glaube, diese ökologische Transformation wird von unten, das heißt von Kommunen und von Bürgern kommen, die sich vor Ort engagieren. Wir müssen erreichen, dass die verantwortliche Politik den dazu notwendigen Rahmen setzt.

Was halten Sie von einer "Jamaika"-Koalition?

Das hängt davon ob, was beschlossen wird. Weiterwursteln wie bisher – oder der Einstieg in den Prozess der Transformation. Jamaika könnte vielleicht sogar mehr bewirken als die Groko, gerade, weil es so unterschiedliche Partner sind. Die große Koalition hat zwar auf dem Papier gute Ziele unterschrieben, etwa den Pariser Klimavertrag, aber kaum etwas davon umgesetzt.

Die FDP unterschreibt die große Transformation? Glauben Sie das? Die FDP will zum Beispiel das EEG abschaffen, das die Energiewende vorangebracht hat. Die reine Marktwirtschaft soll's richten.

Ich habe gar nichts gegen Marktwirtschaft, wenn die ökologischen und sozialen Rahmensetzungen stimmen. Die Umwelt- und Klimakosten müssen den Verursachern angelastet werden, und der soziale Ausgleich muss sichergestellt sein. Wenn die FDP bereit ist, diese Voraussetzungen zu schaffen, wäre das ein guter Start. Ich habe allerdings Zweifel, ob alle bei den Liberalen das auch so sehen.

Wäre für den Klimaschutz eine CO2-Bepreisung das richtige Mittel, den Rahmen zu setzen – statt des EEG und der vielen andern Abgaben und Steuern im Energiesektor?

Sicherlich nicht alternativ zum EEG oder ordnungsrechtlichen Maßnahmen, aber als Verstärker kann das eine gute Lösung sein. Allerdings müssen dann auch CO2-Mindestpreise festgelegt werden, die so hoch sind, dass sie tatsächlich wirken. Mehr Wettbewerbsgleichheit für die Erneuerbaren am Strommarkt würde es aber bringen und auch zu klimafreundlicheren Investitionen und Effizienz beitragen.

Um solche Konzepte politisch salonfähig zu machen, müsste die Umweltbewegung stärker sein als heute, von der großen Transformation gar nicht zu reden ...

Ich sage voraus: Es ist die Ruhe vor dem großen Sturm.

Da darf man gespannt sein.

Ein wichtiges Signal wird die Großdemonstration am 4. November vor dem UN-Klimagipfel in Bonn senden. Alle Umweltverbände mobilisieren für mehr Klimaschutz und für den raschen Kohleausstieg. Mit der Demo zeigen wir, dass die Bürger nicht nur gute Klimaverträge wollen, sondern auch Maßnahmen, um sie umzusetzen – auf dem Klimagipfel, bei Jamaika, in allen Staaten der Erde. Ein Signal gegen Trump und die anderen Klimaleugner, die die Welt sehenden Auges in die Klimakatastrophe steuern wollen.

BildHürden und Chancen: Seit Jahrzehnten kämpft Hubert Weiger für mehr Umweltschutz. (Foto: Bernd Marczak/​Pixabay; Porträtfoto Hubert Weiger: Jörg Farys/​BUND)

Glauben Sie an eine "Umweltbewegung 2.0"?

Wir sind auf dem Weg dorthin. Die Verbände und Organisationen – BUND, Nabu, WWF, Greenpeace, Germanwatch und viele mehr – arbeiten immer enger zusammen, und der Deutsche Naturschutzring, der DNR, mausert sich zu einem schlagkräftigen Dachverband dafür. Das ist eine der besten Entwicklungen der letzten Jahre.

Was waren denn für Sie persönlich die größten Erfolge in den über vier Jahrzehnten Öko-Aktivismus?

Die Etablierung des "Grünen Bandes" mit seinen Naturschutzgebieten als längste grüne Infrastruktur Mitteleuropas entlang der früheren innerdeutschen Grenze. Dann der Atomausstieg, für den wir seit den frühen 1970er Jahren gekämpft haben. Und in Bayern, wo ich herkomme, die Rettung der letzten 70 Kilometer frei fließender Donau zwischen Straubing und Vilshofen. Viele haben in all diesen Fällen gesagt: Was ihr da wollt, ist doch aussichtslos. Aber das war es nicht. Wir waren erfolgreich.

Interview: Joachim Wille

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