Natur: der größte Klimaschützer

Der Schutz von Wäldern, Mooren und Wiesen kann einen größeren Teil bei der CO2-Reduktion beitragen als bislang bekannt, sagt eine neue Studie. Das sei vergleichbar mit einem kompletten Stopp der weltweiten Ölverbrennung.

Von Benjamin von Brackel

Eine Welle der Empörung löste Brasiliens Präsident Michel Temer Ende August unter Umweltschützern aus, als er den Schutzstatus des Renca-Territoriums im Amazonas-Regenwald per Dekret aufhob. Temer wollte es Unternehmen ermöglichen, Rohstoffe wie Gold, Kupfer und Eisenerz zu fördern. Und zwar auf einem Gebiet so groß wie Dänemark.

BildDie Rodungen in Brasilien sind für den Klimaschutz besonders schlimm: Kaum etwas trägt mehr zur CO2-Reduktion bei als gesunde Wälder. (Foto: Petro Biondi/​ABr/​Wikimedia Commons)

Auch wenn ein Gericht das Dekret wenige Tage später wieder kassierte und die Regierung schließlich dem wachsenden Protest nachgab, zeigt allein der Versuch, wie das Land mit dem größten Wald der Erde umzugehen pflegt. Vor allem illegale Rodungen haben dazu beigetragen, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnte eine Fläche so groß wie Deutschland verloren ging.

Für den Klimaschutz ist das bitter. Denn die 520 Millionen Hektar Amazonas-Regenwald speichern 80 bis 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Mit 35 Prozent haben Rodungen den größten Anteil an den brasilianischen Emissionen und liegen damit noch vor dem Energiesektor auf Platz eins.

Auch weltweit gesehen ist das hoch problematisch. Kein Wald hat weltweit ein größeres Potenzial CO2 einzusparen als der in Brasilien. Will die Welt im Klimaschutz vorankommen, muss sie zuallererst all die natürlichen Kohlenstoffspeicher schützen, die es auf der Welt gibt – ansonsten zündet man eine Kerze von beiden Seiten an.

Der richtige Umgang mit Wäldern, Mooren und Wiesen kann überdies viel mehr zum Klimaschutz beitragen als bislang gedacht. Zu dem Schluss kommt eine heute veröffentlichte Studie in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Forscher des World Resources Institute, einer Reihe bekannter US-Universitäten, der US-Naturschutzorganisation The Nature Conservancy und der brasilianischen Regierung fanden in der bislang umfangreichsten Untersuchung dazu heraus: Ein besserer Schutz der Natur kann ein Drittel der gesamten nötigen CO2-Einsparungen liefern und damit deutlich mehr, als es der aktuelle Weltklimabericht beziffert. Und zwar in einer Größenordnung, die einem Stopp der weltweiten Erdölverbrennung gleichkäme.

"Riesiges Potenzial"

Bis 2030 können den Forschern zufolge jährlich 11,3 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen durch den richtigen Umgang mit der Natur eingespart werden. Das sind nicht weniger als 37 Prozent von dem, was die Welt an Klimaschutz betreiben muss, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

Allerdings ist das auch das optimale Szenario. Das heißt: Die vorgeschlagenen Maßnahmen zum Schutz und Wiederaufbau von Wäldern, Mooren und Co müssten zu 100 Prozent erfüllt werden. Das allerdings kostet. Und zwar bis zu 100 Dollar pro Tonne CO2.

Dieses Szenario bedeutet allerdings nicht, dass überall dort, wo heute Wiesen oder Brachflächen sind, in Zukunft Bäume wurzeln und Moore gebildet werden müssen. Auch muss die Abholzung nicht auf null zurückgefahren werden. "Das sind keine Fantasiezahlen", heißt es auf Anfrage.

Nur solche Flächen seien einbezogen worden, die nach Boden und Klima als geeignet bestimmt wurden und auf denen keine Städte stehen. Mit einem kostengünstigen Weg, also nicht der idealen Maximalvariante, so haben die Wissenschaftler berechnet, würden immer noch 30 Prozent der genannten Einsparung erreicht werden.

"Das ist ein riesiges Potenzial", sagt der Chef von The Nature Conservancy Mark Tercek. "Wenn wir den Klimawandel ernst nehmen, müssen wir auch ernsthaft in die Natur investieren, neben der sauberen Energie und dem sauberen Verkehr."

Wälder bedecken ein Drittel der Erdoberfläche

Konkret bedeutet das vor allem Waldschutz. Wälder bedecken fast ein Drittel der Erdoberfläche. In ihnen liegt das größte Potenzial, CO2 mit Hilfe der Natur zu senken. Wächst ein Baum, so entzieht er der Atmosphäre CO2. Deshalb, so die Forscher, sollte ein größeres Augenmerk auf Aufforstung, die Vermeidung von Rodungen und bessere Waldnutzungs-Praktiken gelegt werden.

Die Studie empfiehlt, Wald dort wieder aufzuforsten, wo er einmal stand. In Spanien zum Beispiel sei das Potenzial gewaltig. Das liegt an einem Monarchen, der vor einem knappen halben Jahrtausend regierte: Philipp II. rüstete damals gegen England auf und ließ ganze Wälder abholzen, um seine Armada zu bauen.

Im Nachhinein zwecklos – denn die Flotte wurde 1588 vernichtet. Tausende Bäume verfaulten vor Irland und Schottland, während in Spanien viele Flächen versteppten. Mit einem anspruchsvollen Wiederaufforstungs-Programm könnte Spanien etwa die Hälfte seiner CO2-Schulden decken.

Vor allem aber kommt es in Zukunft auf die großen Waldnationen an: Brasilien, Indonesien, China, Russland, Indien. Vor allem China tut sich in der Reihe in Sachen Aufforstung besonders positiv hervor.

Torfmoore weichen der Palmölproduktion

Auch in der Landwirtschaft liegt den Autoren zufolge ein großes Potenzial. Äcker und Felder bedecken elf Prozent der weltweiten Landfläche. Der richtige Umgang mit den Flächen könnte in etwa so viel CO2 einsparen, wie eine halbe Milliarde Autos von den Straßen zu nehmen. Das heißt: ein besserer Einsatz von Dünger, eine höhere Feldfrucht-Ausbeute und die Senkung des Ausstoßes von Stickstoffoxid. Auch ließen sich zwischen den Flächen Bäume pflanzen.

Daneben weisen die Autoren vor allem Feuchtgebieten eine Bedeutung zu, da sie viel weniger Fläche benötigen, um die gleiche Menge CO2 einsparen können. Allein Torfmoore würden ein Viertel des im Boden gespeicherten Kohlendioxids enthalten. Allerdings gingen jedes Jahr etwa 780.000 Hektar verloren – etwa für die Palmöl-Produktion.

"Landnutzung ist ein Schlüsselsektor, in dem wir sowohl Emissionen senken als auch der Atmosphäre CO2 entziehen können", sagt die frühere Chefin des UN-Klimasekretariats Christiana Figueres.

Bislang spiegelt sich das gewaltige Potenzial, das im Schutz von Wäldern und Co steckt, noch nicht in der Politik der Weltgemeinschaft wieder. In den Klimazielen hat kaum ein Land diesen Bereich miteinbezogen und detailliert durchgerechnet – eine Ausnahme ist China.

BildWiederaufforstung und Waldschutz bringen unter allen Naturschutz-Maßnahmen am meisten fürs Klima – umgerechnet so viel wie das Stilllegen von jeweils über 600 Millionen Pkw. Gemeint sind US-Autos, die deutlich mehr CO2 ausstoßen als europäische. (Grafik: The Nature Conservancy)

Das liegt auch daran, dass Aufstellungen wie jetzt in der Studie bis vor Kurzem noch gar nicht möglich waren. Erst durch verbesserte Satellitenaufnahmen und Bodendaten ist das nun möglich. So können etwa Wälder nach Klimagesichtspunkten differenziert betrachtet werden.

Deutschland zumindest steht in diesem Bereich ganz gut da. Im Gegensatz zu Brasilien gibt es hierzulande kaum Waldzerstörung.

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