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Schierker Schneekanonen

Schierke am Brocken, einst als St. Moritz des Nordens gefeiert, bangt um sein ehrgeiziges touristisches Ganzjahresprojekt. Ein riesiges Parkhaus steht zwar schon, doch gegen Beschneiungspläne, Rodungen und eine Seilbahn durch ein Moorgebiet regt sich Widerstand. Zur Rettung wertvoller Moorflächen prüft der Umweltverband BUND eine Klage.

Aus Halberstadt Uwe Kraus

"Weltweit erleben wir eine Zerstörung von Mooren, derzeit werden Millionen von Euro ausgegeben, um solche Flächen zu renaturieren", beschwerte sich BUND-Chef Hubert Weiger kürzlich in Schierke über den Plan, im Harz ein weiteres Stück Fichtenmoorwald für ein touristisches Großprojekt verschwinden zu lassen. "Der streng geschützte Lebensraum wird kleingerechnet, kleinkartiert und kleingeredet."

BildDie letzten unberührten Moore sind in Europa geschützt – den Bau einer Seilbahn schließt das aus. (Foto: Annett Deistung/​Wikimedia Commons)

Für das 30-Millionen-Euro-Projekt am Großen Winterberg mit kilometerlanger Skipiste, Schneekanonen, dazugehörigem See und Seilbahntrasse sollen 20 Hektar Wald gerodet werden. Besonders problematisch ist, dass die Seilbahn über geschützte Moorwaldflächen in einem europäischen Schutzgebiet, einem sogenannten FFH-Gebiet, verlaufen soll.

Der Streit von Befürwortern und Gegnern des seit 2015 diskutierten Projekts führte dazu, dass es unterdessen drei Gutachten über die Größe des streng geschützten Biotops gibt: eines vom Investor, der Winterberg Schierke GmbH, eines vom sachsen-anhaltischen Landesamt für Umweltschutz sowie ein drittes, das auf Initiative von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zur Behebung aufgetretener Differenzen bestellt worden war.

Nach einer Kartierung durch das Thünen-Institut schrumpfte nach Angaben von BUND-Landeschef Ralf Meyer eine betroffene Fläche von 1,3 Hektar auf nur noch 0,2 Hektar, eine andere von sechs auf 3,7 Hektar. Diese Abweichung in der Kartierung sei unzulässig, sagt Meyer. Er mutmaßt, das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr in Magdeburg habe den Gutachtern Kriterien für die Neukartierung vorgegeben, die automatisch den Moorwald verkleinern.

Das Ministerium weist jegliche Einflussnahme zurück. Das dritte Gutachten – Titel: "Natürlich. Schierke. Wander- und Skigebiet Winterberg" – empfiehlt, noch weitere Varianten zu prüfen. Damit bleibt weiterhin offen, ob die Seilbahn naturschutzrechtlich möglich ist oder nicht.

"Überall wollen Umweltschützer uns Vorschriften machen"

Werner Vesterling, früherer Präsident der Handwerkskammer Magdeburg und heute maßgebliches Mitglied der im Februar an die Öffentlichkeit getretenen Bürgerinitiative "Pro Winterberg" in Schierke, will, dass schnellstmöglich gebaut wird. Seine Familie lebe seit 1595 in dem Harzörtchen in Sachsen-Anhalt, wo er heute Ferienhäuser vermietet. Er wisse, was die Touristen im Harz wollen. Auf jeden Fall keinen naturnahen Tourismus mit Kulturangeboten, wie ihn der BUND präferiert.

Was rund um den Brocken passiere, sei undemokratisch. "Das Volk wurde nie gefragt, ob es den Nationalpark Harz will. Rund um Schierke fallen 92 Prozent da hinein. Und auch für die rausgelösten Stücke wollen die Umweltschützer uns noch Vorschriften machen", klagt Vesterling.

Der BUND hält das touristische Superprojekt bei Schierke schlicht für rechtswidrig und nicht genehmigungsfähig. Bundesgesetze und europaweite Richtlinien gälten auch für Sachsen-Anhalt und Eingriffe in so einen "prioritären Lebensraum" wie den Moorwald könne es nur geben, wenn es um Leib und Leben und ein "zwingendes" öffentliches Interesse gehe. "Aber nicht, wenn es um Finanzinteressen von Investor und Betreiber geht", winkt Hubert Weiger ab. "Hier erleben wir einen Großangriff auf unersetzbare Wälder."

BildUrwald in Deutschland: Weil der Nationalpark Harz schwer zugänglich ist, ist der Bestand alter Bäume besonders hoch. (Foto: David Ausserhofer/​Universität Göttingen)

Die Umweltschützer sind entschlossen, Rechtsmittel einzulegen, um das Gebiet zu verteidigen. Das würde das Projekt, bei dem ursprünglich schon im kommenden Winter die ersten Touristen über die Piste sausen sollten, über Jahre auf Eis legen, ist sich BUND-Landeschef Meyer sicher. Dass quer über den geschützten Moorwald einmal eine Seilbahn verlaufen wird, hält Meyer für "kaum vorstellbar".

Der BUND investiere in seine Nationalparkhäuser, weil "geführte Touren in kleinen Gruppen boomen". Die Umweltorganisation stehe für sich einen Bildungsauftrag. "Es sind noch viele Analphabeten in der Natur unterwegs", sagt Meyer. Die Pro-Winterberg-Fraktion schüttelt darüber den Kopf. Was da im Moorwald feucht sei, "komme aus einer verstopften Entwässerung".

Hubert Weiger, der in mehreren Projekten in den Alpen Erfahrungen mit dem Klimawandel gesammelt hat, sieht in Schierke und dem Harz "überhaupt keine Perspektive für den Wintertourismus". Dem BUND gehe es nicht ums Ablehnen und Verhindern, er stelle aber die Frage, wie zukunftsfähig die Konzepte seien, "nicht fünf bis zehn Jahre, sondern darüber hinaus".

Wenn in den Alpen schon bei 1.400 Metern Höhe die Schneeprognosen schlecht seien, was wolle man da in Schierke bei 700 Metern sagen? Der BUND stellt klar, dass die Zeiten, in denen der Ort unterhalb des Brockens ein St. Moritz des Nordens war und gar Ambitionen auf Olympische Winterspiele hatte, vorbei sind.

Klimawandelfolgen stärker als anderswo

Das stützen Wetterdaten vom Brocken. Seit 170 Jahren werden die erhoben. Seither ist die Durchschnittstemperatur von 1,5 Grad auf 4,1 Grad gestiegen. Seit der Wende erlebte der 1.141 Meter hohe Berg 15 der 25 heißesten Jahre. 2014 überstieg die Temperatur im Jahresmittel erstmalig die Fünf-Grad-Grenze. Die einst üblichen 100 jährlichen Schneetage werden wohl dem Klimawandel zum Opfer fallen.

Auf den häufigen Vorwurf, dass im Westharz für Investoren alles möglich sei und im Osten nichts laufe, zeigt Hubert Weiger harte Kante. "Das, was wir an Umweltzerstörung im Westen erlitten haben, wird gerade im Osten nachgeholt." Wenn er allein das unausgelastete Riesen-Parkhaus in Schierke sehe: "Das hat Dimensionen eines internationalen Zentrums, danach muss man in den Alpen lange suchen."

Dass in Ost und West mit zweierlei Maß gemessen werde, können Umweltschützer sogar bestätigen: Denn wie in Sachsen-Anhalt einfach ein Stück Nationalpark für ein derartiges Projekt herausgelöst werden soll, so wäre das in Niedersachsen, also im Westharz, schlicht nicht machbar.

Um die "Bergwelten Schierke" zu ermöglichen, will das Land ein 146 Hektar großes Gebiet am Kleinen Winterberg freiwillig gegen 163 Hektar Waldflächen am Voigtstieg am Stadtrand von Wernigerode tauschen. BUND-Mann Meyer freut, dass Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) diesen Flächentausch Mitte September haarscharf vor der endgültigen Unterzeichnung wegen, wie es in den Medien hieß, "neuer Erkenntnisse" vorerst gestoppt hat.

BildIn Süddeutschland können auch Schneekanonen den Skitourismus oft nicht mehr retten. Wie soll er sich dann in Sachsen-Anhalt rechnen? (Foto: Mattes/​Wikimedia Commons)

Im benachbarten niedersächsischen Braunlage sieht man den Streit im kaum 20 Kilometer entfernten Wernigeröder Ortsteil Schierke mit gemischten Gefühlen. Einerseits wären die Niedersachsen durchaus froh, wenn von den oft teuer beschneiten, überfüllten Pisten am Wurmberg Skiläufer zum Winterberg ziehen. Doch eine als "Ganzjahreserlebnis" geplante Seilbahn im Osten könnte den Westharzer Seilbahn-Betreibern auch weitere Touristen abwerben.

Die Bürgerinitiative "Pro Winterberg" ist bereit, sich mit Hubert Weiger an einen "Runden Tisch" zu setzen. "Unsere Bürger stehen hinter dem Winterberg-Projekt", sagt Vesterling. Dass es unterdessen über 5.000 Unterzeichner einer BUND-Petition gegen das Projekt gibt, wischt er mit einer fahrigen Handbewegung fort.

[Erklärung]  
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