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Schwarze Lungen, schwaches Herz

Noch immer verbrennen rund 145 Kraftwerke in Deutschland Kohle – das rußige Gold. Trotz strenger Umweltauflagen bedrohen die Emissionen die Gesundheit Tausender Menschen. Erhöhtes Risiko besteht dabei für die Lungen.

Von Susanne Götze und Susanne Schwarz

Wann der Ascheregen in Espenhain begonnen hatte, konnte zum Schluss kaum noch jemand genau sagen. Das tägliche Kehren der Straßen und Bürgersteige, um die dicke, grau-weißliche Schicht zu entfernen, war in dem Ort südlich von Leipzig zur Gewohnheit geworden. Oft sah man den schmutzigen Niederschlag schon kommen, wenn er sich noch als graue Wolke vor die Sonne schob. Manchmal war die Luft so staubig, dass Autos mitten am Tag mit Licht fahren mussten.

Europaweit gibt es noch jede Menge luftbelastender Kraftwerks-Anlagen. (Grafik: EEA)

Für die Espenhainer und ihre Kinder waren bestimmte Leiden zur Normalität geworden: Sie husteten viel, starben früher als der Durchschnitt und häufig zogen sich rotgeschwollene, schuppige Entzündungen über ihre Haut. Die Beschwerden machten nicht an der Ortsgrenze halt – im ganzen Raum Halle/Leipzig, heute als mitteldeutsches Kohlerevier bekannt, waren sie zu spüren, wenn auch schwächer.

Die Region litt, weil die DDR im nahe gelegenen Kombinat Espenhain ihre Staatsziele verfolgte: die Sicherung der Energieversorgung durch den Abbau von Braunkohle und die Veredelung zu Koks und Briketts sowie zu Strom und Wärme. Nach der Wende wurden Produktion und Verarbeitung eingestellt, das Kohlekraftwerk Espenhain lief noch bis 1996. Manche Espenhainer leiden noch immer an Spätfolgen in Form von Lungenerkrankungen.

Kohlekraftwerke belasten die Luft nicht nur mit CO2

Heutzutage sieht man in Deutschland in der Nähe von Kohlekraftwerken nicht mehr regelmäßig Aschewolken. Die Anlagen sind moderner geworden, nutzen Filter. Dass man das Problem nun nicht mehr sehen kann, heißt aber nicht, dass es nicht mehr da ist. Gerade hat die Europäische Umweltagentur EEA in einer Auswertung ihres Industrieanlagenregisters gezeigt, dass Kohlekraftwerke nicht nur die größten Klimakiller in Europa sind, sondern auch die Luft stärker mit gesundheitsschädigenden Stoffen belasten als Ölraffinerien, Chemiefabriken oder Stahlwerke.

Immer noch verbrennen etwa 145 Kraftwerke in Deutschland das rußige Gold, um Strom und auch Wärme zu produzieren. Unter den schmutzigen Top Ten der EU hat die Umweltagentur bei Schwefeldioxid und Stickoxiden die Kraftwerke Neurath und Niederaußem in Nordrhein-Westfalen sowie Jänschwalde in Brandenburg aufgelistet.

Heute sind Espenhain und Halle/Leipzig nicht mehr das Zentrum des Kohledrecks. Das hat sich um etwa 200 Kilometer gen Nordosten verschoben: Die Braunkohleblöcke in Jänschwalde bei Cottbus gelten nun als die größten Dreckschleudern Europas. Das Kraftwerk stößt pro Jahr rund 18 Millionen Tonnen Schwefeldioxid aus.

In den 1980er Jahren hätte das toxische Gas fast dazu geführt, dass viele Nadelwälder in Mittel- und Osteuropa abgestorben wären. Nur weil die Politik schnell Rauchgasentschwefelungsanlagen zur Pflicht machte und viele Kohlekraftwerke in Osteuropa nach der Wende abgeschaltet wurden, erholten sich die Wälder.

Auch bei den Stickoxiden ist Brandenburgs schmutziger Riese führend: 18,5 Millionen Tonnen des Reizgases blasen die Schornsteine von Jänschwalde jährlich in die Luft. Das kann im Extremfall übrigens den Bewohnern Leipzigs immer noch gefährlich werden – je nachdem, wie der Wind weht. Hunderte Kilometer kann der Wind die Schadstoffe in manchen Wetterlagen tragen.

Großer Abstand zu Anlagen heißt nicht immer saubere Luft

Die können unterwegs sogar noch gefährlicher werden, weil chemische Reaktionen stattfinden. "Schwefeldioxid, Stickoxide und weitere Schadstoffe werden von den Kraftwerken emittiert, in der Atmosphäre verwandeln sich diese Stoffe in sekundären Feinstaub", erläutert Julia Gogolewska vom europäischen Gesundheitsdachverband Heal.

Und Feinstaub einzuatmen ist der Deutschen Pneumologischen Gesellschaft zufolge "zweifelsfrei schädlich". Erhöhtes Risiko besteht demnach für Lungenkrebs bei Erwachsenen, Lungenentzündungen bei Kleinkindern sowie eine dauerhafte Beeinträchtigung der Lungenfunktion in allen Altersbereichen.

Die Pneumologen stützen sich vor allem auf die Langzeitstudie Escape – das Akronym steht für "europäische Kohortenstudie zu den Auswirkungen der Luftverschmutzung". "Die Ergebnisse der Escape-Studie erhärten den Verdacht, dass die Schadstoffbelastung hierzulande auch unterhalb der Grenzwerte gesundheitsschädlich ist", sagt der Stuttgarter Pneumologe Martin Kohlhäufl, der den Jahreskongress der Gesellschaft im März leitete.

Laut einer Greenpeace-Studie sind Anwohner in einer Entfernung zwischen 50 und 100 Kilometern von der Feinstaubquelle besonders gefährdet. Je nach Windstärke ist die Luftverschmutzung durch Feinstaub dort am stärksten, weil die chemische Reaktion zwischen den Feinstaubbestandteilen erst einmal stattfinden muss.

Menschen mit Lungen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten Orte mit hoher Feinstaubbelastung meiden, da die erkrankte Lunge eingeatmete Schadstoffe nur sehr schlecht herausfiltern kann, rät Kohlhäufl. Auch sollten Freizeitsportler in diesen Regionen nicht trainieren, da die Lunge bei körperlicher Belastung mehr Schadstoffe aufnimmt. Schwangere sollten sich ebenfalls vor Feinstaub schützen: Wissenschaftler entdeckten, dass Luftschadstoffe Lungenentzündungen bei Neugeborenen verursachen können.

BildSo gut sichtbar wie hier sind die Belastungen der Atemluft heute meist nicht mehr, die gesundheitlichen Gefahren sind dennoch vorhanden. (Foto: Jürgen PM/​Pixabay)

Feinstaub entsteht dabei nicht nur in fossilen Kraftwerken, er ist auch in Abgasen von Verbrennungsmotoren und Holzheizungen enthalten. Auch in Druckern und Kopierern sowie beim Rauchen entsteht Feinstaub, ebenso beim Autofahren an Reifen, Straße und Bremsen.

Was aber zumindest im Energiesektor passieren muss, um die Gesundheitsschäden zu mindern, hat Espenhain – mittlerweile ein Ortsteil der Kleinstadt Rötha – vorgemacht: Im Jahr 2004 wurde hier auf einer früheren Kohlestaubdeponie ein Solarkraftwerk mit einer Kapazität von fünf Megawatt eingeweiht, damals eines der weltweit größten seiner Art.

[Erklärung]  
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