"Das Kapital wurde arrogant"

BildDer Erdgipfel von Rio 1992 gilt als Meilenstein in der Umwelt- und Entwicklungspolitik. Doch was ist daraus geworden? Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker über die Euphorie in Rio und die entfesselte Wirtschaft danach.

Seit Jahrzehnten drängt der renommierte Naturwissenschaftler und SPD-Politiker auf mehr Umwelt- und Klimaschutz – und die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie.

klimaretter.info: Herr Professor von Weizsäcker, erinnern Sie sich noch an den "Geist von Rio"?

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Es war Aufbruchstimmung. Der Kalte Krieg war vorbei. Fast alle dachten, dass man sich jetzt statt um Waffen um die Natur kümmern könnte. Und die Beschlüsse von Rio waren sensationell. Klima-Konvention, Biodiversitätskonvention, Agenda 21 – ein öko-soziales Pflichtenheft fürs 21. Jahrhundert –, Wüstenkonvention, Rio-Deklaration mit Vorsorge- und Verursacherprinzip sowie Wälderprinzipien.

Jeden dieser sechs Beschlüsse würde man man heute als großen ökologischen Durchbruch feiern. Euphorie breitete sich in Rio aus, und die hielt noch ein paar Monate an.

Aber "Rio" hat sich schnell verflüchtigt. In dem Vierteljahrhundert, das seither vergangen ist, hat der Geist von damals kaum etwas ausgerichtet. Der Treibhausgas-Ausstoß ist stark gewachsen, der Artenschwund grassiert, Böden und Wälder werden übernutzt. Warum ist die Bilanz so negativ?

Das Ende des Kalten Kriegs hatte noch eine ganz andere, völlig unerwartete Folge: Plötzlich musste "das Kapital", mussten die Reichen, die Aktionäre, keine Rücksicht mehr auf den Staat nehmen, der bis 1990 als Bollwerk gegen den Kommunismus noch echte Verhandlungsmacht gegenüber dem Kapital hatte.

Das Arrogantwerden des Kapitals war das Kern-Phänomen der "Globalisierung" – ein Wort, das erst nach 1990 Eingang in die Sprachen der Welt fand. Statt an Waffen dachte man auf einmal nur noch an den ökonomischen Wettbewerb. Die Natur spielte nur noch bei Idealisten eine Rolle.

Heute halten der islamische Terrorismus und der "Geist von Trump" die Welt in Atem. Das ist das Gegenteil der Rio-Vision. Keine Chance für eine Wende zur nachhaltigen Entwicklung?

Doch, aber dazu bräuchte es eine kulturelle, ökonomische und soziale Erneuerung. Die Heiligsprechung des Egoismus und des gnadenlosen Wettbewerbs hatte böse Auswirkungen auf die Kultur. Den Gegner plattzumachen wurde hoffähig. Die Sprache verrohte. Schimpfen und Brüllen und das Verächtlichmachen der politischen Korrektheit bekamen Applaus. Die "Ökos" wurden zur Zielscheibe der neuen Rowdies. Militanter Islam war eine der idiotischsten Antworten auf den Kapitalismus. Und dass ein zivilisiertes Land einen völlig unzivilisierten Milliardär zum Präsidenten wählt, wäre vor 1990 undenkbar gewesen.

Sind die Amerikaner alleine die Bad Guys? US-Präsident George W. Bush stieg 2000 aus dem Kyoto-Protokoll aus, Trump jetzt aus dem Paris-Vertrag ...

Russen, Saudis oder Polen sind kaum besser, und Amerika ist nicht einfach Trump. Bush und Trump konnten sich leider immer auf eine Kongressmehrheit stützen, die kein Abkommen ratifiziert, das den USA Vorschriften macht. Aber viele US-Bundesstaaten sowie weite Teile der US-Wirtschaft kümmern sich nicht um die Twittermeldungen aus dem Weißen Haus.

Für die Entwicklungsländer war Rio ein Entwicklungsgipfel, kein Umweltgipfel. Da sieht es so schlecht nicht aus. Die Armut ist zurückgegangen, die Zahl der Hungernden auch. Also doch ein Erfolg?

Ja, in der Mehrheit der Entwicklungsländer – außer den von inneren Kriegen zerfetzten – herrscht gute Laune; das hat aber nicht allzu viel mit Rio zu tun.

Was bringt die Lösung? Green Economy, also ein grünes Wachstum? Oder muss man doch die Systemfrage stellen? Kann die kapitalistische Profitmaschine überhaupt so gesteuert werden, dass sie die Grenzen der Ökosysteme einhält? Degrowth – schrumpfen statt wachsen?

Entweder Degrowth oder eine staatliche Rahmensetzung, die klima- und umweltschonende Produktion und Lebensstile ökonomisch vorteilhafter macht als Raubbau und Verschwendung. Das kann man in kleinen Schritten machen, bei voller Wahrung der sozialen Werte und der industriellen Wettbewerbsfähigkeit.

Wer kann den Umschwung bringen? Die Chinesen, zusammen mit den Europäern?

China und Europa müssen ohnehin zusammenarbeiten, nicht bloß beim Klima. In China treffe ich oft auf Leute, die sich von den USA innerlich abwenden und Europa plötzlich äußerst wichtig finden.

BildDie Erde retten – ein beliebtes Credo, solange es plakativ und unverbindlich daherkommt: Graffito an der Berliner East Side Gallery. (Foto: Schulze von Glaßer; Porträtfoto Ernst Ulrich von Weizsäcker: Heinrich-Böll-Stiftung/​Wikimedia Commons)

Und die Rolle Deutschlands?

Deutschland hat immerhin das EEG erfunden, in dessen mittelfristiger Folge die erneuerbaren Energien die Atomenergie und die Kohle ökonomisch schlagen können. Dies hätte wiederum in Rio auch niemand für denkbar gehalten.

Doch darauf dürfen wir uns nicht ausruhen. Deutschland hat noch die Chance, auch bei der Verkehrswende und Wärmewende den Takt mitanzugeben. Ein Job für die nächste Bundesregierung.

Die Politik alleine wird es nicht schaffen ...

Ich gehe so weit, in unserem Jahrhundert eine neue Aufklärung zu fordern. Die großartige Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist ein wenig zu einer Rechtfertigungslehre für Egoismus, Individualismus, Kurzfrist-Denken und Verachtung des Staates verkommen. Wir brauchen eine Philosophie für die überfüllte Welt. Solidarität, Langfristdenken, Balance, Demut, Toleranz sind wichtiger als das Starren auf Vierteljahres-Abschlüsse.

Professor von Weizsäcker, Hand aufs Herz, ein Vierteljahrhundert nach Rio: Sind sie Optimist oder Pessimist?

Haben Sie den massiven Optimismus nicht herausgehört?

Interview: Joachim Wille

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen