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Die Erde anders wahrnehmen

Moon Ribas und Neil Harbisson sind Cyborgs. Mit Hightech-Körpererweiterungen wollen die New Yorker Künstler ein besseres Verständnis der Natur erreichen.

Von Sandra Kirchner

Seit jeher verändern die Menschen ihre Umwelt. Doch Tempo und Intensität der menschlichen Gestaltungsmacht vergrößerten sich mit dem Einsetzen der Industrialisierung, die mittlerweile als eigenes Erdzeitalter, als "Anthropozän", unter Experten diskutiert wird. Aus der Nutzung der gegebenen Ressourcen wurde ein aggressiver Raubbau, der auf einer unheilvollen Dialektik von Fortschritt und Zerstörung gründet. Je stärker die technischen Möglichkeiten, umso höher der Grad der Umweltzerstörung. Ein Ausweg? Weniger Technik, Verzicht und Minimalismus.

Durch ein Implantat spürt Moon Ribas die Erschütterungen der Erde und entwickelt einen "seismischen Sinn". (Video: Moon Ribas/​Youtube)

Moon Ribas hat einen anderen Weg eingeschlagen. Die Avantgarde-Künstlerin trägt seit 2013 einen Mikrochip im linken Arm, den sie selbst entwickelt hat. Der Sensor ist mit einem Online-Seismografen verbunden und lässt die 31-Jährige Erdbeben spüren. "Das Implantat erlaubt es mir, jedes Beben auf der Welt in Echtzeit wahrzunehmen", sagt Ribas.

Die Katalanin, die mittlerweile in New York lebt, musste sich an die ständigen Vibrationen gewöhnen, anfangs wachte sie nachts noch davon auf. Vor allem heftige Beben rührten die Künstlerin, weil sie wusste, dass in jenen Minuten auch Menschen sterben können.

Es sei ein riesiger Unterschied, ob man wisse, dass es gerade irgendwo ein Erdbeben gebe, oder ob man es fühle, sagt Ribas. Deshalb hat sie eine Tanzperformance entwickelt, bei der sie die Erschütterungen der Erde in Bewegungen übersetzt. Barfuß steht sie dafür auf der Bühne, reißt ihre Arme in die Höhe oder lässt ihren zuckenden Körper zu Boden fallen. Und wenn sie keine Schwingungen verspürt, steht Ribas einfach nur still. Auch mit Instrumenten übersetzt sie ihre Wahrnehmungen.

Die Erdbeben, die Mexiko im Laufe der vergangenen Jahrzehnte heimgesucht haben, vertont Ribas auf einer Trommel. Je heftiger die Trommelwirbel, desto heftiger waren die Beben.

"Wir sollten uns selbst verändern statt die Umwelt"

Die Vibrationen, die die Tänzerin manchmal mehrfach am Tag spürt, bezeichnet Ribas als ihren seismischen Sinn. "Mein Körper besitzt einen Sinn, der nicht menschlich ist", sagt Ribas, die sich deshalb auch als Cyborg bezeichnet. Cyborgs erweitern ihre menschlichen Sinneswahrnehmungen oder Fähigkeiten.

Wie eine Maschine fühlt sich Ribas trotzdem nicht. Über die Sinneserweiterungen, so glaubt sie, könne sie eine engere Verbindung zur Umwelt herstellen. Neben ihrem Herzschlag fühle sie nun auch den Rhythmus der Erde. Auch den Tieren, die Erdbeben wahrnehmen können, fühlt sich Ribas nun näher. Diese veränderte Wahrnehmung führe zu einem tieferen Verständnis von natürlichen Vorgängen und letztlich zu einem anderen Verhalten. "Der Mensch versucht stets nur die Umwelt zu ändern statt sich selbst", sagt Ribas. Sie modifiziert sich lieber selbst.

Gemeinsam mit Neil Harbisson hat Ribas die Cyborg Foundation gegründet. Harbisson setzt auch auf die Möglichkeiten der Selbstoptimierung: Er ist farbenblind und trägt einen Sensor am Kopf, der Farben in seiner Nähe in Töne übersetzt. Mit ihrer gemeinsamen Stiftung wollen Ribas und Harbisson Menschen dabei helfen, selbst ein Cyborg zu werden. Dabei lassen sie sich von der Natur oder von Tieren inspirieren.

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Cyborg-Anwendungen interessieren nicht nur Mediziner und Militärs: Moon Ribas spürt Erdbeben und macht damit Kunst. (Foto: SuperHuman Summit/​Wikimedia Commons)

"Wir müssen nicht mehr auf die Evolution warten, sondern können uns zu Lebzeiten weiterentwickeln", sagt Ribas. Doch nicht zum reinen Selbstzweck – sondern um die Erde anders wahrzunehmen. Die Technik müsse die Menschen nicht von der Umwelt entfremden, sie könne ihnen dabei helfen, Mensch und Umwelt besser zu verbinden.

[Erklärung]  
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