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Fluch und Segen des großen Tauens

Finnland übernimmt den Vorsitz des Arktischen Rates und will über den Klimawandel reden – doch das schmelzende Eis nützt den Anrainern des Nordpolarmeeres. Die wirtschaftliche Nutzung der Region könnte diese sogar stärker verändern als der Klimawandel.

Aus Rovaniemi (Finnland) Susanne Götze

Der Bürgermeister von Rovaniemi ist stolz. "Bei uns geht es bergauf", sagt Esko Lotvonen verschmitzt und grinst. "Lappland war mal das abgehängte Hinterland – das ändert sich gerade", freut sich der ältere Herr.

BildRovaniemi liegt nur ein paar Kilometer diesseits des Polarkreises. Im Winter wird es hier nur für kurze Zeit hell. (Foto: Gerald Zojer/​Wikimedia Commons)

Die finnische Kleinstadt Rovaniemi hat viele Superlative mit dem Beiwort "nördlich": Nördlichste Handelskammer Europas, nördlichster McDonald’s, nördlichste Universität. Das hat dem Standort lange Zeit wenig genutzt. Vor 50 Jahren noch gab es hier kaum mehr als ein paar Blockhütten und Rentierfarmen. Doch seit einigen Jahren ist das Städtchen am Polarkreis auf dem aufsteigenden Ast – und das nicht nur, weil hier der Weihnachtsmann "wohnt" und Touristen aus aller Welt die Nordlichter sehen wollen.

Demnächst kann Bürgermeister Lotvonen sogar als Repräsentant des "Hinterlandes" die Weltbühne betreten. In wenigen Wochen wird er dem Außenminister der USA der Hand schütteln: Rex Tillerson ist ebenso wie sieben andere Minister, darunter die aus Norwegen und Russland, eingeladen, zur Tagung des Arktischen Rates nach Rovaniemi zu kommen. Im Mai übernimmt Finnland die Präsidentschaft des Rates.

Arktis ausbeuten oder erhalten?

Zwar hat der Rat keinerlei Machtbefugnisse, aber er ist das einzige Austauschforum, das die Anrainer der Arktis haben. Weil das Gebiet lange als unzugänglich galt, haben die Staaten lange gar nicht darüber geredet, wem die Arktis gehört. Erst 1996 traten sie erstmals zusammen.

Danach begann ein regelrechter "Arktischer Hype". Dieser gipfelte darin, dass Russland 2007 in 4.000 Metern Tiefe eine Flagge am Meeresgrund unter dem Nordpol hisste. Im gleichen Jahr flogen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr damaliger Umweltminister Sigmar Gabriel nach Grönland, um mit eigenen Augen zu sehen, wie das Eis der Arktis unter dem Einfluss des globalen Klimawandels dahinschmilzt. Medien und Politikstrategen beschworen schon einen neuen Rohstoffkrieg um die nun bald zugänglichen Ressourcen in arktischen Gewässer.

Auch wenn einige Unternehmer Dollarnoten in den Augen haben, wenn sie die schmelzenden Gletscher Grönlands sehen: Durch die globale Erwärmung wird Klimaforschern zufolge ein einzigartiges Ökosystem zerstört. Der Arktische Rat, dem auch Nichtregierungsorganisationen und indigene Gemeinschaften angehören, bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Finnland will den Klimaschutz nun zu einer Priorität seiner Präsidentschaft machen – trotz oder vielleicht auch wegen des neuen US-Präsidenten.

Vier Grad Erwärmung schon erreicht

"Der Klimawandel in der Arktis ist schon heute sichtbar", sagt Timo Koivurova, Direktor des Arktischen Zentrums in Rovaniemi. "Das Klima hat sich rund um den Nordpol bereits um vier Grad aufgeheizt." Global gesehen sind wir bei rund einem Grad. Auch diesen Winter ist es in der Arktis immer wieder viel zu warm. Im Februar meldeten Messstationen am Nordpol ähnliche Temperaturen wie in Berlin: nur wenige Grad minus. Und im November herrschten Temperaturen von null bis plus 1,2 Grad Celsius – und damit bis zu 20 Grad mehr als sonst in dieser Jahreszeit üblich.

Durch die ständigen Wärmeperioden gerät die Neubildung von arktischem Meereis ins Stocken. Wenn der Frost fehlt, kann das Wasser nicht gefrieren. Die Folge: Die Meereisfläche verringert sich von Jahr zu Jahr. Nach den Daten der US-Wetterbehörde NOAA ist die arktische Eisausdehnung derzeit – seit 1979 mit Satellitenmessungen begonnen wurde – derzeit so gering wie noch nie.

Erst im November warnten Klimaforscher im "Arctic Resilience Report" vor sogenannten Kipppunkten, die das Tauen der arktischen Meereisfläche noch schneller vorantreiben könnten. In Auftrag gegeben hatte den Report der Arktische Rat. Von Kipppunkten spricht man, wenn Teile des Ökosystems durch menschliche Einflüsse so stark verändert werden, dass sie andere Elemente des Klimasystems negativ beeinflussen. Im Fall der Arktis geht es um eine veränderte Tundra-Vegetation, wodurch reflektierender Schnee verdrängt und dann mehr Wärme aufgenommen wird, oder um das Freisetzen von Methan, während der Boden in der Tundra sich aufwärmt.

Durch diese Wärme-Effekte könnte sich auch der globale Klimawandel nochmals beschleunigen. Selbst wenn der Einfluss des Menschen bei der Erwärmung der Arktis tatsächlich nur 58 Prozent ausmachen sollte, wie Forscher der Universität von Kalifornien jetzt in einer Studie abgeschätzt haben, ergibt das in einer Welt der Kippelemente und Wechselwirkungen schon ein untragbares Risiko.

Ölsuche immer weiter nördlich

Die logische Folge der fortschreitenden Mega-Schmelze: Die Suche nach Öl und Gas verlagert sich weiter in nördliche Gebiete. Vor zwei Wochen machte sich die Bohrplattform "Songa Enabler" der Firma Statoil auf dem Weg zum potenziellen Bohrplatz im neuen Ölfeld Korpfjell. "Zum ersten Mal vergibt die norwegische Regierung Bohrlizenzen so hoch im Norden", kritisiert der Greenpeace-Ölexperte Jörg Feddern. "Das Risiko für Unfälle ist in dieser Region durch die unwirtlichen Bedingungen besonders hoch."

Insgesamt zehn Unternehmen – darunter Dea Norge, Tochterfirma der Dea Deutsche Erdöl AG, sowie Chevron und Lukoil – hatten sich Mitte 2016 bei der ersten Vergaberunde seit 20 Jahren Bohrrechte gesichert. Hintergrund sind die erschöpften Ölvorräte der laufenden Förderung in südlicheren Gewässern vor Norwegen. Dabei vermutet die Regierung in Oslo im hohen Norden besonders große Ölvorkommen. "Norwegen hat als einer der ersten Staaten das Weltklimaabkommen unterzeichnet und kurz danach die Bohrrechte vergeben – das ist ein eklatanter Widerspruch", sagt Feddern.

Auch der Schiffsverkehr der Nordroute entlang der russischen Küste nahm im vergangenen Jahr um 35 Prozent zu. Russland baut Häfen aus und Tourismusanbieter werben mit immer mehr Kreuzfahrten in arktische Gewässer. "Der Klimawandel ist nur ein Faktor bei der Veränderung des Ökosystems", sagt Timo Koivurova vom Arktischen Zentrum. "Die größeren Veränderungen werden wir in Zukunft durch die wirtschaftliche Nutzung der Arktis sehen."

BildRentiere, Schnee und der Weihnachtsmann – das touristische Image Lapplands droht unter die Räder zu kommen. (Foto: Peter C. Wildhoney/Pixabay)

Rovaniemis Bürgermeister Esko Lotvonen jedenfalls setzte auf das weitere Aufblühen seiner Stadt. Sollte Lappland irgendwann per Eisenbahn an die norwegische Küste und damit an die Barentssee angeschlossen werden, könnte sich Rovaniemi sogar zu einem europäischen Handelszentrum entwickeln, durch das jährlich Tausende Container rollen. Doch für einen wird es in Rovaniemi ungemütlich, wenn im Winter künftig weniger oder gar kein Schnee mehr liegt. Acht Kilometer vom Stadtkern entfernt "lebt" der Weihnachtsmann im "Santa Claus Village". Ob die Touristen noch kommen, wenn es im Dezember grau statt weiß ist?

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