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G20 redet über Ressourcenhunger

Der Welt gehen die Rohstoffe aus. Die Bundesregierung will darüber mit den 20 wichtigsten Industrieländern diskutieren. Das Zauberwort soll Effizienz heißen. Umweltschützer befürchten, dass bei dem Vorsatz, möglichst viel aus den geförderten Rohstoffen herauszuholen, das Einsparen in den Hintergrund gerät.

Aus Berlin Susanne Schwarz

Es dauert vielleicht noch fünf Monate, dann schreibt die Menschheit wieder rote Zahlen. Zumindest im vergangenen Jahr war es ein Tag Anfang August, an dem die Menschheit sämtliche Ressourcen wie Wasser, Kupfer, Sand oder CO2-Speicherfähigkeit verbraucht hatte, die die Erde zur Verfügung stellt – und danach natürlich nicht Halt machte. Zurzeit verbraucht die Menschheit rechnerisch 1,6 Erden – und die globale Bevölkerung wächst noch. Langfristig mündet das in eine ökologische Mangelwirtschaft.

BildUmweltministerin Hendricks: Die Bundesregierung will mit den G20-Staaten über Ressourceneffizienz reden. (Foto: Thomas Trutschel/​BMUB/​photothek.net)

Die Bundesregierung will über das Thema nun mit den 20 größten Wirtschaftsmächten reden, kurz: der G20. Diese Staaten sind schließlich für einen Großteil des Problems verantwortlich. Ein Beispiel: Würden alle so leben wie die Europäer, bräuchte die Menschheit sogar drei Erden. Deutschlands Antwort darauf, die die Regierung im Jahr ihres G20-Vorsitzes gern stärker ins Licht rücken würde, heißt Ressourceneffizienz.

"Bisher redet die G20 vor allem über Finanzen – dass wir jetzt Ressourcen, Klima und Umwelt ins Spiel bringen wollen wollen, ist durchaus Neuland", sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Donnerstag in Berlin, wo sich Regierungsvertreter der Länder zu Gesprächen im Vorfeld des G20-Gipfels im Juli trafen.

Hendricks rief die G20-Partnerschaft für Ressourceneffizienz ins Leben. Das bedeutet erst einmal nicht viel. Es heißt, dass sich Vertreter der Staaten regelmäßig mit Interessengruppen wie Unternehmen treffen und sich über gut funktionierende Beispiele austauschen – alles unverbindlich. 

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Rohstoffverbrauch der Welt stetig gewachsen. "Wir verbrauchen jetzt doppelt so viel wie vor 30 Jahren und zehnmal so viel wie zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts", sagte Hendricks. "Wenn wir nicht gegensteuern, könnte sich der Rohstoffabbau bis 2050 noch verdoppeln."

UN-Experten: Effizienz ist die Lösung

Hendricks bezieht sich auf einen heute vorgestellten Bericht des Weltressourcenrats, der zum Umweltprogramm der Vereinten Nationen Unep gehört. Eine Verdopplung des Verbrauchs wäre katastrophal – muss aber nicht passieren, glauben die UN-Experten. Man könne, schreiben sie, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch entkoppeln. Die Wirtschaft könne also weiterwachsen und 2050 trotzdem 28 Prozent weniger Natur verbrauchen als jetzt.

Die Idee ist, dass etwa durch Recycling aus vorherigem Abfall neuer Geldwert entsteht – während gleichzeitig weniger neue Rohstoffe gewonnen werden müssen. Zwei Billionen US-Dollar könne das der Weltwirtschaft jährlich einbringen, heißt es beim Weltressourcenrat. Auch Treibhausgasemissionen soll das einsparen – nicht zuletzt, weil der Abbau von Rohstoffen oft mit einem riesigen Energieverbrauch einhergeht.

Unep-Chef Erik Solheim sprach von einer "Win-win-Situation". "Indem wir die natürlichen Geschenke unseres Planeten besser nutzen, führen wir der Wirtschaft Geld zu, mit dem sie Arbeitsplätze schaffen und Einkommen verbessern kann", sagte Solheim. Mit einem Teil des Geldes könne man zudem den nötigen Klimaschutz finanzieren, so der Norweger.

Umweltschützer: Effizienz allein genügt nicht 

Umweltschützer warnen davor, dass die Debatte um Effizienz vom eigentlichen Umweltschutz ablenken könnte. "Ressourceneffizienz ist nicht das A und O", sagte Rolf Buschmann vom BUND im Gespräch mit klimaretter.info. "Effizienz bedeutet schließlich erst mal nur, dass man mehr aus einer Rohstoffmenge macht – nicht zwangsläufig, dass diese kleiner wird." Genau das ist dem Umweltexperten allerdings wichtig. "Wir brauchen nicht nur Effizienz, sondern vor allem auch Suffizienz", meinte er. Sprich: eine Politik, die den Rohstoffverbrauch insgesamt auf ein verträgliches Maß senkt.

Dass es gefährlich sein könne, sich auf Effizienz und Recycling zu konzentrieren, zeige die Erfahrung, so Buschmann. "Wir haben bessere Autos gebaut – jetzt fahren wir mehr. Wir haben tolles Recycling-Papier – und drucken mehr", sagte er. Was er anspricht, trägt in Fachkreisen den Namen Rebound-Effekt.

Der Begriff beschreibt, was auf den ersten Blick paradox erscheint: dass Effizienzgewinne am Ende sogar zu einem höheren Energieverbrauch führen können. Sie kurbeln nämlich auf verschiedenen Wegen die Nachfrage an. Ein Gerät mit geringerem Stromverbrauch bei gleicher Leistung wird häufiger genutzt, ein weniger spritdurstiges Auto häufiger gefahren. Hinzu kommen indirekte Effekte: Es wird Geld gespart und an anderer Stelle ressourcenintensiv ausgegeben. 

Im Bereich Energie gehen Fachleute davon aus, dass Rebound-Effekte im Schnitt etwa 25 Prozent der Einsparung wieder "auffressen". Es könnte aber auch mehr sein – messen lässt sich der Effekt schwer und es gibt auch noch psychologische und volkswirtschaftliche Rebound-Effekte, bei denen die Zusammenhänge noch komplexer sind.

BildMongolische Kupfermine: Seit Jahrzehnten steigt der Rohstoffverbrauch der Menschheit. (Foto: Bernd Gross/​Wikimedia Commons)

Möglicherweise sind der Umweltministerin aber in der Großen Koalition die Hände gebunden, wenn es um konsequentes Ressourcensparen geht. Hendricks persönlich – gerade erst hat sie in ihrem Ministerium fleischloses Catering eingeführt – glaubt offenbar wie viele Umweltschützer, dass Umwelt- und Klimaschutz auch der Verhaltensänderung bedürfen. "Ich sage das jetzt nicht als Vorschlag, dann werde ich ja wieder aufgespießt, aber eigentlich dürfte es SUVs nur für Bauern und Jäger geben", sagte die Umweltministerin.

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