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20 Millionen von Hunger bedroht

In Ostafrika bahnt sich eine neue humanitäre Katastrophe an. Der gefährliche Ursachen-Mix aus Krieg, Vertreibung, Missmanagement und Klimawandel treibt die Region weiter ins Elend – die letzte Hungerkrise von 2011 könnte noch übertroffen werden. Klimaforscher und Hilfsorganisationen wollen Vorhersage und Prävention verbessern.

Von Susanne Götze

Für die äthiopischen Hirten ist es das zweite Jahr ohne ausreichendes Wasser. Auf den Viehmärkten versuchen sie ihre Ziegen und Rinder möglichst schnell loszuwerden. Die dürren, knochigen Tiere werden bald verenden. Die Menschen haben kaum noch genug Wasser für sich selbst, geschweige denn für ihre Herden. Für die Hirten in dem ostafrikanischen Land ist das eine Katastrophe. Innerhalb von wenigen Tagen verlieren sie ihren ganzen Besitz und müssen ihre Tiere zu Dumpingpreisen verschleudern.

BildViehhirt in Uganda: Ohne Wasser verendet das Vieh, dann hungern die Menschen – oft hilft auch die nächste Regenzeit erstmal wenig. (Foto: Susanne Götze)

Doch das ist erst der Anfang: Die eigentliche Katastrophe in Ostafrika beginnt in erst in den kommenden Wochen. Das jedenfalls behaupten die Vereinten Nationen, deren neuer Generalsekretär António Guterres vor wenigen Tagen vor einer neuen Hungerkatastrophe warnte. Das Leben von 20 Millionen Menschen sei durch die Dürre bedroht.

Besonders betroffen sind Äthiopien, Somalia, Kenia, Nigeria, Teile von Uganda, der Südsudan und der Jemen. Die meisten dieser Länder leiden seit Jahren an Bürgerkriegskonflikten, viele der Einwohner mussten mehrmals vor bewaffneten Rebellen oder Regierungstruppen oder gar kriminellen Banden fliehen. Und wer auf der Flucht ist, kann weder ein Feld bestellen, noch die Ernte einfahren.

In Äthiopien versorgten Hilfsorganisationen erst vor einem Jahr Tausende Menschen mit zusätzlicher Nahrung, weil die Regenzeiten aufgrund des Wetterphänomens El Niño einfach ausfielen. Auch als der El Niño langsam abklang, gab es wieder nicht genug Regen. "Die Bodenfeuchtigkeit liegt momentan in Ländern wie Äthiopien fast bei Null – sollte es in den nächsten Wochen tatsächlich regnen, kommt das einfach zu spät", sagt Michael Kühn von der Welthungerhilfe. Wenn es dann regnet, brechen durch die plötzliche Feuchtigkeit sehr wahrscheinlich Krankheiten aus. "Seit einigen Jahren gibt es einfach keine Regelmäßigkeit der Wetterereignisse mehr", klagt Kühn. Von der Planbarkeit des Niederschlags seien die Bauern aber abhängig.

Hinzu kommt die Vertreibung vieler Menschen durch Terror, Enteignung oder Krieg. Der nigerianische Außenminister Geoffrey Onyeama betonte in der vergangenen Woche, in Nigeria hätten Tausende arme Familien mehr Flüchtlinge aufgenommen als ganz Europa. Diese Familien können sich nun laut der Welthungerhilfe durch die schlechten Ernten und das magere Angebot auf den Märkten kaum mehr versorgen.

Wettervorhersage rettet Leben

Konflikte entstehen auch, wenn nomadische Viehhirten ihre Tiere immer näher an die Ländereien der sesshaften Bauern führen, weil sie woanders keine Nahrung für ihre Herden mehr finden. "Die ohnehin angespannte Lage wird durch solch eine Dürre nochmals verschärft", meint Entwicklungsexperte Kühn, "Deshalb müssen wir bessere Frühwarnsysteme aufbauen, um auf solche Ereignisse besser vorbereitet zu sein."

Die Vorhersagen entwickeln Hilfsorganisationen und die UN zusammen mit Klimaforschern und Meteorologen. Dass die häufigen Dürren und starken El-Niño-Ereignisse auch Folgen der globalen Klimaerwärmung sind, ist dabei für Forscher und Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe unstrittig. Dennoch wirke der Klimawandel nicht stärker oder weniger stark als in anderen Teilen der Welt, meint Fred Hattermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "In Afrika allerdings treffen Ausschläge im Wettergeschehen auf eine sehr vulnerable Gesellschaft, die kaum auf länger anhaltende Dürren vorbereitet ist", erklärt Fred Hattermann. "Eine entscheidende Rolle spielen instabile politische Verhältnisse, fehlende Infrastruktur und Missmanagement."

Krieg und Flucht wirken bei schwierigen Wetterbedingungen wie ein Katalysator: Sind ohnehin schon wenig Reserven vorhanden, weil die Bauern von ihrem Land vertrieben wurden, sind die Staaten auch schlechter gegen einen Engpass gerüstet.

Um gezielt zu helfen, erstellen Experten wie Kühn von der Welthungerhilfe auch Risikoanalysen für ein einzelnes Dorf oder eine Region. "Dann wissen wir, wo wir ansetzen müssen und ob es Sinn macht, in eine Tröpfchenbewässerung zu investieren oder das Dorf aufgrund einer beim nächsten Regen drohenden Flutwelle lieber umzusiedeln", so Kühn. Doch um die Menschen flächendeckend zu beraten, fehle es bisher an Geld und Personal – ganz abgesehen von der konkreten Hilfe, die nötig wäre, um die Dörfer besser gegen Extremwetterereignisse auszurüsten.

BildEin unterernährtes Kind im Südsudan erhält frische Milch: Ohne die internationale Hilfe wäre die Katastrophe schon längst da. (Foto: Gonzalez Farr/​Unicef)

Dabei sollen auch sogenannte Klimarisikoversicherungen helfen, die im Schadensfall schnell greifen sollen. Beim G7-Gipfel vor zwei Jahren im bayerischen Elmau hatte die Bundesregierung eine Klimaversicherungs-Initiative gestartet und 150 Millionen Euro Startkapital bereitgestellt, um afrikanischen Ländern bei der Einrichtung zu helfen. Bisher haben sich jedoch nur wenige Länder versichert – und inwieweit das Geld im Falle einer Dürre-Katastrophe auch wirklich bei den Menschen ankommt, steht auf einem anderen Blatt. Das Bundesentwicklungsministerium kündigte zumindest an, dass die Ausweitung der Klimaversicherung auch Thema beim G20-Gipfel im kommenden Juli in Hamburg sein wird. 

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