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Russland stellt sich auf Klimawandel ein

Lange hat sich Russland geweigert, Gefahren durch die Erderwärmung überhaupt anzuerkennen. Nun arbeitet das Land an einer Strategie zur Anpassung an den Klimawandel. Denn die Klimaschäden lassen sich nicht länger verleugnen.

Aus St. Petersburg Angelina Davydova

Der Klimawandel wurde in Russland lange wie ein Witz behandelt. Jahrelang weigerte sich die russische Regierung einzugestehen, dass der Klimawandel überhaupt ein Risiko für das Land darstellt. Doch das ändert sich gerade. Langsam erkennt Russland an, dass es in Zukunft stark vom Klimawandel betroffen sein wird.

BildSankt Petersburg ist eine der Regionen, die schon Strategien zur Anpassung an den Klimawandel planen. (Foto: Dirk Franke/​Wikimedia Commons)

Kürzlich wurde ein wichtiges Klimagesetz geändert, welches regelt, wie sich Russland an den Klimawandel anpassen und seine Emissionen reduzieren soll. Das Wirtschafts- und das Energieministerium wurden beauftragt, eine Methodik ausarbeiten, wie sich Klimarisiken und Klimaschäden messen lassen. Außerdem sollen die Ministerien konkrete Maßnahmen vorschlagen, wie sich das Land an den Klimawandel anpassen kann.

Das sei ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Klimaanpassungs-Strategie, frohlockt das Umweltministerium. Im Juli 2018 soll der Plan stehen – so hat es Russland auch in seinem Klimaziel für das Pariser Klimaabkommen versprochen. In dem überarbeiteten Gesetz sind die Hauptrisiken durch den Klimawandel übrigens schon aufgezählt: das Schmelzen der Permafrostböden und der Gletscher, stärkere Niederschläge, Überflutungen, Stürme und Dürren.

Der neue Blick auf die Klimarisiken hat eine Vorgeschichte: Im Sommer 2015 warnte Umweltminister Sergej Donskoj, dass die Folgen des Klimawandels die Wirtschaft des Landes stark beeinträchtigen könnten. Von Verlusten in Höhe von ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis zum Jahr 2030 war die Rede. In den arktischen Regionen, im Fernen Osten und in Sibiren könnten sogar vier bis fünf Prozent erreicht werden, sagt Alexej Kokorin, Klimaexperte beim WWF Russland.

Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben von Roshydromet, dem hydrometeorologischen Dienst des Umweltministeriums, fast Tausend Extremwetter-Ereignisse in Russland, die das Land etwa ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosteten. Pro Jahr seien das 30 bis 60 Milliarden Rubel (500 Millionen bis eine Milliarde Euro) – im Hitzejahr 2013 sogar 200 Milliarden Rubel (drei Milliarden Euro). "Veränderungen des Klimas können zu spürbaren Transformationen führen", sagt Umweltminister Sergej Donskoj. "Dazu gehören unkontrollierte Migrationsströme und die rasante Verbreitung von tödlichen Krankheiten."

Russlands Norden erwärmt sich besonders schnell

Der Klimarisikoindex der deutschen Umweltorganisation Germanwatch listet Russland auf Platz 31 von 181 Ländern, was die Empfindlichkeit gegenüber Klimaveränderungen in den Jahren 1996 bis 2015 angeht. In den 20 Jahren seien in Russland 3.000 Menschen durch Extremwetterereignisse wie Stürme, Überschwemmungen, Hitzewellen und Kälte gestorben. Insgesamt summiere sich der Schaden in den vergangenen 20 Jahren auf über zwei Milliarden US-Dollar.

Die Folgen des Klimawandels zeigen sich insbesondere im Mündungsgebiet des westsibirischen Flusses Ob: Nahe der Doppelinsel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer ist die durchschnittliche Temperatur der bodennahen Luftschichten von 1961 bis 1990 um sechs Grad Celsius gestiegen. In vielen anderen arktischen und subarktischen Territorien Russlands lag die Durchschnittstemperatur im Jahr 2016 um drei Grad Celsius höher als der Durchschnittswert der Jahre 1961 bis 1990. Das geht aus einem Bericht der Weltmeteorologieorganisation WMO vom November 2016 hervor.

Die Erwärmung in Russland – durchschnittlich 0,43 Grad Celsius pro Jahrzehnt – vollziehe sich etwa zweieinhalbmal schneller als die weltweite Erwärmung, sagt Oleg Anissimow, Chef des Fachbereichs Klimawissenschaften am Staatlichen Hydrologischen Institut in Sankt Petersburg. Am stärksten erwärme sich die arktische und subarktische Region einschließlich der Permafrostgebiete. Dort sei die Temperatur um 0,5 bis 0,9 Grad Celsius innerhalb eines Jahrzehntes gestiegen, während der Temperaturanstieg im europäischen Teil Russlands 0,2 bis 0,6 Grad Celsius betrage.

Gleichzeitig hat sich die Niederschlagsmenge erhöht – um durchschnittlich 0,8 Millimeter im Monat innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Starkregen habe in manchen Regionen zu fatalen Überschwemmungen geführt. Etwa im Juli 2012 in Gelendschik, Noworossijsk und Krymsk in Südrussland, wo 172 Menschen aufgrund von Extremwettern ums Leben kamen. Eine katastrophale Überschwemmung am Fluss Amur im Jahr 2013 forderte 84 Menschenleben, 86.000 Menschen mussten umsiedeln. Eine Dürre hat wiederum im Sommer 2010 in Moskau etwa 15.000 Tote gefordert und einen wirtschaftlichen Schaden von 450 Milliarden Rubel verursacht.

Tauender Permafrost zieht Städten den Boden weg

Besonders beunruhigend ist die Zerstörung des Permafrostbodens. Er bedeckt nicht weniger als 60 Prozent des Landes. Seit den 1970er Jahren ist die Tragfähigkeit des Permafrosts nach den Erkenntnissen von Wissenschaftlern um durchschnittlich 17 Prozent zurückgegangen, in manchen Gebieten um 45 Prozent.

Das Schmelzen des Permafrostes führt zu Deformationen und zahlreichen Schäden an Gebäuden in Städten des Nordens, auch Rohrleitungen und Straßen werden zerstört. Ein Großteil davon wurde in den 60er und 70er Jahren gebaut. Untersuchungen der Infrastruktur in drei Städten im russischen Teil der Arktis vor etwa 15 Jahren haben nach Angaben von Anissimow gezeigt, wie dramatisch die Lage ist: Rund 55 Prozent der Gebäude in in Dudinka, 60 Prozent in der Großstadt Tschita und 80 Prozent in Workuta sind schon von Klimaveränderungen betroffen.

Modelle zeigen: Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird die Erreichbarkeit von weit entfernten Orten, deren Verbindungen zum größten Teil des Landes über Winterstraßen verlaufen, um 13 Prozent abnehmen. In Jakutien hat sich die betriebsfähige Zeit der Winterwege hingegen um mehrere Tage verlängert. "Im Gegensatz zu Alaska und Nordkanada hat Russland kein gut entwickeltes Netzwerk lokaler Fluggesellschaften, die die Routen in den Norden effektiv abfertigen würden", sagt Anissimow.

Eine Studie im Magazin Geographical Review hat untersucht, wie das Abtauen des Permafrost-Bodens russische Städte destabilisiert. Das Ergebnis: Die Stabilität der Infrastruktur nimmt bis zur Mitte des Jahrhunderts infolge des Klimawandels um mindestens ein Viertel ab. Besonders die Städte Salechard an der Ob-Mündung und Anadyr im äußersten Nordosten seien betroffen – dort könnte schon ab Mitte der zwanziger Jahre eine kritische Schwelle erreicht werden.

Der Wald bewegt sich zur Arktis

Betroffen sind auch viele Indigene im Norden Russlands. Sie berichten, dass sich das Wasser erwärmt und die Jagdbedingungen immer schwieriger werden. Ihr Überleben hänge vom Fisch ab, doch der werde immer seltener, beklagt Gennadi Schtschukin, Jäger und Rentierhalter von der Taimyr-Halbinsel. Wenn der Permafrost taut, veränderten sich die Flussläufe, manche Flüsse würden so flach, dass man zu Fuß durchwaten könne. Viele Gebäude hätten selbst auf Stahlträgern keinen Halt mehr. "Ein stählerner Waggon stand auf Schienen für Bauarbeiten", erzählt Schtschukin. "Der Permafrost ist geschmolzen und der Waggon versank im Boden."

Indigene bemerken oft viel eher als Wissenschaftler, wenn sich neue Pflanzen in einer Region ausbreiten. Der Wald bewege sich zur Arktis, sagt Schtschukin. Eichhörnchen tauchten plötzlich in der Taimyr-Region auf, gleichzeitig verschwänden Lemminge, die wichtigste Nahrungsquelle für Polarfüchse. Die wiederum wandern ab und die Einheimischen können kaum noch das traditionelle Polarfuchs-Handwerk ausüben.

"Die größte Schwierigkeit für uns ist die Unberechenbarkeit des Wetters", erklärt Wjatscheslaw Schadrin, Oberhaupt des Ältestenrats der Jukagir aus der Republik Sacha – besser bekannt als Jakutien – im Nordosten Sibiriens. "Unser ganzes Leben hängt mit der Natur zusammen und ist an Zyklen gebunden, für uns ist kaum etwas wichtiger, als das Wetter vorherzusagen." Jäger bräuchten Sicherheit, wo und wann sie jagen können, Rentierhalter und Fischer müssten ihre Routen nach der Windrichtung wählen.

Eine weitere Gefahr sind Krankheiten. Durch das Auftauen von Rentiergräbern brach im Sommer 2016 auf der Jamal-Halbinsel in Nordwest-Sibirien der Milzbrand aus. Auch Friedhöfe, auf denen Menschen begraben sind, die an Pest oder Pocken gestorben sind, können zur Gefahr werden.

Eine Anpassungstrategie muss her

Im vergangenen November lag die Temperatur in der Arktis um 20 Grad höher als sonst für die Jahreszeit üblich, gleichzeitig befand sich das Eis im Nordpolarmeer auf einem Tiefpunkt für diese Jahreszeit. "Zurzeit gibt es überhaupt kein Eis im Weißen Meer und in der Barentssee", erzählt Dmitri Glasow, Vizechef des russischen Weißwal-Programms am Sewerzow-Institut für Ökologie und Evolution der Russischen Akademie der Wissenschaften. "Wir wissen nicht, wie sich die Grönlandrobben fortpflanzen können, denn sie brauchen dafür schließlich Eis."

Bislang sind in sieben Regionen Russlands Klimaanpassungs-Strategien ausgearbeitet worden, darunter in Moskau, in Sankt Petersburg und in den Republiken Baschkortostan, Altai und Sacha. Nirgendwo sehen Umweltschützer und Wissenschaftler allerdings so viel Bedarf wie in den Permafrost-Regionen. Handle man nicht schnell, könnten die Möglichkeiten zur Anpassung bald vorbei sein, warnt etwa Alexej Kokorin vom WWF Russland.

Ein Problem ist allerdings, dass es den Regionen an Geld fehlt. "Das sind alles sehr gute Ideen", sagt Oleg Pluschnikow, Leiter der Umwelt- und Klimaabteilung beim Unternehmensverband Business Russia. "Das Problem ist aber, dass die Finanzierung gelingt, denn ohne die wird keiner etwas unternehmen."

BildDer Permafrost taut auf. (Foto: Mila Zinkova/​Wikimedia Commons)

Die Klimaexperten des Umweltministeriums hoffen aber auf ein Umdenken. Früher hätten die Regionen immer nur dann um Geld von den föderalen Behörden gebeten, wenn eine Katastrophe passiert sei. Möglicherweise fangen nun erste Regionen an, sich vorbeugend auf den Klimawandel einzustellen.

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