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"Mächtige Lobbys verhindern Naturschutz"

Der Artenschutzexperte Manfred Niekisch fordert, den Schutz der Natur zum Ausgangspunkt politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen zu machen. Er ruft dazu auf, veraltete Denkweisen und nationalen Egoismus zu überwinden. Niekisch ist Direktor des Frankfurter Zoos, Professor für internationalen Naturschutz an der Goethe-Universität und Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen.

BildManfred Niekisch ist einer der wichtigsten Experten für internationalen Naturschutz in Europa. (Foto: Zoo Frankfurt)

klimaretter.info: Herr Niekisch, für Klaus Töpfer war der unzureichende Naturschutz eine "klaffende Wunde". Unter schwierigen politischen Bedingungen entstand 2002 das neue Bundesnaturschutzgesetz. Wie fällt heute Ihre Bewertung aus?

Manfred Niekisch: Das Bundesnaturschutzgesetz muss in einem Zusammenhang mit der Biodiversitäts- und der Nachhaltigkeitsstrategie gesehen werden. Diese greifen zwar nicht hundertprozentig ineinander, unterstützen und verstärken sich aber gegenseitig. Auf Bundesebene haben beide Strategien den Vorteil, dass nicht allein ein Ministerium dafür verantwortlich ist, sondern die Bundesregierung insgesamt.

Die Biodiversitätsstrategie wurde nach einem intensiven und breiten Diskurs mit gesellschaftlichen Gruppen beschlossen. Die meisten Ziele finden große Zustimmung, zum Beispiel die Reduktion des Stickstoffeintrages. Aber bei der Umsetzung gibt es massive Widerstände. Gut ist, dass es Verbündete gibt wie die Wasserwirtschaft, die starkes Interesse an gesundem und bezahlbarem Trinkwasser hat. Aber insgesamt ist der Naturschutz nach wie vor ein schwieriges Feld.

Wer sind die größten Gegner?

Der Naturschutz wird nicht mehr offen bekämpft, aber die Gegner sind nach wie vor sehr mächtig und einflussreich. Die industrialisierte Landwirtschaft ist ein Hauptverursacher der Naturzerstörung, dennoch verhindert sie seit vielen Jahren überfällige Reformen in Brüssel und Berlin.

Stark ist natürlich auch die Kohlewirtschaft, obwohl die fossilen Energieträger unbestritten Hauptverursacher des vom Menschen verursachten Klimawandels sind. Und die meisten Verwaltungen gehen in der Stadt- und Siedlungsentwicklung immer noch zu sehr vom Leitbild der autogerechten Mobilität aus.

Zahlreiche Lobbyverbände, die gut vernetzt sind und über viel Geld verfügen, verhindern einen wirksamen Naturschutz. Leider gehören auch Teile der Forstwirtschaft dazu, obwohl die Idee der Nachhaltigkeit von dort kommt, vor 300 Jahren von Hans Carl von Carlowitz.

Was hat sich seit 2002 verbessert?

Heute wird der Naturschutz ganzheitlicher gesehen, er betrifft nicht nur bedrohte Tiere und Pflanzen. Zudem wurde, was sehr wichtig ist, ein Verständnis von Wildnis etabliert. Kurz: Der Umwelt- und Naturschutz ist in der Gesellschaft angekommen. International steht Deutschland bei der Akzeptanz gut da.

Aber die Bereitschaft, die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen, ist nach wie vor gering. Ein Beispiel ist die Massentierhaltung, die mit Natur- und Tierschutz gleichermaßen unvereinbar ist. Doch bei den Vorschlägen gegen den viel zu hohen Fleischverbrauch stoßen wir auf starke Widerstände. Große Handelsketten werben sogar damit, wie billig Fleisch ist. Ein völlig falsches Signal.

Sie verantworten im Sachverständigenrat für Umweltfragen den Bereich Biodiversität. Wie werden die Vorschläge und Empfehlungen der Regierungsberater aufgegriffen?

Aufmerksamkeit finden sie mit Sicherheit – bei denen, die unserer Meinung sind, und mehr noch bei denen, die andere Interessen vertreten.

Es gab zum Beispiel höchst emotionale Auseinandersetzungen über unsere Empfehlungen zur biologischen Vielfalt im Lebensraum Wald im Umweltgutachten 2012: mehr Wildnis im Staatswald, den Wald mit heimischen Arten fit machen für den Klimawandel, den Biodiversitätsschutz vor die Holzproduktion stellen. In der Folge richtete das Bundeslandwirtschaftsministerium einen Wissenschaftlichen Beirat für Waldpolitik ein – auch aus Sorge, die Umweltpolitik könnte ihm das Thema wegnehmen.

Bild"Den Wald mit heimischen Arten fit machen für den Klimawandel." (Foto: Schulze von Glaßer)

Die Zusammenarbeit zwischen den Experten beider Beiräte ist besser als zwischen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. Aber auch innerhalb der Ministerien müsste die Zusammenarbeit verbessert werden, etwa im Umweltministerium zwischen Bau- und Umweltbereich. Es fehlt eine übergreifende Koordinierung, auch für die Stickstoffstrategie. Oder für den Meeresschutz, der eine viel höhere Bedeutung bekommen muss. Der Zustand von Ostsee und Nordsee ist katastrophal, nicht nur wegen der Überfischung.

Woran liegt es, dass der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln so groß ist?

Am notwendigen Wissen liegt es tatsächlich nicht. Selbst da, wo es Lücken gibt, wissen wir genug, um schnell zu handeln. Und wir wissen nicht nur, was zum Beispiel beim Meeresschutz zu tun wäre, wir haben dafür auch alle technischen Möglichkeiten. Sie sind da, müssten nur eingesetzt werden. Aber wir sind offenkundig gefangen in wirtschaftlichen Interessen, nationalen Egoismen und tradierten Denkweisen.

Wie kommt das? Umwelt- und Naturschutz haben eine starke Karriere gemacht, was fehlt zur Durchsetzung?

Es ist zu einer deutlichen Annäherung von Umwelt- und Naturschutz gekommen, was auch daran liegt, dass der Naturschutz heute breiter gesehen wird. Früher wurde der Umweltschutz, der sich schwerpunktmäßig mit der Qualität von Boden, Wasser, Luft und den gesundheitlichen Fragen beschäftigt hat, rein technisch-ingenieurwissenschaftlich verstanden. Heute wird der Umweltschutz auch als Naturschutz verstanden – und umgekehrt der Naturschutz auch als Umweltschutz.

Dennoch gibt es nach wie vor unterschiedliche Herangehensweisen und unterschiedliche Behörden, obwohl wir inhaltlich längst wissen, dass es zwischen Natur- und Umweltschutz keine starren Grenzen gibt. Und beide haben enge Bezüge zum Gesundheitsschutz. Der Naturschutz geht nicht mehr nur von einzelnen bedrohten oder charismatischen Arten aus, sondern vom Erhalt der Natur insgesamt. Wir wissen, dass die Dienstleistungen der Natur, die uns Menschen bisher kostenlos geliefert wurden, nicht unerschöpflich sind.

Welche Rolle spielt Deutschland in der internationalen Debatte?

Obwohl wir im Naturschutz bis heute kein bundesweites Monitoring-System haben, hat unser Land das Potenzial für eine Vorreiterrolle, wenn wir die Möglichkeiten nutzen. Wir sind ein reiches Land, verfügen über die technischen Möglichkeiten, haben die notwendigen wissenschaftlichen Institutionen und eine für den Naturschutz aufgeschlossene Bevölkerung.

Wir leben heute in der Erdepoche des Anthropozäns, wie der Weltkongress der Geologen jüngst festgestellt hat. Was bedeutet das für den Naturschutz?

Anfangs wurde Paul Crutzens Anthropozän-Vorschlag unterschätzt. Das hat sich geändert. Ich bin überzeugt, dass das der richtige Begriff ist. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen jeden Winkel der Erde beeinflussen oder überformen. Wir müssen nicht nur begreifen, welche Schäden wir damit anrichten, sondern auch, welche Verantwortung wir haben, die Gefahren für uns und künftige Generationen abzuwenden.

Aber bislang fehlt die Bereitschaft, die finanziellen Mittel bereitzustellen und die notwendigen politischen Entscheidungen zu treffen, um die Transformation gerecht zu gestalten.

Sollte das Anthropozän der Ausgangspunkt für die Reform des Naturschutzgesetzes sein?

Zuerst sollten wir die Umwelt- und Naturschutzgesetze weiterentwickeln. Das erfordert auch institutionelle Reformen. Der Schutz der Natur muss zum zentralen Ausgangspunkt politischer Entscheidungen werden. Wir haben unterschiedliche Auslegungen der Naturschutz- und Umweltgesetze und eine Zersplitterung der Zuständigkeiten. Natürlich ist es gut, dass heute alle 16 Bundesländer eine eigene Biodiversitätsstrategie haben, aber sie können nicht einmal genau beziffern, was sie für den Naturschutz ausgeben.

Sie sind vom Lehrstuhl an der Universität Greifswald nach Frankfurt am Main gewechselt, als Direktor des dortigen Zoos. Was sind Ihre Erfahrungen?

Der Zoo hat vier Aufgaben: Forschung, Bildung, speziell für den Natur- und Artenschutz, Erholung und eine individuengerechte Tierhaltung. Der Bildungsaspekt ist immer wichtiger geworden. Dabei kann ich auf dem aufbauen, was mein Vorgänger Bernhard Grzimek geschaffen hat, auch wenn wir heute einiges anders machen. Wir haben jährlich fast eine Million Besucherinnen und Besucher. Sie kommen zuerst, um die Tiere zu sehen, aber sie lernen dabei auch: Wie sieht der Bedrohungsstatus der Tierarten aus? Was muss für ihren Schutz getan werden?

Bild"Zoobesucher kommen, um Tiere zu sehen, aber sie lernen auch dabei." (Foto: Schulze von Glaßer)

Ein konkretes Beispiel ist unsere Handy-Aktion. Wir sammeln alte Mobiltelefone ein, geben sie zum Recycling und bekommen Geld dafür. Damit helfen wir die Gorillas in Afrika zu schützen. Das bringt nicht nur etwas für den Schutz der Tiere, es soll auch klarmachen, dass die Kreislaufwirtschaft das Konzept der Zukunft ist. Das ist unsere Botschaft. Wir verstehen unsere Arbeit auch als Auftrag, zu einem umwelt- und naturverträglichen Leben zu kommen, entkoppelt von wachsendem Ressourcenverbrauch und Zerstörung der Biodiversität.

Das Interview erschien im Magazin movum – Briefe zur Transformation, einer Schwesterpublikation von klimaretter.info

Interview: Michael Müller

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