"Fatale Nestbeschmutzung"

BildHannes Jaenicke ist in vielen deutschen TV-Produktionen zu sehen und engagiert sich öffentlich gegen Umweltzerstörung und Rechtsextremismus. Der Schauspieler über das Engagement von Künstlern gegen das Artensterben und darüber, warum der Begriff Anthropozän nichts taugt.

klimaretter.info: Herr Jaenicke, die Artenschutzstiftung WWF erwartet, dass im Jahr 2020 zwei Drittel weniger Tiere leben als 50 Jahre zuvor: Gleicht der Kampf gegen das Artensterben nicht einem Kampf gegen Windmühlen?

Hannes Jaenicke: Das tut er. Aber man kann auch nicht tatenlos zugucken. Wir verlieren ja nicht nur Tiere in bedrohlichem Umfang, sondern auch Habitate und damit Lebensqualität. Wenn zum Beispiel der Regenwald weiter wie gehabt weggerodet wird, werden nicht nur Tiere ausgerottet, sondern auch der größte CO2-Speicher der Erde vernichtet und damit die Klimakatastrophe weiter befeuert.

Wieso engagieren Sie sich gerade für den Artenschutz?

Weil Themen wie CO2-Ausstoß, Polkappen-Schmelze und Klimawandel für Otto Normalverbraucher zu abstrakt sind. Aussterbende Tiere sind greifbarer, emotionaler und führen eher dazu, sein Verhalten zu überdenken, beispielsweise beim Konsum.

Dennoch ist Artenschutz ein komplexes Thema. Wie versuchen Sie als Künstler ein Bewusstsein dafür zu schaffen?

Indem ich Umwelt-Dokus drehe, Sachbücher schreibe und diverse Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen unterstütze.

Wie können Kunst und Kultur dazu beitragen, dass ökologische Themen größere Beachtung finden?

Das machen Prominente wunderbar vor – mit Filmen wie Leonardo DiCaprio und Robert Redford oder als Musiker wie Bono, Bruce Springsteen, Coldplay und Rea Garvey. Oder sie schreiben Bücher wie Jonathan Safran Foer und Richard David Precht. Sie nutzen ihre Popularität, ihre Kreativität und die Medien, um Umweltthemen zu pushen.

Das Artensterben erhält trotz aller Naturfilme eher wenig Medienaufmerksamkeit. Woran liegt das?

Es ist ein unbequemes Thema. Wenn Eisbären, Delfine, Gorillas oder Orang-Utans aussterben, hat das mit unserem Konsumverhalten zu tun, und das will keiner hören, weil man dann ja etwas ändern müsste.

Sich für Elefanten und Tiger einzusetzen ist vielleicht noch einfach zu vermitteln. Aber es sterben ja nicht nur die großen Säugetiere, sondern auch viele Insekten und Tiere, die mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen sind. Die vermisst erstmal keiner. Welche Folgen hat das Verschwinden dieser Mikro-Tierwelt?

Dieselbe wie bei den großen Säugetieren. Jede Spezies hat eine biologische Aufgabe, und jede aussterbende Spezies stört das ökologische Gleichgewicht. Das beste Beispiel scheinen mir gerade die Bienen zu sein. Ihre Bestände gehen dramatisch zurück, aber was machen wir ohne die Bestäubung von Obst und Gemüse?

BildBiodiversität ist das Netz, das uns trägt. Auch dort, wo wir es nicht sehen. (Foto: Pavel Kirillov/​Flickr; Porträtfoto Hannes Jaenicke: Marco Justus Schöler)

Was halten Sie von dem Begriff Anthropozän für ein neues, vom Menschen geprägtes Erdzeitalter?

Der Begriff ist wissenschaftlich durchaus von Bedeutung, aber als Vokabel ähnlich unsexy und abstrakt wie das Wort Nachhaltigkeit.

Kann dieser Begriff etwas im Bewusstsein der Menschen ändern?

Das sollte er dringend, wenn er nur leichter zu buchstabieren und zu verstehen wäre. Ich übersetze ihn immer mit "fatale menschengemachte Nestbeschmutzung".

Wie können die sozialen Bedürfnisse einer wachsenden Erdbevölkerung mit dem Schutz der Arten zusammen gedacht werden? Gibt es genug Platz für alle?

Laut einer FAO-Studie produzieren wir heute Nahrungsmittel für etwa zwölf Milliarden Menschen. Wir sind aber derzeit "nur" knapp 7,4 Milliarden. Wir haben also ein gewaltiges Verteilungsproblem. Außerdem ist nachgewiesen, dass hohe Geburtenraten drastisch sinken, wenn das Bildungsniveau steigt. Insofern bin ich theoretisch optimistisch, dass die globalen Probleme mit den Ressourcen und der Ernährung lösbar sind.

Das Interview erschien im Magazin movum – Briefe zur Transformation, einer Schwesterpublikation von klimaretter.info

Interview: Susanne Götze

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