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Alte Wälder trotzen dem Klimawandel

Je älter ein Wald ist und je artenreicher, desto widerstandsfähiger ist er gegenüber Klimaschwankungen, zeigt eine neue Studie. Das könnte eine Debatte entfachen, ob wir uns stärker auf den Schutz der noch stehenden Wälder konzentrieren sollten, statt auf Aufforstung zu setzen.

Von Benjamin von Brackel

In der Mitte Deutschlands erobert sich die Natur Stück für Stück ihre Räume zurück. Buchen, Eschen und Ahorne sind sich seit fast 20 Jahren selbst überlassen im Thüringer Nationalpark Hainich, dem größten zusammenhängenden ungenutzten Laubwald des Landes.

BildDer Nationalpark Hainich ist das größte zusammenhängende ungenutzte Laubwaldgebiet im Land. (Fotos: Universität Göttingen)

Dem Wald mit seinen bis zu 250 Jahre alten Bäumen kommt aber noch eine weitere Bedeutung zu: Er arbeitet dem Klimawandel entgegen. Und zwar deutlich stärker als junge Wälder. Das hat eine internationale Forschergruppe unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie in Jena herausgefunden. Je älter die Waldbestände waren und je größer deren Artenvielfalt, desto konstanter und stabiler konnten sie auch Kohlendioxid aufnehmen, schreiben die Wissenschaftler in einer Studie, die im Fachmagazin Nature Ecology & Evolution veröffentlicht wurde.

Die Forscher haben dafür 50 verschiedene Waldgebiete verglichen – junge und alte, naturnahe und bewirtschaftete. Sie erstrecken sich vor allem in Nordamerika und Europa. Eines liegt im Thüringer Hainich. In dem Wald erhebt sich ein Turm über den Wipfeln, der ein bisschen so aussieht wie ein vergessenes Baugerüst. Von oben erblickt man, so weit das Auge reicht, nur Grün. "Hier messen wir den Atem des Waldes", sagt Alexander Knohl, Bioklimatologe von der Universität Göttingen.

Ältere Wälder sind besser durchwurzelt

Es gab Zeiten, da kam Knohl jede Woche hierher. Als damaliger Doktorand hat er den Turm mitaufgebaut. Darin angebracht sind unter anderem Infrarot-Gasanalysatoren und Ultraschall-Windsensoren. 20 mal pro Sekunde wird die Konzentration des Kohlendioxids und die Windgeschwindigkeit gemessen, woraus die Forscher dann berechnen, wie viel CO2 das gesamte Ökosystem tagsüber aufnimmt und nachts abgibt und wie sehr dieser Austausch schwankt – etwa durch Hitzewellen und Stürme.

All die Daten zu den CO2-Flüssen, der Artenvielfalt, dem Alter der Bäume und dem Wetter speisten die Forscher in statistische Modelle ein. Das Ergebnis: Besonders die Betagteren unter den Bäumen zeigten sich gut gegen Klimaschwankungen gewappnet. Die jüngeren Wälder hingegen waren anfällig und reagierten sensibel.

BildÜber den Wipfeln des Hainich thront der Messturm, mit dem die CO2-Speicherfähigkeit der Bäume gemessen wird.

Warum das so ist, haben die Forscher zwar nicht untersucht. Aber einige Gründe liegen auf der Hand: Die alten Wälder sind besser "durchwurzelt", können also tiefer liegendes Wasser erreichen, besser die Nährstoffe verteilen, Wasser speichern und eine dickere Humusschicht aufbauen. Wälder können Klimaschwankungen vor allem dann gut aushalten, wenn sie artenreich sind, fanden die Wissenschaftler heraus. Auch das fördere die effiziente Nutzung von Nährstoffen und Wasser.

Allerdings ist hier noch nicht das letzte Wort gesprochen. "Ist wirklich der Artenreichtum das Entscheidende?", fragt Knohl. "Oder nicht eher der Strukturreichtum?" Denn etwa in den alten Buchenmischwäldern wie dem Hainich würden sich langfristig die Buchen durchsetzen. Das heißt aber nicht, dass diese Wälder weniger komplex wären.

Alte Wälder halten dem Klimawandel stand – auch uralte?

Wälder helfen weltweit, dem Klimawandel entgegenzuwirken, indem sie Kohlendioxid durch Photosynthese aufnehmen und Biomasse bilden. Umstritten war aber seit Langem, wie stabil diese Aufnahme ist und wie stark sie durch Klimaschwankungen von Jahr zu Jahr variiert. Auch für die Genauigkeit der Klimamodelle war diese Wissenslücke ein Problem. Um Klimaschutz betreiben zu können, müsste man wissen, wie sich Wälder verhalten.

Die Forscher um Talie Musavi vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie konnten diese Frage nun – zumindest teilweise – beantworten. Möglich macht das ein Datennetzwerk namens Fluxnet. Das sammelt die Daten aus 500 Messstationen weltweit. Die 50 längsten Zeitreihen wurden nun für die Studie berücksichtigt, etwa aus dem Hainich mit seinen Messungen seit 17 Jahren.

Aus ihren Ergebnissen schließen die Forscher, dass alte Wälder, die 15 Prozent der Erdoberfläche abdecken, mehr Wertschätzung erhalten sollten. "Generell sollten wir den Fokus darauf legen, die älteren Wälder zu erhalten, um die Anfälligkeit für Klimaschwankungen zu minimieren", sagt Musavis Kollege Mirco Migliavacca.

BildDer Messturm im Nationalpark Hainich. (Fotos: Universität Göttingen)

Allerdings gibt es auch Einschränkungen. Noch wisse man etwa nicht, ob Wälder irgendwann eine Altersgrenze erreichen, ab der sie vielleicht doch wieder anfälliger gegenüber Klimaschwankungen werden, gibt Alexander Knohl zu bedenken. Buchenmischwälder wie der Hainich, dessen Bäume im Schnitt 120 Jahre alt sind, können darüber noch keine abschließende Auskunft geben.

Außerdem müssen Wälder noch ganz andere Aufgaben erfüllen neben dem Speichern von Kohlendioxid – etwa für die Erholung oder die Forstwirtschaft. Wenn alte Wälder komplett geschützt sind und andere deshalb um so intensiver bewirtschaftet werden, könnte der Schaden am Ende größer sein, sagt Knohl. "Als Gesellschaft müssen wir abwägen, welcher Service wo besonders wichtig ist."

[Erklärung]  
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