Besseres Klima nur für Premiumfahrer

Der Autokonzern Daimler stattet Oberklassen-Modelle jetzt mit dem unbrennbaren Kältemittel CO2 aus. Umweltschützer loben den Schritt, verlangen aber eine schnellere Einführung in allen Pkw des Konzerns – und vor allem von den anderen Autobauern, ebenfalls auf CO2 umzustellen.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Zumindest hier hat ein hiesiger Autobauer die Nase vorn: Daimler verkauft als erster Autokonzern Serien-Pkw mit Klimaanlagen, die mit dem nicht brennbaren Kältemittel Kohlendioxid arbeiten. Damit wird eine Alternative zu dem umstrittenen Kältemittel R1234yf der US-Chemieunternehmen Honeywell und Dupont etabliert, das bei Motorbränden hochgiftige Chemikalien freisetzen kann.

BildAuch die Deutsche Umwelthilfe führte Brandtests zur Gefährdung durch Kältemittel in den Autoklimaanlagen durch. (Foto: DUH)

Standard ist die CO2-Anlage bisher allerdings nur in der teuren S-Klasse, für ein weiteres Modell, die E-Klasse, soll sie ab Mitte 2017 als Sonderausstattung zu haben sein. Umweltschützer loben Daimler für den Schritt, halten aber eine schnellere Einführung in allen Pkw des Konzerns für nötig und fordern vor allem die anderen Autobauer auf, ebenfalls auf CO2 umzustellen.

Auslöser für die Neuentwicklung waren Crash-Simulationen, die Daimler im Herbst 2012 durchführte. Bei zehn von 14 Unfallszenarien kam es dabei zu Bränden, nachdem R1234yf in den heißen Motorraum geströmt war. In der Folge entstand Flusssäure, eine stark ätzende Substanz, die für Fahrzeuginsassen und Ersthelfer gefährlich werden kann. Der Autobauer entschied wegen dieses Risikos, die CO2-haltige Alternative zu entwickeln. Daimler hat dafür einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag investiert.

Die Hersteller Honeywell und Dupont indes halten ihr Produkt, das inzwischen von allen Autobauern in Neuwagen eingesetzt wird, für ungefährlich. Das Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission urteilte 2014 in einem Bericht zum R1234yf-Einsatz , unter "normalen und vorhersehbaren Verwendungsbedingungen" gebe es keine Hinweise auf ernsthafte Risiken.

Für Laien ist der Unterschied zu herkömmlichen Klimaanlagen im Motorraum der Daimler-S-Klasse nicht erkennbar. Tatsächlich handelt es sich aber um komplett neu konzipierte Systeme. Die CO2-Anlagen arbeiten mit einem zehnfach höheren Druck, und da die Moleküle des Gases kleiner als die der herkömmlichen Kältemittel sind, müssen die Systeme auch dichter sein.

Weiterer Grund für die Umstellung auf neue Kältemittel ist eine EU-Vorschrift, wonach ab 2017 klimaschädliche Chemikalien aus Neuwagen verbannt werden. Das bisher zuvor standardmäßig eingesetzte Kältemittel R134a trägt stark zum Treibhauseffekt bei, wenn es durch Leckagen, etwa bei Defekten oder Unfällen, in die Atmosphäre gelangt. Die von Honeywell und Dupont daraufhin entwickelte Chemikalie R1234yf hat für die Autobauer den Vorteil, dass sie praktisch ohne Umbauten in den herkömmlichen Klimaanlagen genutzt werden kann. Die beiden Konzerne besitzen für dieses Kältemittel ein weltweites Monopol.

Flottenweiter Einsatz ab 2017 nicht vorgesehen

Daimler sieht sich als "Vorreiter" für die alternative Technologie, die dank schnell verfügbarer und hoher Kälteleistung auch komfortabler sei. Selbst bei sehr heißen Außentemperaturen sorgten die CO2-Anlagen "in kurzer Zeit für ein Wohlfühlklima",heißt es im Werbedeutsch – allerdings eben nur in den Topmodellen.

Ein flottenweiter Einsatz sei bis zum Stichtag 1. Januar 2017 "nicht darstellbar", heißt es. In den anderen Modellen nutzt Daimler nun also die umstrittene Chemikalie, allerdings in, so der Konzern, "sicheren Lösungen". In einigen Typen wurden Kältemittelleitungen anders verlegt oder besser ummantelt, teilweise baut Daimler auch eine sogenannte Inertisierungsanlage in den Motorraum ein, die heiße Bauteile kühlt und Brände durch Versprühen des Edelgases Argon verhindert.

Daimler-Sprecher Jörg Howe sagte auf Anfrage, es sei nicht ungewöhnlich, innovative Technologien zuerst in den Topmodellen einzusetzen. Die Produktion der neuen Klimaanlage würde langsam hochgefahren, um eine hohe Qualität zu gewährleisten. Nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sei es zudem wünschenswert, dass auch andere Autobauer nachziehen. "Bisher gibt es noch keine Signale in diese Richtung", sagte Howe.

Auch die anderen deutschen Autokonzerne VW und BMW favorisierten nach Daimlers Brandtests den Umstieg auf CO2-Kühlung, haben seither aber keine konkreten Schritte dazu unternommen. Nach Angaben von Experten könnten CO2-Anlagen grundsätzlich zu ähnlichen Kosten wie herkömmliche Aggregate gebaut werden.

BildVorhandene Fahrzeuge werden nicht umgerüstet – bis die ganze Flotte auf CO2-Kühlung umgestellt ist, wird es Jahre dauern. (Foto: Santiago Engelhardt/Greenpeace)

Umweltexperten wie der frühere Leiter des Verkehrsbereichs im Umweltbundesamt, Axel Friedrich, und Wolfgang Lohbeck von Greenpeace begrüßen Daimlers Vorstoß. Lohbeck bezeichnet die Entwicklung als "Quantensprung" in der Klimatechnologie. Er sieht diese Entwicklung sogar als Kandidaten für den Deutschen Umweltpreis, der von der Bundessstiftung Umwelt (DBU) vergeben wird. "Es ist erwiesen: Alle Autobauer können nun auf ein völlig ungefährliches und klimaneutrales Kältemittel umsteigen, zumal Daimler die Standards für die CO2-Anlagen zusammen mit den anderen deutschen Herstellern und Zulieferern entwickelt hat", sagte er. Aber auch der Stuttgarter Konzern müsse offensiver vorgehen und seine Modelle schneller umstellen. Da gebe es bestimmt noch Spielraum.

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