Klima-Wunderwaffe: Nasse Torfböden

Bei Klimaplänen wird um jede Tonne CO2 gefeilscht. Dabei wurden allein in Deutschland 43 Millionen Tonnen übersehen, die sich schnell einsparen lassen: die Emissionen aus trockengelegten Moorböden. Die Moore muss man nur wiedervernässen. Auch die UNO entdeckt nun die Wunderwaffe gegen den Klimawandel. 

Aus Marrakesch Christian Mihatsch

Wälder sind wichtig für den Klimaschutz. Klar, denn sie binden CO2. Aber es gibt noch einen viel größeren Kohlenstoffspeicher: Torfböden. Die bedecken zwar nur drei Prozent der Landfläche der Erde, speichern aber doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt, die 30 Prozent der Landfläche bedecken.

BildTorfmoor in Ostwestfalen: Intakte Moorlandschaften sind gut fürs Klima. (Foto: Corradox/Wikimedia Commons)

Doch diese Boden-Speicherung funktioniert nur, solange der Torf unter Wasser steht. Legt man die Torfböden trocken, werden sie zu einer Quelle von Treibhausgasen wie Lachgas und Kohlendioxid. Entwässerte Torfböden sind derzeit für rund fünf Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Das ist mehr, als durch Luft- und Schifffahrt verursacht werden.

Doch diese Emissionen werden nicht mal vom Weltklimarat IPCC gemessen. Sie sind meist auch nicht Teil der Klimapläne der Länder und es gab bis vor Kurzem niemanden, der sich um diese Emissionen gekümmert hat. Dabei lassen sich hier schnell und billig große Mengen an Treibhausgasemissionen vermeiden. "Es gibt wohl keine billigere Maßnahme", sagt Erik Solheim, der Chef des UN-Umweltprogramms Unep.

Im März dieses Jahres ist dies dann auch einigen UN- und Umweltorganisationen sowie mehreren Ländern wie Deutschland aufgefallen. Diese gründeten daraufhin die Global Peatland Initiative (GPI). Die GPI hat weder ein Sekretariat noch eine Leitung, sondern ist ein "loses Kollektiv", wie die Trockengebiets-Expertin Jaime Webbe vom Unep sagt. "Ich habe so etwas noch nie erlebt. Wir haben keine formelle Struktur, nicht einmal für die Verteilung von Fördermitteln, aber es funktioniert."

"Wir schlagen drei Fliegen mit einer Klappe"

Bis Mitte nächsten Jahres wollen die GPI-Mitglieder eine Bestandsaufnahme der Torfflächen auf der Welt abschließen. Anschließend wollen sie sich mit deren Schutz befassen. Erleichtert wird dies durch den Umstand, dass sich der größte Teil der Emissionen aus Torfböden auf wenige Länder konzentriert. Genauer gesagt: Indonesien und die EU sind für 70 Prozent dieser Emissionen verantwortlich. Die nächstkleineren Emittenten sind Russland, China und die Mongolei.

Erleichtert wird die Reduktion der Torf-Emissionen, weil diese mit einem einfachen Mittel gestoppt werden können. Man muss die Torfböden nur wieder unter Wasser setzen. Die sogenannte Wiedervernässung beendet die Emissionen quasi sofort. Die Flutung habe zudem zwei weitere Vorteile, sagt Solheim: Zum einen könne sich die einzigartige Artenvielfalt dieser Sumpflandschaften wieder erholen und zum anderen würden Torffeuer verhindert.

Die großen Torffeuer im vergangenen Jahr in Indonesien haben zum Tod von über 100.000 Menschen geführt und Schäden von über 16 Milliarden Dollar verursacht. Das ist mehr als das Doppelte der Kosten für den Tsunami 2004 in der indonesischen Provinz Aceh. Der Schutz von Torfböden ermögliche es daher, "drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen", freut sich Solheim.

Moor-Klimaschutz in Deutschland: Fehlanzeige

Europa verfügt ebenfalls über ein großes Potenzial, um die Emissionen aus Torfböden zu reduzieren. Finnland, Schweden, Deutschland und Polen machen rund die Hälfte der EU-Emissionen aus. In Deutschland entströmen trockengelegten Torfböden jedes Jahr Treibhausgase im Gegenwert von 43 Millionen Tonnen CO2. Würde man diese Emissionen stoppen, hätte dies den gleichen Effekt wie die Stilllegung von mehr als einem Viertel aller Fahrzeuge in Deutschland.

Der soeben veröffentlichte deutsche Klimaschutzplan 2050 legt seine Priorität aber auf Wälder, weil "nachhaltige Waldbewirtschaftung ein geeignetes und kostengünstiges Mittel zur Reduzierung des Treibhausgasausstoßes" sei. Für den Schutz der Moorböden scheint das nicht zu gelten. Hier will der Klimaplan sich mit dem Aufhalten der Zerstörung Zeit lassen: "Als Schutz von Moorböden sollte der Torfabbau schrittweise reduziert und perspektivisch eingestellt werden."

BildAngepasste Technik ermöglicht auch die Bewirtschaftung nasser Moorstandorte: "Paludiraupe" der Uni Greifswald bei der Ernte. (Foto: paludiculture.uni-greifswald.de

Und auch bei der Nutzung von Torfböden als Agrarland sieht der Plan keinen Grund zur Eile: "Bis zum Jahr 2030 müssen erste Fortschritte erzielt sein, um der starken Emission der organischen Böden auf trockengelegten Moorstandorten entgegenzuwirken." Dieser Mangel an Dringlichkeit lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Der deutsche Sumpf braucht eine Lobby!


Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko

finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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