Anzeige

Steuern sollen Rohstoffverbrauch senken

Der Ressourcenhunger der Deutschen liegt weit über dem Weltdurchschnitt: Statistisch verbraucht jeder hierzulande 44 Kilogramm Rohstoffe am Tag, zeigt der erste nationale Ressourcenbericht. Vergünstigungen für effiziente Produkte und auch der Ausstieg aus der Kohle würden den Rohstofffraß deutlich begrenzen und die Erderwärmung weniger anheizen.

Aus Berlin Sandra Kirchner

Der Ressourcenverbrauch in Deutschland ist gewaltig: Jedes Jahr verbraucht jeder Einzelne mehr als 16 Tonnen Metall, Beton, Holz und andere Rohstoffe. Eine Größenordnung, die auch die Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA) Maria Krautzberger zum Staunen bringt.

BildHaselnussaufstrich auf dem Brot, Palmöl im Shampoo – für den täglichen Konsum in der sogenannten Ersten Welt wird in Indonesien der Regenwald abgeholzt. (Foto: Wakx/Aidenvironment/Flickr)

"Noch immer stolpere ich über diese Zahl. Das sind täglich 44 Kilogramm Rohstoffe, die jeder Deutsche konsumiert", sagt Krautzberger bei der Vorstellung des ersten nationalen Ressourcenberichts in Berlin. Damit liegt Deutschland weit über dem weltweiten Durchschnitt.

Und weil der überwiegende Teil der verbrauchten Rohstoffe nicht nachwächst, muss ihr Verbrauch deutlich sinken. Vor allem fossile Energieträger, Mineralien und Metallerze werden in erheblichen Mengen verbraucht. Dabei kommen 70 Prozent der verbrauchten Ressourcen aus dem Ausland und müssen importiert werden. "Mit unserem Konsum beuten wir die Rohstoffe anderer Länder aus und exportieren die damit verbundenen Umweltschäden", sagt Krautzberger. 

Ein Beispiel aus dem Alltag hat die UBA-Präsidentin auch parat: "Der Haselnuss-Aufstrich, den so mancher auf sein Frühstücksbrötchen schmiert, enthält allenfalls entrahmte Milch aus Deutschland", sagt Krautzberger. Alle anderen Zutaten werden eingeführt: Haselnüsse aus der Türkei, Palmöl aus Malaysia, Zucker aus Brasilien, Vanille aus China.

Ressourceneffizienz soll sich lohnen

Um den Rohstofffraß zu begrenzen, sollen die Quoten für Recycling erhöht beziehungsweise erst einmal welche eingeführt werden, fordert das UBA. Nicht nur bei Alltagsprodukten ist Wiederverwertung das Ziel, auch bei neuen Bauten sollen künftig mehr Steine und Beton aus abgerissenen Häusern verwendet werden. So könnte der Einsatz von altem Beton den Kiesverbrauch hierzulande um 45 Prozent senken. Doch Recyclingbeton ist noch zu teuer, um häufig zum Einsatz zu kommen.

Beim Erweiterungsbau am Amtssitz in Dessau hat die UBA-Chefin nun auf die Verwendung des Sekundärbaustoffs gedrängt – gegen den Widerstand der ausführenden Baufirma, die sich nur schwer vom Recyclingbeton überzeugen ließ. "Das war kein einfacher Weg, obwohl der Einsatz so naheliegend ist", sagt Krautzberger.

Eine weitere Ursache des hohen Verbrauchs: Die Preise bilden die tatsächlichen Kosten nicht adäquat ab. Damit sich das ändert, schlägt das Umweltbundesamt vor, ressourceneffiziente Produkte billiger zu machen und mit einem geringeren Mehrwertsteuersatz zu versehen. "Was Rohstoffe spart, sollte für die Verbraucher billiger sein", sagt die Präsidentin der Umweltbehörde, die Bundesfinanzminister Schäuble (CDU) davon überzeugen will, dass das ein geeigneter Ansatz für den Industriestandort Deutschland ist. "Denkbar wäre, dass für einen ressourceneffizienten Fernseher nur sieben statt 19 Prozent Mehrwertsteuer anfallen." Das soll diese Produkte für Verbraucher attraktiver machen.

Um die Effizienz der verwendeten Rohstoffe zu erhöhen, sollen Produkte länger im Einsatz bleiben. Häufig werden kaputte Geräte einfach ausgetauscht und auf den Müll geworfen – anstatt sie zu reparieren. Was oft auch schwer ist, da etliche Produkte inzwischen so designt und konstruiert sind, dass sie eine geringe Gebrauchsdauer aufweisen und eine Reparatur unsinnig oder gar nicht möglich ist.

Effizientere Produkte reichen nicht aus

Deshalb sollen nach dem Willen des UBA auch Reparaturen steuerlich bevorteilt werden. In Schweden gibt es bereits Erfahrungen damit. Dort gilt ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz für Reparaturkosten. Auch die Ökodesign-Richtlinie müsse Reparaturen mehr fördern, fordert die Behörde.

Allein auf die Vernunft der Verbraucher will das UBA aber nicht setzen. Ein Ressourcenschutzgesetz soll die relevanten Rechtsbereiche wie Bergbaurecht, Raumordnungs- oder Baurecht bündeln und die Regeln zum Schutz von Rohstoffen konkretisieren.

Der Gr0ßteil der vom UBA vorgeschlagenen Maßnahmen will die Effizienz der eingesetzten Ressourcen erhöhen, doch das allein wird kaum reichen. Zwar sinkt der Rohstoffverbrauch der Deutschen kontinuierlich, doch nicht schnell genug, um Umweltverträglichkeit zu erreichen. Zur Jahrtausendwende lag der absolute Rohstoffkonsum Deutschlands bei 1,53 Milliarden Tonnen, bis 2011 sank er um rund 15 Prozent auf 1,3 Milliarden Tonnen. Bis 2030 soll der Rohstoffverbrauch bezogen auf die Produktivität um 40 bis 60 Prozent sinken.

Aus Sicht von Umweltschützern ist selbst das noch deutlich zu viel. Dem Umweltverband BUND zufolge müsste der weltweite Ressourcenverbrauch bis 2050 auf die Hälfte des Stands von 2000 reduziert werden, um einen nachhaltigen Zustand zu erreichen. Das käme einer Begrenzung des Rohstoffverbrauchs auf maximal drei Tonnen pro Jahr und Person gleich – aus heutiger Sicht nahezu unvorstellbar. Dafür müsste der Konsum begrenzt und Suffizienzpolitik betrieben werden, und zwar mit Nachdruck. "Das ist schwieriger zu adressieren", gibt Krautzberger zu.

BildMehr, mehr, mehr: Nicht nur beim Betoneinsatz ein fragwürdiges Prinzip. (Foto: Susanne Götze)

Dabei könnte ein geringerer Ressourceneinsatz auch die Erderwärmung begrenzen. "Jede Tonne Kupfer, die wir recyceln, statt sie neu der Erde zu entreißen, spart auch die Hälfte an Prozessenergie", sagt Krautzberger. Bei fossilen Brennstoffen ist der Zusammenhang zwischen Rohstoffeinsatz und Klimaschutz sogar besonders stark: Ohne Kohle würde der Rohstoffbedarf Deutschlands um 15 Prozent sinken.

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen