Rekordsommer: "Jeder muss vorsorgen"

2016 ist der weltweit heißeste Sommer seit 1880. Auch wenn die vergangenen Monate in Deutschland eher im Durchschnitt lagen, durchbrachen "hochdramatische Wetterlagen" und lokale Anomalien wie Tornados diese Normalität. Der Deutsche Wetterdienst warnt, dass sich Extremwetter in Zukunft häufen, und fordert die Bürger auf, sich selbst zu schützen. 

Aus Berlin Susanne Götze 

Am 30. Mai dieses Jahres herrscht im baden-württembergischen Braunsbach der Ausnahmezustand. Die beiden Bäche des Ortes haben sich in einen schlammigen Strom verwandelt, der Autos, Schutt und Geröll in atemberaubender Geschwindigkeit mit sich reißt. Innerhalb von 24 Stunden regnet es in dem Ort mehr als 120 Liter pro Quadratmeter. Schuld ist das Tiefdruckgebiet "Elvira", das stabil über sieben Tage hinweg Regen über Süddeutschland bringt.

BildÜber Wochen Temperaturen um die 30 Grad in Mitteleuropa, und das im September – ein klares Wetterextrem. (Foto: Muns/Wikimedia Commons)

In der Rückschau ist Braunsbach nur eines von mehreren Extremwetter-Ereignissen, die der Deutsche Wetterdienst (DWD) über den Sommer beobachtet hat. "Wir hatten es in den letzten Monaten mit hochdramatischen und außergewöhnlichen Wetterlagen zu tun", erklärt DWD-Vizepräsident Paul Becker am Montagmorgen in Berlin. "Und wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass diese Extremwetter nun häufiger auftreten." Diese Folgen des Klimawandels könnten nicht länger ignoriert werden. "Jeder ist für die Anpassung an die neuen Wetterrisiken mitverantwortlich", so Becker.

Demnach bekommen nicht nur Kleinbauern in Afrika oder die Eisberge der Arktis, sondern auch deutsche Städte und Gemeinden nun unmittelbar die dramatischen Folgen der Klimaveränderung zu spüren. So gab es auch diesen Sommer wieder Rekordwerte: Laut DWD waren die Monate Mai bis August weltweit die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880. Als Rekordjahr bei der globalen Durchschnittstemperatur wird 2015 voraussichtlich durch 2016 getoppt werden. Zwar sei der deutsche Sommer eher ein "Durchschnittssommer" gewesen, doch hätten Extremwetter wie in Braunsbach oder das Auftreten eines Tornados in Hamburg diese Normalität durchbrochen.

"Wetterextreme können überall auftreten"

Wetterexperte Becker warnt: "Wir müssen uns auf die Folgen einer wärmeren Welt einstellen – Ereignisse wie Starkregen können an jedem beliebigen Ort in Deutschland auftreten." Hausbesitzer müssten beispielsweise ihre Regenabflüsse überprüfen und Regenmulden anlegen. Alle Bürger seien aufgefordert, die Vorhersagen genau zu verfolgen und die Kellerfenster zu schließen, wenn es Regen geben soll, rät Becker. Klingt ein bisschen wie in einem Katastrophenfilm, wird aber laut Becker in den nächsten Jahren Teil des deutschen Alltags. "Wir brauchen eine neue Kultur."

Doch nicht nur die Bürger, auch die Kommunen müssen sich an die neuen Wetterrisiken anpassen. Gegen Hitze und Starkregen brauche es beispielsweise eine systematische Entsiegelung, ergänzt Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA). Nur so könnten die Temperaturen vor allem in den Städten gesenkt und Sturzfluten wie in Braunsbach verhindert werden. Bei Hochwasser oder Extremniederschlägen mit mehr als 100 Litern pro Quadratmeter helfen nur natürliche "Schwämme", also Freiflächen, die als Zwischenspeicher für die Wassermengen dienen, oder Sickerflächen wie Auenwälder, Wiesen oder Parks, so Krautzberger. Gegen Hitze empfiehlt das UBA auch begrünte Dächer, um die Temperaturen niedrig zu halten. 

Neue Betonwüsten statt Entsiegelung

Die Vorsorge ist eine gute Sache, die Realität in deutsche Kommunen eine andere. Eine Fläche von rund 88 Fußballfeldern wird in Deutschland täglich versiegelt. Das Ziel, diese Zahl bis 2020 auf die Hälfte zu reduzieren, wird sehr wahrscheinlich verfehlt. Die Bundesregierung gesteht sogar ein: "Auch bis zum Jahr 2025 würden sich bei einem Mittelwert von 63 Hektar pro Tag kaum weitere Reduktionen ergeben."

Grund dafür ist der Bodenhunger der Kommunen, aber auch wachsender Städte wie beispielsweise Berlin. Wassernahe Grundstücke zum Bauland zu erklären statt – wie vom UBA gefordert – es als "Schwammland" zu belassen, ist sehr viel einträglicher für die Gemeindekasse. Und in Berlin und anderen Städten schießen die Quadratmeterpreise gerade in die Höhe. Wer will da verzichten?

Gegen diese Fehlentwicklungen kommen auch die gut gemeinten Programme des Umweltbundesamtes nicht an. Leuchtturmprojekte wie eine schwimmende Wasserreinigungsanlage in Berlin oder die ökologische Umleitung von Bach und Regenwasser in der westfälischen Kleinstadt Kamen kosten Geld und brauchen politischen Willen. Viele Kommunen Deutschlands sind finanziell klamm und haben löchrige Straßen – dort gelten oft andere Prioritäten.

Die UBA-Präsidentin hofft auf das wachsende Bewusstsein der Bürger für die Folgen des Klimawandels. Und DWD-Vize Becker argumentiert: "Allein die Tiefwetterfront 'Elvira' verursachte Schäden von über einer Milliarde Euro – das Geld wäre besser in Vorsorgemaßnahmen aufgehoben." Die potenziellen Verluste sollen also in konkrete Prävention fließen.

BildDie Fluten kamen so schnell, dass die Einwohner meist nur ihr nacktes Leben retten konnten: Braunsbach bei Schwäbisch Hall nach dem Unwetter. (Foto: Michael Matthes/THW)

Fakt ist: Die Kommunen müssen das Problem erstmal selbst anpacken. Weder vom Land noch vom Bund gibt es bisher Programme, um die Gemeinden mit baulichen Projekten auf die Herausforderung der Klimaanpassung vorzubereiten. Das bedeutet für die Bürger, dass sich jeder zunächst um seinen Regenabfluss und sein Kellerfenster selbst kümmern muss. "Ein hundertprozentiger Schutz ist ohnehin nicht zu schaffen", räumt Becker ein. 

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