Anzeige

Weltnaturschutz sucht Investoren

Die Belastung der Ökosysteme nimmt weltweit zu, trotz Ausweitung der Schutzgebiete. Eine neue Koalition will nun einen Markt für Privatinvestitionen in Naturschutzprojekte schaffen. Ein entscheidendes, bisher kaum erkanntes Problem lässt sich so aber nicht lösen.

Aus Chiang Mai (Thailand) Christian Mihatsch

Die Welt ist auf gutem Weg, ihre Ziele bei der Ausweisung von Naturschutzgebieten an Land und in den Meeren zu erreichen. Das zeigt ein neuer Bericht der Weltnaturschutzunion IUCN, der bei ihrer morgen zu Ende gehenden Konferenz auf Hawaii vorgestellt wurde. 15 Prozent der Landfläche (ohne Antarktis), zehn Prozent der Territorialgewässer und vier Prozent der Hochsee stehen mittlerweile unter Schutz. Damit sind die Schutzziele für das Jahr 2020 in Griffweite oder bereits erreicht. In vier Jahren sollen dann 17 Prozent der Landfläche und zehn Prozent der Küstengewässer unter Schutz stehen.

BildÖstlicher Flachlandgorilla im kongolesischen Nationalpark Kahuzi-Biéga: Die "Silberrücken" sind zurzeit noch die größten lebenden Primaten. (Foto: Rick Murphy/​National Primate Research Center/​University of Wisconsin/​Wikimedia Commons)

Fortschritte gab es vor allem beim Meeresschutz: In den letzten zehn Jahren vergrößerte sich die Fläche der Schutzgebiete auf mehr als das Vierfache. Kurz vor Beginn der IUCN-Konferenz hatte US-Präsident Barack Obama die Fläche eines bestehenden Schutzgebiets vor Hawaii vervierfacht und damit das größte Meeresschutzgebiet der Welt geschaffen. Das Reservat Papahānaumokuākea ist mit 1,5 Millionen Quadratkilometern nun mehr als viermal so groß wie Deutschland.

Probleme bereitet aber noch die Qualität des Managements dieser Schutzgebiete, sagt Erik Solheim, der neue Chef des UN-Umweltprogramms Unep. "Die riesigen Fortschritte im letzten Jahrzehnt hinsichtlich der Zahl und Größe der Schutzgebiete müssen nun durch Verbesserungen der Qualität ergänzt werden." Dass die Probleme beim Artenschutz allein durch Schutzgebiete nicht zu lösen sind, zeigt denn auch die "Rote Liste gefährdeter Arten", die ebenfalls von der IUCN geführt wird. Von den untersuchten Tier- und Pflanzenarten ist knapp ein Drittel "gefährdet".

Besonders schlecht steht es um die Gorillas in Ostafrika. Die Zahl der frei lebenden Östlichen Gorillas hat in den letzten 20 Jahren um 70 Prozent abgenommen. "Zu sehen, wie der Östliche Gorilla – einer unseren nächsten Verwandten – in Richtung Aussterben schlittert, ist wahrlich verstörend", sagte IUCN-Chefin Inger Andersen. Es gibt aber auch gute Nachrichten: So haben sich die Panda-Bestände verbessert und auf Hawaii wurden zwei Pflanzenarten wiederentdeckt, die bereits als ausgestorben galten.

Aufforstung soll riesige Mengen CO2 binden

Fortschritte macht auch die "Bonn Challenge". Dieses Programm hat zum Ziel, 1,5 Millionen Quadratkilometer Wald bis zum Jahr 2020 und 3,5 Millionen Quadratkilometer bis 2030 wiederherzustellen. Mittlerweile haben 36 Länder Zusagen zur Aufforstung von 113 Millionen Hektar gemacht und das 2020er Ziel ist ebenfalls in Griffweite.

Der deutschen Umweltstaatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter reicht das aber noch nicht: "Wir müssen ein Jahrhundert der Wiederaufforstung und des Waldschutzes lancieren." Dies zahle sich auch finanziell aus. Werde das 2030er Ziel erreicht, habe das einen Nutzen von 170 Milliarden US-Dollar pro Jahr durch den Schutz von Wassereinzugsgebieten und höhere Erträge aus der Land- und Forstwirtschaft. Zudem würden jährlich 1,7 Milliarden Tonnen CO2 gebunden. Das entspricht dem Doppelten der Emissionen von ganz Deutschland.

Koalition will Naturschutz für Großbanken interessant machen

Das sich Naturschutz oft rechnet, ist nicht neu. Trotzdem besteht eine Finanzierungslücke von 200 bis 300 Milliarden Dollar pro Jahr. Einige große Naturschutzorganisationen wollen deshalb nun Projekte so strukturieren, dass sie auch für private Investoren attraktiv sind. Der neu geschaffenen "Koalition für private Investitionen in den Naturschutz" gehören unter anderem die IUCN, die US-Naturschutzorganisation The Nature Conservancy (TNC) und die Schweizer Großbank Crédit Suisse an.

TNC-Politikchefin Lynn Scarlett erläutert das Ziel der Koalition: "TNC hat bereits sechs Projekte mit einer Investionssumme von insgesamt 200 Millionen Dollar ermöglicht. Die neue Koalition wird uns dabei helfen, unsere größte Herausforderung zu meistern: den Mangel an Projekten in der Pipeline. Wir haben Erfolg, wenn die großen Banken so viele Optionen haben, dass sie wählen können, wo ihre Investition die größte Wirkung hat."

Dem pflichtet John Tobin-de la Puente von der Cornell-Universität in New York bei: "Im Moment liegt die Entwicklung eines Markts für Naturschutzinvestitionen rund zehn Jahre hinter dem Markt für Investionen in Erneuerbare. Wir haben daher die Chance, einen nagelneuen Markt zu entwickeln", so der frühere Crédit-Suisse-Manager. Diese Chance sieht auch Fabian Huwyler von der Crédit Suisse: "Der Finanzsektor ist sich zunehmend bewusst, dass Investitionen in die Natur Gewinne für die Umwelt und die Wirtschaft generieren können."

Klimawandel in den Meeren übersehen

Ein Problem lässt sich aber selbst mithilfe der Großbanken nicht lösen: die Erwärmung der Meere und der Verlust von Korallenriffen. Die Meere haben 93 Prozent der durch den Treibhauseffekt verursachten Erwärmung des Planeten absorbiert. Wäre die zusätzliche Wärmeenergie, die in den obersten zwei Kilometern der Ozeane in den Jahren 1955 bis 2010 gespeichert wurde, in den untersten zehn Kilometern der Atmosphäre gelandet, wäre das Klima heute um 36 Grad wärmer. "Abgelenkt vom Alltag an Land, hat die Welt übersehen, welche Wirkung der Klimawandel auf den größten Lebensraum des Planeten hat – die Ozeane", schreiben die Autoren einer neuen IUCN-Studie.

BildKorallen unter Druck: Eine ausgeblichene Koralle im Great Barrier Reef vor Australien, das Exemplar im Hintergrund ist noch intakt. (Foto: Acropora/Wikimedia Commons)

Vor diesem Hintergrund erscheinen die bisherigen Erfolge und die aktuellen Ziele denn auch zögerlich. Edward Wilson von der Harvard-Universität in den USA fordert deshalb mehr: "Der einzige Weg, um die Artenvielfalt zu retten und eine wirklich nachhaltige Welt zu schaffen, ist ein großer Sprung. Das Ziel sollte daher sein, die unter Naturschutz stehenden Gebiete auf die Hälfte der Landmasse und die Hälfte der Ozeane auszuweiten."

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen