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Spreewasser: Ocker ist nur ein Problem

Die Braunkohletagebaue in der Lausitz belasten die Spree mit Sulfat – so stark, dass Wasserwerke Probleme haben, die Grenzwerte einzuhalten. Der bundeseigene Bergbausanierer will erst helfen, wenn sie auch wirklich überschritten sind.

Aus Briesen (Mark) Friederike Meier

Der Sommer bereitet Gerd Weber Kopfzerbrechen. Der Geschäftsführer der Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft (FWA) ist für die Trinkwasserversorgung der Stadt Frankfurt (Oder) und ihrer Umgebung verantwortlich und er hat ein Problem. Das Wasser, das aus der Spree für das Wasserwerk Briesen entnommen wird, ist mit Sulfat belastet. Fällt weniger Regen, wie es der Sommer oftmals mit sich bringt, steigt die Sulfatkonzentration noch weiter, als sie es ohnehin schon tut.

BildKämpft mit den Braunkohle-Folgen im Osten Brandenburgs: Gerd Weber, "Trinkwasserchef" von Frankfurt (Oder), vor dem Wasserwerk Briesen. (Foto: Friederike Meier)

Sulfat ist natürlicherweise im Grundwasser, kommt aber auch durch menschliche Aktivität hinzu. Durch Düngemittel beispielsweise, aus Bauschutt und Bauwerken, durch Schwefelemissionen aus Verbrennungsanlagen. Die Sulfatmengen, die Weber Sorgen bereiten, stammen von den Braunkohletagebauen der Lausitz, die flussaufwärts an der Spree liegen.

Um die Braunkohle abzubauen, wird das Grundwasser um hunderte von Metern abgesenkt. Dadurch reagiert das Mineral Pyrit, das natürlicherweise im Untergrund vorkommt, mit Sauerstoff – es entstehen Sulfat und Eisenhydroxide. Diese Verbindungen werden entweder mit dem Sümpfungswasser – das Wasser, das aus aktiven Tagebauen abgepumpt wird – oder durch die Flutung alter Tagebaue freigesetzt.

Hohe Sulfatwerte besonders im Sommer

Die Eisenhydroxide färben die Gewässer braun und sind für die sogenannte Verockerung verantwortlich. Sie lagern sich auf dem Grund der Bäche und Flüsse ab und sind dann nicht mehr löslich. Das Sulfat hingegen bleibt löslich und ist unsichtbar. Das lässt es weniger bedrohlich erscheinen. "Wir kämpfen schon seit 2008 gegen das Sulfat, aber erst seit die Spree braun ist, finden wir Gehör", sagt Weber resigniert.

Das Wasserwerk Briesen hat ein besonderes Problem bei der Gewinnung von Trinkwasser: Weil im Untergrund eine Salzschicht liegt, kann nur eine begrenzte Menge an Grundwasser gewonnen werden. Deshalb wird im Wasserwerk Spreewasser mit Grundwasser gemischt und aufbereitet. Mehr als 6.000 Kubikmeter Grundwasser pro Tag kann das Wasserwerk nicht entnehmen. Besonders im Sommer ist das ein Problem. "Dann hat die Spree wenig Wasser und die Sulfatkonzentration ist hoch – und es wird auch noch besonders viel Wasser verbraucht", so Weber.

BildDas, was die Spree braun macht, ist das Eisenhydroxid. Es setzt sich auf dem Boden der Gewässer ab und tötet alles Leben dort. Hier in der Nähe des noch aktiven Tagebaus Welzow-Süd in der Lausitz. (Foto: Friederike Meier)

Auf 345 Milligramm Sulfat pro Liter Spreewasser können die Werte im Sommer mittlerweile schon klettern. Im Jahr 2007 waren noch um die 200 Milligramm gemessen worden. Der Grenzwert für Trinkwasser liegt bei 250 Milligramm. Wenn der überschritten wird, muss das Wasserwerk mit mehr Grundwasser verdünnen. Bisher hat das immer noch gerade so geklappt – steigen die Sulfatwerte weiter, könnte es aber knapp werden.

Wie sich Sulfat im Trinkwasser langfristig auf die menschliche Gesundheit auswirkt, ist wenig erforscht. Laut einer Studie des Instituts für Gewässer und Binnenfischerei gibt es bisher kaum systematische Untersuchungen dazu. Sehr hohe Konzentrationen von über 600 Milligramm pro Liter sollen zu Durchfall führen – vor allem Kinder sollen betroffen sein.

Sulfat ist unsichtbar und schwer zu entfernen

Bekannt ist hingegen, dass Sulfat in Konzentrationen über 200 Milligramm pro Liter Metall und Beton angreift – ein Problem für Brücken und Wasserleitungen. Weil es so gut löslich ist, kann Sulfat mit den herkömmlichen Verfahren zur Wasseraufbereitung nicht aus dem Wasser entfernt werden. "Mit einem Nanofilter oder einem Ionentauscher kann es gefiltert werden. Diese Verfahren sind aber aufwändig und teuer – und es entstehen Abfälle", erläutert Weber. Die FWA prüft deshalb Alternativen: ein altes Wasserwerk in der Stadt Müllrose könnte wieder in Betrieb genommen, neue Grundwasservorkommen könnten gesucht werden. Diese Maßnahmen würden jeweils 7,5 Millionen Euro kosten.

Weil die FWA diese Zusatzkosten nicht auf die Wasserkunden umlegen will, bittet sie die Verursacher zur Kasse: Laut einer Studie des Instituts für Boden und Wasser in Dresden kommen im sogenannten Südraum, dem Gebiet um Spremberg an der Grenze zu Sachsen, 63 Prozent des Sulfats aus den aktiven Tagebauen von Vattenfall, 17 Prozent aus nicht mehr aktiven Tagebauen, die von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) saniert werden. Von dem Sulfat, das im Nordraum dazukommt – allerdings mit 61.000 Tonnen pro Jahr nur ein Drittel der Mengen des Südraums – werden 27 Prozent von Vattenfall und 63 Prozent von den LMBV-Sanierungstagebauen verursacht.

Sanierer: "Grenzwerte werden nicht überschritten"

"Vattenfall ist bereit, Zahlungen zu leisten, nach ersten Gesprächen scheint es, als würde auch der neue Käufer in die Verpflichtungen eintreten", sagt FWA-Chef Weber mit Blick auf den Verkauf der Lausitzer Braunkohle von Vattenfall an den tschechischen Konzern EPH. Auch das Land Brandenburg hat Unterstützung zugesagt.

Die LMBV – von Bund und Ländern finanziert – weigert sich jedoch, die Kosten zu übernehmen. Das Argument: Noch könnten die Grenzwerte eingehalten werden. "Der Bund hat uns signalisiert, dass er sich nicht in der Verantwortung sieht, weil die Grenzwerte nicht überschritten werden", sagt Sven Radigk von der LMBV. "Der Trinkwasserversorger hat für sauberes Wasser zu sorgen und kann sich nach Wasserhaushaltsgesetz nicht darauf verlassen, dass es immer sauberes Spreewasser gibt."

Die Wasserversorger befinden sich damit in einer Zwickmühle: Sie haben die Pflicht, die Bürger mit sauberem Wasser zu versorgen, aber solange die Grenzwerte nicht überschritten werden, gibt es kein Geld. Die FWA will nun mithilfe eines Gutachtens prüfen, gegen wen sich eine Klage richten könnte und welche Chancen sie hätte.

BildDie grünen Landtagsabgeordneten Benjamin Raschke aus Brandenburg und Franziska Schubert aus Sachsen sind mit ihrer "Klare Spree Tour" 500 Kilometer von der Spreequelle bis nach Berlin gefahren. (Foto: Markus Pichlmaier/ideengruen.de)

"Die LMBV weigert sich zu zahlen, weil das Wasserwerk außerhalb ihres Sanierungsgebiets liegt", sagt Annalena Baerbock, klimapolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Ihre Parteikollegen aus Sachsen und Brandenburg forderten heute in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Finanzierung der LMBV, die 2017 ausläuft, weiterhin zu sichern: "Der Bund muss entweder über ein neues Bund-Länder-Abkommen die LMBV adäquat finanziell ausstatten – oder andere effektive Lösungen einsetzen."

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