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Der Ressourcenhunger wächst

Ob bei Erdöl und Kohle, bei Metallen, Kies oder Sand – der Verbrauch von Rohstoffen wächst seit Jahren weltweit ungebremst. Ein verschärfter Klimawandel, steigende Luftverschmutzung, weiter zurückgehende Artenvielfalt und Konflikte um Rohstoffe sind die Folgen des Raubbaus, zeigt ein neuer Report des UN-Umweltprogramms Unep.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Der globale Hunger nach Rohstoffen wie Erdöl und Kohle, Metallen, Kies, Sand und anderen Ressourcen wächst ungebremst. Gibt es keine Trendwende, wird sich der Verbrauch bis 2050 gegenüber heute fast verdreifachen, wie ein neuer Report des UN-Umweltprogramms Unep zeigt.

BildVeraltet schnell und wird dann weggeworfen, mitsamt der Rohstoffe, die darin stecken: Elektronik. (Foto: Zinneke/Wikimedia Commons)

Jedes Jahr müssten dann 180 Milliarden Tonnen Material aus und von der Erde geholt werden, um den Bedarf der dann voraussichtlich neun bis zehn Milliarden Menschen an Lebensmitteln, Energie, Wohnraum und Mobilität zu decken – pro Kopf also rund 20 Tonnen. Die Unep-Experten warnen vor den Folgen eines solchen Raubbaus: verschärfter Klimawandel, steigende Luftverschmutzung, weiter zurückgehende Artenvielfalt und Konflikte um Rohstoffe.

Bereits seit den 1970er Jahren hat der Ressourcenverbrauch stark zugenommen. Er stieg in den vier Jahrzehnten bis 2010 von 22 auf 70 Milliarden Tonnen. Besonders steil geht die Kurve seit dem Jahr 2000 nach oben. Hauptgrund ist der Wirtschaftsboom in den Schwellenländern wie China, Brasilien und Südafrika. Für die wachsende Industrie und die rasante Verstädterung wird dort laut dem Report eine "beispiellose Menge an Eisen, Stahl, Zement und anderem Baumaterial" verbraucht.

Kaum noch Fortschritte bei der Materialeffizienz

Die Hoffnung, den weltweiten Trend durch einen effizienteren Einsatz der Rohstoffe und durch Recycling umzukehren, erfüllte sich nicht. Seit 1990 hat es nach der Unep-Analyse nur noch geringe Fortschritte in der globalen Materialeffizienz gegeben. Etwa seit der Jahrhundertwende sinkt sie sogar. Das heißt: Gemessen an der Wirtschaftsleistung wird heute im weltweiten Durchschnitt mehr Material verbraucht als um das Jahr 2000. Ursache: Der Schwerpunkt der Produktion hat sich von relativ Material-sparsamen Ökonomien wie der EU, Japan und Südkorea in Länder und Regionen wie China, Indien und Südostasien verlagert, deren Wirtschaft weniger effizient ist.

Der Nutzen aus den Ressourcen ist indes weiterhin weltweit sehr ungleich verteilt. Die reichsten Nationen verbrauchen je Bürger rund zehnmal so viel Rohstoffe wie die ärmsten. Die USA, Kanada und die EU-Staaten liegen mit einem "Material-Fußabdruck" von 20 bis 25 Tonnen pro Kopf an der Spitze, die afrikanischen Länder hingegen kommen im Schnitt auf weniger als drei Tonnen, einige bleiben noch deutlich darunter.

Die Schwellenländer haben sich zunehmend den Werten der alten Industrieländer angenähert. China kam 2010 auf einen Fußabdruck von 14 Tonnen, Brasilien auf 13 Tonnen. Entwicklungsländer etwa in Asien oder Lateinamerika liegen bei neun oder zehn Tonnen.

Die Rohstoffexpertin Alicia Bárcena Ibarra warnt: "Das alarmierende Tempo, mit dem die Ressourcen gewonnen werden, hat bereits heute schwerwiegende Folgen auf die Gesundheit der Menschen und ihre Lebensqualität." Es sei offensichtlich, dass die derzeitigen Produktions- und Konsummuster nicht nachhaltig sind. Die Staaten müssten dieses Problem dringend anpacken, bevor die Ressourcen erschöpft seien, die nötig sind, "um die Armut weltweit zu beseitigen". Das "sehr komplexe Problem" zu bewältigen sei eine der größten Aufgaben der Menschheit.

Bárcena ist die Ko-Chefin des "Internationalen Ressourcen-Rats" IRP, der beim Unep angesiedelt ist und die Studie erarbeitet hat. Dem Gremium gehören 34 internationale Experten an, aus Deutschland etwa der Ko-Präsident des Thinktanks Club of Rome und frühere Präsident des Wuppertal-Instituts Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Wirtschaftswachstum und Ressourcen-Einsatz entkoppeln

Die IRP-Experten fordern Regierungen und Unternehmen weltweit auf, die Anstrengungen zur Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcen-Einsatz zu erhöhen. Dies nütze nicht nur der Umwelt, sondern schaffe auch neue, nachhaltige Job-Chancen. Zudem empfiehlt der Ressourcenrat, die Gewinnung von Primär-Rohstoffen zu verteuern, um so die sozialen und ökologischen Kosten widerzuspiegeln, die mit ihrer Gewinnung verbunden sind, und die Nachfrage zu senken – zugunsten von Recyclingmaterial und sparsamerem Materialeinsatz. Die Einnahmen daraus sollten genutzt werden, um in mehr Forschung und Entwicklung zur Materialeffizienz zu investieren, so der Rat.

Nicht alle Experten sehen die Lage so kritisch. Rohstoffanalyst Thorsten Proettel von der Landesbank Baden-Württemberg zum Beispiel glaubt nicht, dass die Ressourcen knapp werden könnten. "Es gibt Entwicklungen, die dagegen sprechen, dass sich dieser Trend fortschreibt." Der Mensch habe genug Erfindungsgabe, dass er stets an neue Rohstoffe gelangen könne. "Etwa in der Antarktis gibt es noch riesige Vorkommen", wird der Analyst von der Wiener Zeitung Der Standard zitiert.

BildLäuft und läuft und läuft: Erdölpumpe. (Foto: Paul Lowry/Flickr)

Proettel zufolge versucht besonders China zudem den Schwenk zu einer konsumorientierten Binnenwirtschaft, was den Ressourcenhunger verringere. Außerdem verweist der Experte darauf, dass die Effizienzgewinne bei der Energienutzung oder bei der Rohstoff-Wiederverwertung noch längst nicht ausgereizt seien.

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