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Unep legt Umweltbilanz vor

Luftverschmutzung, übernutzte Böden, Wassermangel, Vermüllung, Klimawandel: Die Bilanz des UN-Umweltprogramms Unep zum Zustand der globalen Ökosysteme fällt nicht gut aus. Die Umweltlage verschlechtert sich schneller als bislang gedacht, heißt es in ihrem neuen Report "Global Environment Outlook". Das bringt die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen in Gefahr.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille 

Nicht nur der Klimawandel, der Indien derzeit eine extreme Hitzewelle und mit 51 Grad Celsius einen neuen Temperaturrekord brachte, setzt dem Planeten Erde zu. Weitere kritische Faktoren sind vor allem der Verlust an fruchtbarem Land, die zunehmende Knappheit von sauberem Wasser und der Schwund der Artenvielfalt. 

BildSo sieht es an vielen Küsten der Welt aus. (Foto: EH Greens/Flickr)

Die Umweltsituation verschlechtere sich "schneller als bisher gedacht", warnt der neue "Global Environment Outlook" (GEO), der jetzt vom UN-Umweltprogramm Unep in Nairobi veröffentlicht wurde. Die Länder der Erde müssten ihre Anstrengungen zur Lösung dieser ökologischen Probleme dringend verstärken, wird darin gefordert. Sonst seien die von den Vereinten Nationen im Herbst verabschiedeten Ziele für eine globale nachhaltige Entwicklung bis 2030 nicht zu erreichen.

Der neue "GEO" gilt als aufwendigste Bestandsaufnahme der globalen Umweltlage. Der Report ist der sechste dieser Art, den Unep herausgibt. Mehr als 160 Regierungen und über 1.200 Forscher aus mehreren hundert Wissenschaftsorganisationen waren daran beteiligt. Veröffentlicht wurde er zur "UN-Umweltversammlung", die in dieser Woche in Nairobi stattfindet

Der Bericht zeigt an zahlreichen Beispielen auf, dass die ökologischen Veränderungen bereits heute große Schäden verursachen. So sei der bereits eingetretene Meeresspiegel-Anstieg dafür verantwortlich, dass Hurrikan "Sandy" bei seiner Attacke auf New York im Jahr 2012 rund 65.000 Quadratkilometer zusätzliche Fläche überspülte und dort die Häuser von rund 80.000 Menschen in Mitleidenschaft zog. 

"Solche Folgen werden sich in näherer und weiterer Zukunft verstärken", warnt Unep. Als Hauptfaktor für den weltweit steigenden Verbrauch von Energie und anderen Ressourcen identifiziert "GEO 6" den wachsenden Wohlstand, der mit nicht nachhaltigen Produktions- und Konsumstrukturen erzeugt wird. Der Hauptgrund dafür sei die global wachsende Mittelklasse, die sich an westlichen Lebensmustern orientiere. Laut dem Report wird diese Gesellschaftsschicht von derzeit 1,8 auf 4,9 Milliarden Menschen im Jahr 2030 anwachsen – mit dem größten Plus in Asien. 

Unep-Direktor Achim Steiner sagte: "Dank dem Report wissen wir heute mehr über die Lage der Umwelt als je zuvor. Es ist wichtig, dass wir begreifen, wie schnell die Umweltveränderungen ablaufen." Die positive Botschaft von "GEO 6" laute, dass immerhin noch Zeit bleibe, die gravierendsten Folgen der Umweltveränderungen abzuwenden – darunter die zunehmende Schädigung der Meeres-Ökosysteme und die wachsende Luftverschmutzung durch Feinstaub und Stickoxide vor allem in den Großstädten und Megacitys. Letztere hat sich laut dem Bericht zu dem am weitesten verbreiteten Gesundheitsrisiko entwickelt. 

Unep gibt in dem Report eine Reihe Empfehlungen, darunter eine schnellere Abkehr von den fossilen Energien, die Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch sowie die Förderung von nachhaltigen Produktions- und Konsumstrukturen. Zentral sei es auch, dafür zu sorgen, dass die bisher auf die Allgemeinheit abgewälzten Umweltkosten in die Preise der Produkte und Dienstleistungen eingerechnet werden. 

"GEO 6" stellt die Welt-Lage in sechs Regionalreports dar, der Report für Europa erscheint erst Anfang Juni.  

BildDas Foto entstand aber nicht in Asien ... (Foto: EH Greens/Flickr)

AFRIKA 

Hauptprobleme: Übernutzung von Böden, Luftverschmutzung, zu wenig sauberes Wasser und mangelhafte Abwasser-Entsorgung. 
Böden: Bereits jetzt sind auf dem Kontinent rund 500.000 Quadratmeter durch Erosion, Versalzung, Bebauung und Schadstoffbelastung degradiert. Weitere Schäden werden bei stark wachsender Bevölkerung unter anderem durch Übernutzung, schlechte Bewässerungsmethoden und den Klimawandel erwartet. Die Waldbedeckung wird vor allem wegen des steigenden Bedarfs an Agrarland und Feuerholz sinken. Folgen: geringere Nahrungsmittelsicherheit und mehr Flüchtlinge. 
Luftverschmutzung: Schmutzige Luft in Häusern und Hütten ist verantwortlich für rund 600.000 vorzeitige Todesfälle jährlich. Ursache ist die Nutzung von Holz und Dung zum Kochen, Heizen und für die Beleuchtung. Rund 90 Prozent der Bevölkerung leiden unter dieser Belastung. 
Wasser und Abwasser: Knapp ein Drittel der Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, allerdings ist der Anteil zuletzt leicht gesunken. Die Abwasser-Entsorgung ist besonders südlich der Sahara kritisch, über die Hälfte der Menschen dort hat keinen Zugang zu Sanitäranlagen.

ASIEN-PAZIFIK-REGION

Hauptprobleme: Naturkatastrophen, Abholzung, stark ansteigender Konsum, Müllentsorgung 
Naturkatastrophen: Die Region Asien/Pazifik verzeichnet weltweit die meisten Naturkatastrophen – Anteil: 41 Prozent seit 1995. Die Zahl der Rekord-Regenfälle stieg um 56 Prozent zwischen 1981 und 2010. In den nächsten Jahrzehnten werden hunderte Millionen Menschen in den Megacitys wie Shanghai, Bangkok und Mumbai durch den Meeresspiegelanstieg von Überflutungen bedroht sein. 
Abholzung: In Südostasien verschwinden jährlich über eine Million Hektar Wald, unter anderem für Palmöl-Plantagen; das verstärkt den Treibhauseffekt. 
Konsum: Starkes Wirtschaftswachstum in Ländern wie China, Südkorea und den Philippinen hat viele aus der Armut geholt. Es führt aber auch zu steigender Luftverschmutzung, Wasserknappheit und Müllproblemen. 
Müll: Abfall wird meist unkontrolliert auf Müllkippen entsorgt oder offen verbrannt. Die Folge sind oft Gesundheitsschäden bei Anwohnern. Laut Schätzungen nutzen 30 Prozent der Menschen Trinkwasser, das mit Fäkalkeimen belastet ist.

NAHER OSTEN 

Hauptprobleme: Degradierte Böden und Wüstenbildung, Wasserknappheit, umweltbedingte Gesundheitsmängel, militärische Konflikte 
Böden: Immer mehr Böden werden übernutzt und die Wüstenbildung schreitet voran – das sind neben Wassermangel die größten Herausforderungen in der Region. Sie erschweren die Nahrungsmittelproduktion und verändern das Klima. Das starke Bevölkerungswachstum und die zahlreichen Konflikte wie in Syrien, Irak und Jemen haben bereits dazu geführt, dass die "Tragekapazität" der Böden überschritten ist. 
Wasser: Der Wasserbedarf steigt weiter an, die Wasserqualität sinkt und Grundwasser-Reserven werden übernutzt. Nur vier von zwölf Staaten in der Region erreichen das Minimum von 1.000 Kubikmetern pro Kopf und Jahr. 
Gesundheit: Hauptursachen für umweltbedingte Krankheiten sind Luftverschmutzung in den Städten und zunehmende Sandstürme, Mangel an sauberem Trinkwasser, Belastung durch giftige Chemikalien und Abfälle. Folge: Rund 230.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr.
Konflikte: Die militärischen Konflikte fordern nicht nur zigtausende Tote, die verschossene Munition gefährdet auch die Umwelt etwa durch Schwermetalle. 

NORDAMERIKA 

Hauptprobleme: Klimawandel, Wassermangel, Belastung der Küstenzonen und Meere 
Klimawandel: Die Veränderungen machen sich in mehreren Region bereits deutlich bemerkbar. So werden starke Gletscherschmelzen in Alaska, der kanadischen Arktis und auf Grönland festgestellt. Jahrelange Trockenheits-Perioden, die Texas und Kalifornien in diesem Jahrzehnt heimsuchten, fielen laut Klimaforschern um 15 bis 20 Prozent heftiger aus, als es ohne Erderwärmung der Fall gewesen wäre. Die Folgen der Hurrikane "Katrina" und "Sandy" wurden so verstärkt; "Sandy" kostete 150 Menschenleben, die Schäden beliefen sich auf 70 Milliarden Dollar. 
Wasserqualität: Die Trinkwasserqualität ist im Durchschnitt sehr gut. Regional allerdings nehmen die Probleme durch Wassermangel zu – etwa in den Getreideanbaugebieten im Mittleren Westen und in Kalifornien. Sorgen macht auch, dass die Fracking-Methoden zur Erdgas- und Erdölgewinnung das Grundwasser belasten könnten – und Erdbeben erzeugen. 
Küsten: Küstenzonen und Meere sind unter Stress, unter anderem durch Meeresspiegelanstieg, Überdüngung, Übersäuerung und Vermüllung.

Bild... sondern an einem westeuropäischen Hafen. (Foto: EH Greens/Flickr)

LATEINAMERIKA/KARIBIK 

Hauptprobleme: Klimaveränderungen, Zunahme der Treibhausgase, Luftverschmutzung, Schadstoffe aus der Landwirtschaft 
Klimawandel: Die Gletscher der Anden, die Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgen, schmelzen rapide ab. Extreme Wetterereignisse nehmen zu, die ökonomischen Folgen sind bereits spürbar. Fortschritte gibt es beim Schutz der Ozonschicht, es werden deutlich weniger ozonzerstörende Chemikalien ausgestoßen. 
Treibhausgase: Der Ausstoß von CO2, Methan und Lachgas steigt wegen zunehmender Verstädterung, höherem Energieverbrauch und einer intensivierten Landwirtschaft, für die Wälder vernichtet werden. Die wachsende Viehwirtschaft, speziell die Rinderzucht, führt zu hohen Emissionen des Klimagases Methan – plus 19 Prozent von 2000 bis 2010. 
Agrar-Schadstoffe: Ausweitung und Intensivierung der Landwirtschaft, unter anderem für den Export, lassen auch die Stickstoff-Belastung stark steigen. Folgen: Überdüngung, sinkende Artenvielfalt, Gewässerbelastung. 
Atemluft: Über 100 Millionen Menschen leben in Gebieten mit gefährlicher Luftverschmutzung. In den meisten Städten liegt die Belastung mit Feinstaub über den WHO-Grenzwerten.

[Erklärung]  
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