Südostasien leidet und leidet

Das Wetterphänomen El Niño führt zu Dürre in Südostasien. Besonders betroffen ist Vietnam, das die schlimmste Trockenperiode seit 90 Jahren durchmacht. Aber auch in Thailand leidet die Landwirtschaft und das bei Touristen beliebte Songkranfest soll verkürzt werden.

Aus Chiang Mai (Thailand) Christian Mihatsch

Die Flussdeltas sind die Lebensadern Südostasiens – hier finden sich die größten Städte und die wichtigsten Landwirtschaftsgebiete. Dies gilt sowohl für das Mekongdelta westlich der vietnamesischen Metropole Saigon als auch für das Chao-Phraya-Delta mit Thailands Hauptstadt Bangkok. Die beiden Länder haben aber noch mehr gemeinsam: eine Dürre. 

BildJahrhundertdürre: Der Mekong, die Lebensader Südostasiens, hat den tiefsten Stand seit 90 Jahren erreicht. (Foto: Nick Reimer)

"Der Wasserstand des Mekongs hat den tiefsten Stand seit 1926 erreicht", sagt Nguyen Van Tinh vom vietnamesischen Landwirtschaftsministerium, und dies habe zwei Konsequenzen: "Dürre und Versalzung." Asiens Flussdeltas liegen nur knapp über dem Meeresspiegel. Wenn die Flüsse zu wenig Wasser führen, drückt salzhaltiges Meerwasser die Flüsse hoch und gelangt ins Grundwasser, was die Reisfelder schädigt.

Bei einem Krisentreffen der vietnamesischen Regierung erläuterte Cao Duc Phat, Agrarminister des Landes, das Ausmaß des Problems: Anfang März seien Reisfelder mit einer Fläche von 1.390 Quadratkilometern von Versalzung betroffen gewesen, aber "wenn die Dürre bis Juni anhält, dann werden 5.000 Quadratkilometer nicht rechtzeitig zur Herbstsaison bepflanzt werden können" – also eine Verschlimmerung um das Dreifache. Etwas Entlastung dürfte allerdings eine Maßnahme Chinas bringen: Das Nachbarland im Norden hat zugestimmt, mehr Wasser aus einem Stausee in den Mekong zu leiten.

Leere Stauseen, versalzenes Grundwasser

Auch weiter westlich in Thailand spitzt sich die Lage zu. Schon im vergangenen Jahr war nicht genug Wasser da, um die Felder entlang des Flusses Chao Phraya wie gewohnt zu nutzen, und dieses Jahr sind die Stauseen noch leerer. Die vier größten Reservoire sind nur noch zu 17 Prozent gefüllt. Das ist zu wenig, selbst wenn die Regenzeit wie gewohnt im Juni einsetzt. Die Regierung plant daher, die Reisproduktion in der kommenden Saison auf 27 Millionen Tonnen zu reduzieren – ein Viertel weniger als in einem normalen Jahr. Der Wassermangel zeigt sich auch bei der Zuckerproduktion. Die könnte dieses Jahr auf unter 100 Millionen Tonnen sinken – ein Fünf-Jahres-Tief.

BildReisanbau in Vietnam: Was hier gedeiht, ist dieses Jahr durch Versalzung und Dürre bedroht. (Foto: Nick Reimer)

Der Wassermangel wird sogar Folgen für die Songkran-Festivitäten zum Thai-Neujahr haben. Dann findet an vielen Orten des Landes eine viertägige Wasserschlacht statt. In Bangkok soll die Wassergaudi dieses Jahr aber auf drei Tage verkürzt werden.

"Der Verzicht ist teilweise symbolisch", gibt Bangkoks Vizegouverneur Amorn Kijchawengjul zu. "Wir wollen nicht, dass Stadtbewohner sorglos Wasser herumspritzen, während die Bauern zu kämpfen haben." Denn wie immer sind die Ärmsten am stärksten betroffen: Thailands Nationaler Entwicklungsrat NESDB schätzt, dass die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten um knapp eine halbe Million Menschen auf knapp 12,3 Millionen gefallen ist.

Die Dürre ist Folge des Wetterphänomens El Niño. Dabei erwärmt sich das Wasser im Pazifik ungewöhnlich stark, was Folgen für das weltweite Wetter hat. Nicht nur in Südostasien herrscht Dürre, sondern auch in Indien, am Horn von Afrika, in Südafrika und in der Karibik. Gleichzeitig gab es in Florida im Januar und Februar 18 Hurrikane statt wie normal sieben. Der aktuelle El Niño ist besonders stark: Zeitweise lag die Wassertemperatur in Teilen des Pazifiks um zwei Grad über dem Durchschnitt. Aus Sicht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ist aber noch unklar, ob es der stärkste El Niño seit Beginn der Messungen war.

Mehr "Extrem-El-Niños" durch Klimawandel

Allerdings geht die WMO davon aus, dass das Phänomen seinen Höhepunkt überschritten hat und gegen Mitte des Jahres abebbt. Die Folgen werden aber noch länger zu spüren sein, warnt WMO-Chef Petteri Taalas: "Aus meteorologischer Sicht nimmt der El Niño jetzt ab. Aber wir dürfen jetzt nicht nachlässig werden, weil er immer noch recht stark ist und aus humanitärer und wirtschaftlicher Sicht die Folgen noch für viele Monate anhalten werden."

BildBeten für höheren Beistand in Bangkok. (Foto: Nick Reimer)

Mit ein Grund für die Wucht des aktuellen El Niños könnte der Klimawandel sein. Eine Studie im Wissenschaftsmagazin Nature kommt zum Schluss, dass der Treibhauseffekt zu einem doppelt so häufigen Auftreten derartiger "Extrem-El-Niños" führt. Die Zusammenhänge zwischen den beiden Wärmephänomenen hofft Taalas nun besser verstehen zu können: "Wissenschaftliche Untersuchungen während dieses (El-Niño-)Ereignisses werden unser Verständnis der Wechselwirkungen zwischen diesem natürlichen Ereignis und dem menschengemachten Klimawandel verbessern."

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