Afrika: Nachttemperaturen über 40 Grad

Der Kontinent leidet unter einer schweren Dürre und steht vor einer Hungerkatastrophe. Schuld ist das Wetterphänomen El Niño. Aber auch die Landnutzung und der Klimawandel tragen dazu bei, dass immer öfter der Notstand herrscht.

Von Susanne Götze

Das World Food Programme warnt schon seit Monaten: Das Überleben von Millionen Menschen ist durch die Folgen des Wetterphänomens El Niño bedroht. Bereits das zweite Jahr in Folge herrscht Wasserknappheit in afrikanischen und zentralamerikanischen Ländern. "In einigen Regionen Afrikas hat es schon das ganze vergangene Jahr nicht geregnet, die andauernde Trockenzeit durch den El Niño verschärft die Situation nun noch", sagt Fred Hattermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

BildAfrikanischer Markt: Bald könnten in einigen Ländern des Kontinentes die Lebensmittel knapp werden. (Foto: Elin Britt/flickr.com)

Bei einem El Niño erwärmt sich das Oberflächenwasser im tropischen Pazifik, dadurch verändern sich Meeresströmungen und es kommt zu Wetteranomalien, darunter Dürren, Starkregen und weltweit insgesamt höhere Temperaturen. Im vergangenen Herbst hatten Meteorologen einen Super-El-Niño vorausgesagt – dieser drohe einer der stärksten der vergangenen 50 Jahre zu werden. "Durch die ohnehin knapp bemessene Versorgung, das Bevölkerungswachstum und durch strukturelle Probleme ist Afrika besonders schlecht auf Wetterextreme vorbereitet", sagt Hattermann. "Wenn es zu Klima- oder Wetterschwankungen kommt, geht es gleich Millionen von Menschen an die Existenz." Auch ohne El Niño werden diese Wetterextreme künftig zunehmen. Alle Szenarien der Klimaforschung sprechen hier eine eindeutige Sprache.

Die Vorräte werden knapp

Besonders betroffen sind derzeit das südliche Afrika, Teile Westafrikas und Äthiopien. Die Bundesregierung hat nun 70 Millionen Euro an Nahrungsmittelhilfe zugesagt, 40 Millionen fließen allein ins ostafrikanische Äthiopien. Dort wütete Anfang der 1980er Jahre eine der schlimmsten Hungersnöte, nun könnte sich die Tragödie wiederholen.

"Die Regenzeiten im vergangenen Jahr sind ganz ausgefallen oder waren nur sehr schwach", berichtet Hans Schoeneberger aus Äthiopien, wo er für die staatliche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) arbeitet. "Noch gibt es einige Vorräte aus dem Jahr 2014, aber die werden nicht mehr lange halten", so der Entwicklungshelfer. Es sei nicht das erste Mal, dass El Niño in dieser Region zu Dürren führt.

"Wenn die nächste Regenzeit Ende Februar in Äthiopien auch noch ausfällt, droht hier eine Katastrophe", sagt Schoeneberger. "Allein 18 Millionen Menschen könnten auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein." Acht Millionen seien ohnehin ständig von Lebensmittelhilfen abhängig, mit der Dürre kämen nochmals zehn Millionen hinzu. Der aktuelle El Niño sei einer der stärksten überhaupt – ob der Klimawandel damit zu tun hat, kann der GIZ-Mitarbeiter nur mutmaßen.

Klimawandel wirkt als Verstärker

Auch Klimaforscher sind vorsichtig. Eines sei jedoch klar: Das Wetterphänomen trifft die ohnehin angeschlagenen Regionen Afrikas besonders hart. Dürren und Extremwetter treten immer häufiger auf – auch ohne El Niño. Trockene Regionen würden aber durch den Klimawandel stetig trockener und die eher feuchten Gebiete bekämen noch mehr Niederschläge: "Wenn es um Wetterextreme in Afrika geht, sprechen wir nicht nur über Dürren, mittlerweile gibt es auch vielerorts Hochwasser und Sturzfluten", meint PIK-Forscher Hattermann. Das sei nicht weniger gefährlich, denn Starkregen vernichte ganze Ernten und durch Hochwasser kämen regelmäßig Menschen zu Tode. Die Temperaturen würden sich in vielen Regionen Afrikas hingegen stetig nach oben bewegen – egal ob in Trocken- oder Feuchtgebieten.

BildGetreidespenden für Flüchtlinge in Äthiopien: Lebensrettung, aber keine nachhaltige Lösung. (Foto: Ian Steele/​UN Photo)

Laut einer am Montag veröffentlichten Studie von Klimaforschern, darunter auch Stefan Rahmstorf vom PIK, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass der globale Temperaturanstieg ohne die menschlichen Eingriffe ins Klima zu erklären ist. Es sei kein Zufall, dass 13 der 15 wärmsten Jahre im 21. Jahrhundert liegen. Der menschengemachte Klimawandel hat System und ist keine bloße Aneinanderreihung von "natürlichen Schwankungen", schlussfolgern die Wissenschaftler. Denn diese könnten die beobachteten Wärmerekorde nicht erklären. Lokal habe die Erwärmung vielerorts zu nie dagewesenen Hitzewellen geführt, die Menschenleben gekostet und Dürren und Waldbrände verschlimmert haben.

Viele Dürren sind hausgemacht

"Dürren entstehen in Afrika vor allem durch die Folgen von lokalen Klimaveränderungen und Landnahme-Effekten", meint Heiko Paeth von der Universität Würzburg. "Sie sind also oft hausgemacht", erklärt der Klimaforscher. Durch intensive Landnutzung und Abholzung für Weideflächen oder Landwirtschaft verändere sich das örtliche Klima.

Schuld daran ist die Unterbrechung des sogenannten "kleinen Wasserkreislaufs" von Niederschlag, Abfluss und Verdunstung. Dieser funktioniere nur dort, wo es auch ausgeprägte Vegetation gebe, etwa Buschlandschaft oder Wälder, erläutert Paeth. Wird der Wasserkreislauf teilweise unterbunden, erhöhen sich auch die Temperaturen. Angeheizt wird das Klima dann noch von dem ohnehin vorhandenen globalen Treibhauseffekt. "So kommt es, dass wir in solchen Ländern schon über 40 Grad mitten in der Nacht gemessen haben", berichtet der Klimaforscher.

In vielen afrikanischen Ländern verläuft der Klimawandel ungleich schneller als beispielsweise in Europa. "Bis 2050 werden dort Temperaturen herrschen, die im Rest der Welt erst um 2100 erreicht werden", so Heiko Paeth. Einige Szenarien rechnen in den Regionen Westafrikas dabei mit vier Grad durchschnittlicher Temperaturerhöhung.

Landwirtschaft muss widerstandsfähiger werden

Verschärft werden die Extremwetter und ausfallenden Ernten in Ostafrika durch lokale Konflikte – beispielsweise im als unregierbar geltenden Somalia. In den vergangenen 20 Jahren kam es zu drei großen Dürreperioden in der Region, die letzte davon 2011, damals hungerten über elf Millionen Menschen. Flüchtlinge aus Somalia ließen sich dann wiederum in Ländern wie Äthiopien nieder, deren Lage ebenfalls schwierig ist, erklärt GIZ-Mitarbeiter Schöneberger.

Auch Hattermann vom PIK stimmt ein: Es müsse viel getan werden, um dem Wettlauf von wachsender Bevölkerung und der Zunahme von Extremwettern etwas entgegenzusetzen. Wenn Regierungen und Hilfsorganisationen nicht helfen, die afrikanische Landwirtschaft widerstandsfähiger zu machen, könnte es zu weiteren Massen-Fluchtbewegungen kommen. "Afrika kann zum Selbstversorger werden – aber dafür muss viel passieren."

BildFast ein Jahr kein Regen: In Ländern wie Äthiopien warten die Menschen auf Regen, in anderen Regionen Afrikas gibt es Hochwasser und Sturzfluten. (Foto: Taner Torun/Pixabay)

Die äthiopische Regierung will nun zusammen mit Hilfsorganisationen eine Million Tonnen Getreide importieren. Doch auch die sind irgendwann alle. Bleibt dann nur noch das Hoffen auf Regen im Februar, damit im August die nächste Ernte eingefahren werden kann.

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen